Playoff-Halbfinal
Der SC Bern steht im Playoff-Final: das Protokoll des Meistersturzes

Der SCB beendet das nächste Kapitel seines unglaublichen Playoff-Märchens. Die Mutzen stehen nach einem 4:3-Sieg in Davos im Final und dürfen nun um den Meistertitel kämpfen.

Marcel Kuchta
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Playoff-Halbfinal, SC Bern - HC Davos, 26.03.2016
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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: die Choreo der Davoser Fans.
Eric Blum (rechts) und Ramon Untersander bejubeln Blums Tor zum 3:1.
Berns Treffer zum 4:2 begrabt sämtliche Davoser Hoffnungen.
Die Davoser Torhüter Leonardo Genoni (rechts) und Gilles Senn verlassen das Eis.

Playoff-Halbfinal, SC Bern - HC Davos, 26.03.2016

Keystone

Davos ist über das Osterwochenende noch einmal fest in den Händen der Touristen. Der Ort vibriert, die Lokale sind ausgebucht. An einem wunderbaren Tag wie am Ostersamstag, an welchem stahlblauer Himmel und verschneite Berggipfel zum spätsaisonalen Skivergnügen einladen, versucht der einheimische Hockeyclub, sich gegen das vorzeitige Saisonende zu wehren. Die Vaillant-Arena ist schon seit Tagen ausverkauft. Es scheint gerade so, als ob die HCD-Fans beim möglicherweise letzten Auftritt als amtierender Meister noch einmal live vor Ort sein wollen. «Bitte rückt zusammen auf der Stehrampe. Es wollen noch viele Leute rein», verkündet der Stadionspeaker schon über eine Stunde vor Spielbeginn.

Auch auf dem Eis versuchen die Davoser offensichtlich alles, um zumindest noch ein sechstes Spiel am Ostermontag zu erzwingen. Schon während des Warm-ups geraten der HCD-Kanadier Alex Picard, der gar nicht auf dem Matchblatt aufgeführt ist, und SCB-Bösewicht Timo Helbling aneinander. Picards einzige Aufgabe ist es offensichtlich, die Nerven der Berner zu strapazieren, ohne überhaupt mitzuspielen. Es gelingt ihm kurzzeitig. Es bildet sich ein Rudel, Helbling deckt Picard mit Faustschlägen ein. Der fährt mit einem breiten, zahnlosen Grinsen davon.

Stinkefinger und «Victory»-Zeichen

«Der Niederlage zeigen wir den Finger», steht auf einem riesigen Transparent, welches die HCD-Fans ans Plexiglas geklebt haben. In der Davoser Südkurve thront ein riesiges Plakat, auf welchem eine Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger prangt. «Heute sind wir die Gewinner», lautet der zweite Vers, über welchem die überdimensionierte Hand nun das «Victory»-Zeichen zeigt.

Doch was nützen all die Bemühungen der eigenen Anhänger, wenn die Mannschaft auf dem Eis nicht bereit ist, wenn es wirklich losgeht? Es sind gerade mal 4 Minuten und 16 Sekunden gespielt, als der SC Bern schon sein zweites Tor bejubeln darf. Justin Krueger und Tristan Scherwey sorgen für den Davoser Albtraumstart. Die Defensive des Meisters schläft einmal mehr kollektiv.

Noch schlechterer Start als in den Partien zuvor

Schon in den Halbfinal-Partien eins bis vier war der HCD innert kürzester Frist in Rückstand geraten. 4, 9, 4, und 3 Minuten hatte es jeweils gedauert, ehe der SC Bern seine Führungstreffer bejubeln durfte. Im für die Davoser bereits alles entscheidenden Spiel fällt der Start also tatsächlich noch schlechter aus. Nach knapp zehn Minuten steht es schon 3:1 für die Berner, die sich sogar den Luxus erlauben können, in doppelter Überzahl (!) einen Gegentreffer zu kassieren. Andrew Ebbett und Goalie Jakub Stepanek spielen «Nimm du ihn, ich hab ihn auch nicht» – und Perttu Lindgren stochert den verwaisten Puck ins Berner Tor.
Ist es die mentale Müdigkeit, die die Davoser jedes Mal so früh in Rücklage bringt? Immerhin beweisen die Bündner Kampfgeist und kommen noch einmal auf 2:3 heran. Doch je länger die Partie dauert, umso mehr macht sich der Eindruck breit, dass der Titelverteidiger nicht mehr so recht an seine Chance glaubt. Andres Ambühl vergibt im Mitteldrittel die goldene Ausgleichschance. Cory Conacher nutzt nach Spielhälfte ein weiteres Berner Powerplay zum 2:4. Ist das das Ende aller Davoser Comebackträume?

