Die Szene ist eine Sensation. Wohl auch ein Symbol dafür, was sich an der Spitze des Schweizer Fussballs gerade so tut. Wo die Young Boys in der Super League dem FC Basel im Stile eines TGV davonbrausen und ihn auch im Cup demütigen.

In jenem Cup-Halbfinal Ende Februar hat sich Djibril Sow tief in der eigenen Platzhälfte den Ball geholt und ist dann am linken Flügel losgerannt, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. In Wirklichkeit war es aber Dimitri Oberlin, der die Verfolgung von Sow aufnahm. Jener Oberlin, der in der Champions League gegen Benfica mit einem sagenhaften Sprint über das ganze Spielfeld für Aufsehen gesorgt hatte und hinterher mit 100-m-Ikone Usain Bolt verglichen wurde: Usain Oberlin.

Bekannt nach Penaltyschiessen

Aber Oberlin kann in jener 51. Minute im Stade de Suisse strampeln, wie er will, an Sow kommt er nicht heran. Obwohl dieser die ganze Zeit den Ball am Fuss hat. Ja, dieser Lauf des 21-Jährigen, der mit einem präzisen Zuspiel auf Roger Assalé endet, zählt zu den bisher aufregendsten Ereignissen des Jahres.

Im Fokus steht ein Spieler, den YB im vergangenen Sommer für 2 Millionen Franken von Mönchengladbach geholt hat. Der zwar den Ruf besass, überaus talentiert zu sein, der es aber in zwei Jahren Deutschland nur auf drei kurze Einsätze gebracht hat. Sich in einem davon aber berühmt machte, weil er im Pokalhalbfinal gegen Frankfurt im Penaltyschiessen den letzten Elfmeter nicht ins Tor brachte. Und als dieser Sow am Saisonende im Dress der U21-Nati gegen Bosnien-Herzegowina eine höchst mässige Vorstellung ablieferte, war nicht abzusehen, welch atemberaubende Entwicklung der Zürcher nehmen würde. Obwohl YB-Sportchef Christoph Spycher sagte: «Er besitzt aussergewöhnliche Fähigkeiten.»

Ständig unterwegs

Exemplarisch abzulesen war dies am vergangenen Dienstag in Neuenburg, als Sow, wieder im Trikot der Schweizer U21, gegen Portugal eine fantastische Leistung bot und das 1:0 schoss. Als er sich aber nach der Pause beim Stand von 2:0 verletzte, brach die Mannschaft völlig ein und verlor 2:4. Dass er sich die Blessur nach einem Sprint zurück und einer spektakulären Rettungsaktion zuzog, ist typisch für seine Spielweise.

Sow ist ständig unterwegs, von Strafraum zu Strafraum. Werden Spieler mit einer solch unglaublichen Schnelligkeit gewöhnlich als Flügel eingesetzt, ist der Schlaks ein Regisseur, wie man ihn nur selten sieht. So sagte Mönchengladbachs Trainer André Schuberth: «Djibril hat eine unheimliche Dynamik, wenn er mit dem Ball am Fuss beschleunigt oder Läufe in die Tiefe macht.»

«Mit Spielpraxis kam das Selbstvertrauen»

Heute kann Sow sagen: «Der Wechsel zurück in die Schweiz hat sich für mich gelohnt.» Aufgewachsen in Zürich in der Nähe des Letzigrunds zusammen mit drei älteren Schwestern («Ich habe vier Mütter …») durchlief der Sohn einer Schweizerin und eines Senegalesen die Nachwuchsabteilung des FCZ, sah dann aber wie Oberlin keine Perspektiven mehr, brach die KV-Lehre ab und ging nach Deutschland. Weil er dort aber weniger als erhofft spielte, nahm er ohne Zögern die Offerte an, die ihm YB in Form eines Vierjahresvertrags bot.

Wie der Genfer Kevin Mbabu, der aus England nach Bern kam, hat Sow die Chance beim Schopf gepackt und seine Karriere so richtig lanciert. «Ich habe schon zuvor gewusst, dass ich Potenzial habe», sagt Sow. «Der Grund für meine Entwicklung ist einfach: Ich darf spielen, und mit der Spielpraxis kam das Selbstvertrauen.» Nico Elvedi, sein ehemaliger Schweizer Teamkollege aus Gladbacher Zeiten, sagt: «Ich kenne ihn schon aus FCZ-Zeiten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er den Durchbruch schaffte.»

Einer für die A-Nati?

Sow, der Mitte März die Sportler-RS beendet hat, spielt derzeit so gut, dass immer öfter die Frage gestellt wird, ob er nach rund 40 Nachwuchsländerspielen nicht einer für Petkovic und die A-Nati wäre. Schon vor einem Jahr hatte Sow ein paar Tage mit dem A-Team mittrainiert. Doch Ansprüche stellt er keine. «Nein, ich rechne nicht damit, dass es mir noch an die WM reicht», sagt Sow.

«Ich habe bei YB gelernt, den Ball flach zu halten. Damit fahre ich gut.» Er wolle im Klub einfach weiter so gut wie möglich spielen, sagt Sow bescheiden. «Selbst wenn wir am Montag Basel besiegen, sind wir noch nicht Meister. Es sind dann immer noch neun Runden zu spielen.»