Skispringen

Der Skispringen-Weltmeister Andreas Küttel kehrt zurück

2011 stellten die «Zwillinge» Simon Ammann (links) und Andreas Küttel ihre gemeinsame Biografie vor.

2011 stellten die «Zwillinge» Simon Ammann (links) und Andreas Küttel ihre gemeinsame Biografie vor.

Andreas Küttel verstärkt in dieser Saison das Schweizer Betreuungsteam – nicht wegen, aber auch für seinen Freund Simon Ammann.

Während 15 Jahren waren sie ein kongeniales Duo auf den Sprungschanzen dieser Welt. Vierfach-Olympiasieger Simon Ammann und Weltmeister Andreas Küttel erlebten gemeinsame Höhen und Tiefen. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die auch nach dem Karriereende Küttels im Jahr 2011 Bestand hielt.

In einer Doppel-Biografie mit dem Titel «Die ungleichen Zwillinge» wurde das sportliche Meisterwerk der zwei symbiotischen Skispringer gewürdigt. Hier der sachliche, organisierte Innerschweizer Küttel, welcher die Situation stets auf den Punkt bringt. Dort der zerstreute, spontane Toggenburger Ammann, der gerne mal abschweift.

Seit der Saison 2011/2012 gehen die beiden getrennte Wege. Während der 36-jährige Ammann die Achterbahnfahrt seiner Gefühle weiterhin als Athlet auf der Schanze aus- und erlebt, ist der 38-jährige Küttel mit seiner polnischen Ehefrau direkt im Anschluss an seine Sportlerkarriere nach Dänemark ausgewandert.

Nahe der deutschen Grenze hat sich der Turn- und Sportlehrer niedergelassen und an der Uni seine Doktorarbeit geschrieben – zum sinnigen Thema des Übergangs vom Athleten- ins Berufsleben. «Ich habe damals bewusst Abstand gesucht vom Skispringen», sagt der Einsiedler.

Ratgeber für die Jungen

Nun ist Andreas Küttel also wieder zurück an der Schanze. Zwar nur temporär als Verstärkung im Schweizer Skisprungteam und ohne definierten Titel der neuen Rolle. Aber alleine mit seiner Präsenz und seinem Charisma doch unglaublich wertvoll vor allem für die jungen Athleten.
Bei diesen liegt auch der Fokus seiner Arbeit. Denn Simon Ammann mag für das halbe Dutzend Schweizer Skispringer mit Perspektiven zwar noch immer grosses Vorbild sein, mit seinem eigenen Dauerringen um Anschluss an die Weltspitze aber nur bedingt der richtige Takt- und Ideengeber.

Der Blick in die nahe Vergangenheit birgt bei den Verantwortlichen Unzufriedenheit – über die Bilanz der letzten Saison und über die Stagnation der Nach-Ammann-Generation. Keiner davon hat sich für höhere Aufgaben empfehlen können. Genau hier soll Küttels Arbeit ansetzen.

Spitzensport als Lebensstil

Er hat als ehemaliger Athlet die Glaubwürdigkeit, er hat als Sportlehrer mit psychologischem Background die wissenschaftliche Kompetenz und er hat als strukturierter und durchdachter Mensch die Fähigkeit, um Situationen zu erkennen und Probleme zu lösen.

«Spitzensport ist heute ein Lebensstil», sagt Küttel, «und nur wer auch den Umgang mit den Freiräumen neben dem Training und Wettkampf beherrscht, kann wirklich Erfolg haben.» Bei drei Trainingslagern war er diesen Sommer und Herbst dabei, beim Heimweltcup in Engelberg und in der unmittelbaren Vorbereitung auf die Olympischen Spiele wird er während des Winters zugegen sein. Dazwischen kommuniziert er via Telefon, SMS oder Mail mit den Athleten.

Mit diesen hat er Workshops durchgeführt und ihnen individuelle Hausaufgaben gestellt. Küttel will, dass sich die Schweizer Skispringer grundsätzliche Fragen stellen: Für was wollen wir stehen? Was macht uns aus? Was ist wichtig, um ein guter Skispringer zu sein?

«Ich will, dass die Athleten Prioritäten setzen und sich Gedanken machen, wie und für was sie in ihrem Alltag Zeit investieren.» Der Doktor der Sportwissenschaft ist sich sicher, dass der ganzheitliche Blick zu Fortschritten auf der Schanze führen wird.

Und Begleiter für Ammann

Mit seinem Freund Simon Ammann wird Küttel nicht über solche Themen sprechen müssen. Der erfolgreichste Schweizer Winterolympionike hat den Fokus längst auf seine letzten Olympischen Spiele in Pyeongchang gerichtet. «Simon hatte diese Sachen auch früher schon im Griff», sagt Küttel.

Und dennoch erhofft man sich durch die Präsenz des langjährigen Weggefährten auch für Simi einen zusätzlichen Kick. «Die Zusammenarbeit mit ihm findet auf einer ganz anderen Ebene statt», sagt Küttel. Er ist für den Toggenburger eine Art Sparringpartner. So wie früher, nur nicht mehr auf, sondern neben der Schanze.

Pilot und nicht Passagier

«Mit Simon zu arbeiten, ist für mich eine grosse Herausforderung und sehr spannend zugleich», gibt Andreas Küttel zu. Er ist überrascht, wie offen Ammann für seine Inputs ist. «Ich erlebe ihn als sehr zielgerichtet. Simon arbeitet extrem aufgabenbezogen, setzt ganz klare Prioritäten. So fokussiert habe ich ihn schon lange nicht mehr erlebt.»

Noch in der letzten Saison hatte Küttel kritisiert, dass sich der vierfache Olympiasieger verzettle. Vielleicht ist die Präsenz Andreas Küttel ja genau jenes Puzzleteil, welches Ammann braucht, um die verlorene Sicherheit beim Skispringen wieder zu verinnerlichen. Oder wie es Küttel ausdrückt: «Simon muss beim Sprung wieder Pilot und nicht Passagier sein.»

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