Der Stimmungspegel im ausverkauften Stadion sinkt mit jeder Minute, die zerrinnt. Nur aus dem Berner Fansektor werden die Jubelgesänge je länger, je lauter. Die Davoser vergeben zwei weitere Gelegenheiten, in Überzahl den Anschlusstreffer zu erzielen. Andres Ambühl, der HCD-Vorzeigekämpfer, trifft die Eisfläche statt den Puck, Dino Wieser scheitert aus bester Position am immer stärker werdenden SCB-Keeper Jakub Stepanek. Dann gelingt dem zuvor unglücklichen Ambühl doch noch der Anschlusstreffer. Die Davoser stürmen wieder, haben im Powerplay mehrere Chancen auf den Ausgleich. Doch er fällt aller Dramatik zum Trotz nicht mehr.

Kann Bern der Titel noch genommen werden?

HCD-Goalie Leonardo Genoni erlebt die letzten Sekunden des Spiels von der Spielerbank aus. Er hat längst einem sechsten Feldspieler Platz machen müssen. Es sind seine letzten Momente im Dress des HC Davos. Ab der kommenden Saison wird er ausgerechnet für die Mannschaft spielen, die seinem aktuellen Arbeitgeber das bittere Playoff-Out eingebrockt hat: den SC Bern. Er wird nach dem Spiel kurioserweise sowohl von den Davoser als auch den Berner Fans gefeiert. Mit drei Meistertiteln im Gepäck zügelt Genoni mit seiner Familie im Sommer nach neun Jahren im Landwassertal ins Unterland. Ob er dort dann gleich wieder mit einem amtierenden Schweizer Meister die neue Saison bestreiten darf?

Es ist momentan nur schwer vorstellbar, dass diese Berner Mannschaft aufgrund der lange Zeit so unbefriedigend verlaufenen Saison am sensationellen Titelgewinn gehindert werden kann. Die Truppe von Headcoach Lars Leuenberger ist seit Wochen im Flow. Wer erst den Qualifikationssieger ZSC Lions in vier Spielen und dann noch den Titelverteidiger Davos in lediglich fünf Partien aus dem Playoff-Rennen wirft, der hat das Zeug dazu, die Saison auf dem Thron abzuschliessen.

Davos - Bern 3:4 (2:3, 0:1, 1:0)

6800 Zuschauer (ausverkauft). – SR Kurmann/Massy, Balazs/Tscherrig. – Tore: 3. Krueger (Moser) 0:1. 5. Scherwey (Blum, Plüss) 0:2. 10. (9:28) Lindgren (Ausschlüsse Dino Wieser, Schneeberger!!) 1:2. 11. (10:10) Blum (Conacher, Roy/Ausschlüsse Dino Wieser, Schneeberger) 1:3. 15. Walser (Setoguchi, Du Bois) 2:3. 33. Conacher (Ebbett, Untersander/Ausschluss Dino Wieser) 2:4. 53. Ambühl (Ausschluss Helbling) 3:4. – Strafen: 6mal 2 Minuten gegen Davos, 7mal 2 Minuten gegen Bern. – PostFinance-Topskorer: Lindgren; Conacher.

Davos: Genoni; Du Bois, Jung; Schneeberger, Forster; Paschoud; Heldner, Guerra; Ambühl, Corvi, Paulsson; Marc Wieser, Lindgren, Axelsson; Setoguchi, Aeschlimann, Dino Wieser; Simion, Walser, Jörg; Egli.

Bern: Stepanek; Jobin, Untersander; Krueger, Blum; Helbling, Flurin Randegger; Kreis; Bodenmann, Ebbett, Moser; Conacher, Roy, Rüfenacht; Luca Hischier, Plüss, Scherwey; Alain Berger, Pascal Berger, Gian-Andrea Randegger; Reichert.

Bemerkungen: Davos ohne Sciaroni (verletzt), Picard, McGrath, Rampazzo, Kessler und Kindschi (alle überzählig), Bern ohne Gerber (krank), Bergenheim, Bührer, Kobasew, Kousa (alle verletzt), Smith, Ness, Müller und Wiedmer (alle überzählig). Paulsson (21.), Hischier (22.) und Heldner (32.) verletzt ausgeschieden. Timeout Davos (33.). Davos ab 59:20 ohne Torhüter.