Zwar reist die Schweiz mit dem zahlenmässig grössten Kontingent der Geschichte von 16 Athletinnen und 3 Athleten nach London. Nicht weniger als 9 davon haben bei internationalen Titelkämpfen von Nachwuchs oder Elite schon Edelmetall gewonnen. Elf Schweizer Rekorde durch das «London-Team» allein in diesem Jahr zeugen von der Formstärke der nationalen Leichtathletik-Aushängeschilder. Und dass die Schweizer WM-Delegation gleich viele Athleten (19) zählt wie die unter neutraler Flagge startende russische Rumpfmannschaft, mag in der WM-Historie sogar einmalig sein.

Aber all diese Faktoren können nicht kaschieren, dass es im Schweizer Team realistisch gesehen keine Medaillenkandidaten gibt, so wie dies vor zwanzig und mehr Jahren mit Werner Günthör, André Bucher oder Anita Weyermann der Fall war. Dennoch ist die Schweiz an der WM mehr als ein Farbtupfer. Sie ist ein Lichtblick, in der aktuellen Leichtathletik gar ein Sonderfall.

Skandale und Schwierigkeiten

Die Weltsportart befindet sich derzeit nicht gerade im Flow. Sie wird geplagt von Skandalen, Schwierigkeiten und Vergangenheitsbewältigungen: Elendige Korruptionsgeschichten um die eben erst abgelöste Führungsriege. Rekordhohe Dopingquoten bei allen olympischen Nachtests. Verbannung des russischen Verbandes wegen systematischen Doping-
betrugs. Ein sich rasant ausbreitender Dopingskandal um die grossen Laufnationen in Afrika. Und problematische Lösungsfindungen für den Umgang mit intersexuellen Athletinnen, allen voran 800-m-Olympiasiegerin Caster Semenya. Es gibt also genügend Gründe für Eltern, ihren Kindern vom Einstieg in diese Welt abzuraten.

Sorgte für viel Diskussionsstoff: Caster Semenya. Keystone/Archiv

Sorgte für viel Diskussionsstoff: Caster Semenya. Keystone/Archiv

Doch in dieser Welt ist die Schweiz für einmal tatsächlich anders. Das Image der Leichtathletik ist hierzulande so gut wie wohl noch nie. Die Popularität der Sportart gerade bei den Jungen steigt in Richtung Siedepunkt. Das Publikumsinteresse lässt selbst nationale Meetings und Schweizer Meisterschaften zu Happenings erstrahlen. Die Anzahl der lizenzierten Athletinnen und Athleten steigt trotz viel grösserer Konkurrenz durch neue, trendige Sportarten als zu den Blütezeiten in den Neunzigerjahren.

Leichtathletik als Trendsport

Das Hoch der Schweizer Leichtathletik ist nicht gottgegeben. Es ist Konsequenz von verschiedenen Faktoren, welche üblicherweise als Problemzonen der Eidgenossenschaft deklariert werden. Etwa die Angst vor dem Grossanlass. Swiss Athletics hatte den Mut, die Europameisterschaft 2014 ins Land zu holen. Sie diente als Initialzündung der heutigen Erfolgsstory. Oder das Engagement eines Sponsors im Nachwuchssport.

Der UBS Kids Cup bot die Gelegenheit, Kinder in Massen für die Leichtathletik zu begeistern. Oder die Glaubwürdigkeit eines Verbandes. Dieser finanziert die Ausdehnung der Dopingkontrollen in den nationalen Kadern aus der eigenen Tasche freiwillig mit, weil sie für die Glaubwürdigkeit einer Sportart elementar ist.

Viele begeisterte Teilnehmer am UBS-Kids-Cup. zvg

Viele begeisterte Teilnehmer am UBS-Kids-Cup. zvg

Und zu guter Letzt die Folgen der grosszügigen Schweizer Einwanderungspolitik. Nur zu oft gelten Migranten als Last. In der Leichtathletik sind sie ein Segen. Mehr als die Hälfte aller internationalen Erfolge haben sie in den letzten vier Jahren beigesteuert. Stolz auf das Schweizer Kreuz auf ihrem Dress.