Der Rückkehrer
Nach mehreren Jahren Unterbruch das Nati-Comeback im hohen Alter: Schafft Reto Ziegler dasselbe wie Zlatan Ibrahimović?

Nach drei Saisons beim FC Dallas in der Major League Soccer in den USA ist der 35-fache Schweizer Internationale in die Heimat zurückgekehrt und hat beim FC Lugano angeheuert. In der Super League zeigt er überzeugende Leistungen, ist voller Leidenschaft - und er will angreifen. Er betont: «Ich habe in der Nati nie meinen Rücktritt erklärt.»

Markus Brütsch aus Lugano
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Zurück in der Super League: Reto Ziegler, FC Lugano.

Zurück in der Super League: Reto Ziegler, FC Lugano.

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Flink tippt Reto Ziegler noch schnell eine Nachricht in sein Smartphone: «Komme etwas später zum Mittagessen.»

Frisch geduscht hat er sich eine Stunde zuvor nach dem Morgentraining des FC Lugano auf der Terrasse des Klubrestaurants an ein Tischchen gesetzt und wird nicht müde zu erzählen, wie es ihm in den letzten drei Jahren ergangen ist. «Die Zeit in Texas war der Hammer. Weil aufgrund der Pandemie aber lange Zeit ungewiss war, ob und wann der Spielbetrieb in der Major League Soccer wieder aufgenommen wird, bin ich in die Schweiz zurückgekehrt», sagt Ziegler. «Da meine Frau im Mai das zweite Kind erwartet und wir unsere Zukunft ohnehin in der Heimat sehen, ist die Anfrage aus Lugano wie gerufen gekommen.» Luganos Sportdirektor Marco Padalino, ein früherer Nati-Kumpel, wollte mit Ziegler das in der Abwehr etwas dünne Aufgebot stärken.

Im Winter wie ein Verrückter trainiert

Jetzt sagt Ziegler: «Ich habe mich schnell eingelebt. Ich konnte bereits beweisen, dass ich meinem Team helfen kann.» Es zahle sich nun eben aus, dass er im Dezember nach der Rückkehr in die Schweiz einen Personaltrainer engagiert und wie ein Verrückter trainiert habe.

Da kann Lausannes Talent Lucas da Cunha nur staunen, mit welcher Dynamik der 35-jährige Reto Ziegler (rechts) auftrumpft.

Da kann Lausannes Talent Lucas da Cunha nur staunen, mit welcher Dynamik der 35-jährige Reto Ziegler (rechts) auftrumpft.

Keystone

Es läuft ihm und dem FC Lugano gerade perfekt. In der Super League hat er in den letzten vier Partien durchgespielt und ist mit den Tessinern auf den zweiten Rang vorgestossen. «Wir wollen in den Europacup und nun natürlich auch im Cup etwas reissen», sagt Ziegler.

Will heissen: Zunächst einmal den heutigen Cup-Viertelfinal gegen den FC Luzern gewinnen. Gegen jenen Klub, für den er im Herbst 2017 zehn Mal aufgelaufen war. «Trainer Markus Babbel benötigte damals einen Verteidiger und für mich war es ideal, die Zeit bis zum Beginn meines Jobs in Dallas zu überbrücken», erinnert sich Ziegler. «Ich glaube schon, dass die Luzerner mich gebrauchen konnten. Doch richtig durchgestartet sind sie erst in der Rückrunde unter Gerardo Seoane. Da aber war ich bereits in den USA ...»

Ziegler schildert, weshalb diese drei Jahre dort unvergesslich bleiben. «Ich erlebte hautnah mit, was es mit der Black-Lives-Matter-Bewegung auf sich hat. Vor jedem Spiel knieten wir nieder, während die Nationalhymne abgespielt wurde», sagt Ziegler. «Wir waren das unseren schwarzen Mitspielern schuldig.» Ein Teil des Publikums habe die Mannschaft deswegen gnadenlos ausgepfiffen. «Doch unsere Aktion richtete sich nicht gegen Amerika, sondern gegen Rassismus», sagt Ziegler. «Ich bin stolz auf diese Haltung, zumal ich Captain dieses Teams sein durfte.» Er glaube, dass es seine Leistungen und Leaderqualitäten gewesen seien, die den Trainer bewogen hätten, ihn zum Spielführer zu machen, sagt Ziegler, der mit Dallas in jedem Jahr in die Playoffs einzog und in 87 Pflichtspielen als Innenverteidiger 12 Tore erzielte.

Höchst ungern denkt er allerdings an den zweiwöchigen «Gefängnisaufenthalt» in Florida zurück. Zwar konnte er Netflix schauen, telefonieren und erhielt drei Mal am Tag eine Mahlzeit aufs Zimmer geliefert, doch es war strikt untersagt, den Korridor zu betreten. «Ich befand mich zwar in einem Hotel, aber ich fühlte mich echt wie in einem Gefängnis», sagt Ziegler.

Weil die Major League Soccer wegen Corona einen Teil der Meisterschaft in Turnierform austragen liess, waren die Mannschaften nach Orlando gereist und dort täglich auf das Virus getestet worden. Von den 25 Dallas-Profis waren 18 positiv. «Ich war einer der wenigen, die verschont blieben», sagt Ziegler. Allerdings musste auch er in die 14-tägige Hotelquarantäne. Danach wurde der FC Dallas nach Hause geschickt - ohne ein Spiel ausgetragen zu haben.

Ziegler lebte mit seiner Frau und der zweijährigen Tochter Valentina in Frisco, einem Vorort von Dallas. Für den Sportfan war es das Paradies, die Footballer der Dallas Cowboys, die Basketballer der Mavericks, die Eishockeyaner der Dallas Stars und die Baseballer der Texas Rangers vor der Haustür zu haben. «Ich war bei Dirk Nowitzkis Abschiedsspiel bei den Mavericks dabei», schwärmt Ziegler.

Allerdings konnte es in Dallas im Sommer schon mal 47 Grad heiss werden. «Wir trainierten deshalb bereits um 8.30 Uhr und nützten die Hitze in den Spielen als Waffe. Wir waren sie gewohnt und so ballsicher, dass wir den Gegner laufen lassen konnten», erzählt Ziegler. Die in den USA gefürchteten langen Reisen waren indes kein Problem. «Dallas liegt zentral. So mussten wir nie länger als vier Stunden fliegen und es gab immer Direktflüge.»

Die Zeit drängt, seine Frau wartet mit dem Mittagessen. Deshalb in aller Kürze: Reto, wo auf ihrer langen Fussballreise waren Sie am Glücklichsten? «In Istanbul. Die Leidenschaft der Fans von Fenerbahce ist Weltklasse. Sie schreiben mir acht Jahre nach meinem Abschied noch jeden Tag Nachrichten!»

Reto Ziegler: Als WM-Teilnehmer 2010 im legendären Spiel gegen Spanien.

Reto Ziegler: Als WM-Teilnehmer 2010 im legendären Spiel gegen Spanien.

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Und, Reto Ziegler, welches war der beste Trainer? «Ottmar Hitzfeld. Als Fachmann und Mensch. Er war einzigartig darin, uns Selbstvertrauen zu geben», sagt Ziegler. Der 35-fache Internationale stand bei der WM 2010 beim sensationellen 1:0-Sieg über Spanien während 90 Minuten auf dem Feld stand.

Von schweren Verletzungen verschon geblieben

Noch eine letzte Frage: Wie lange soll das Engagement beim FC Lugano dauern? «Ich gebe alles, damit mein Vertrag Ende Saison verlängert wird», sagt Ziegler. «Ich hatte das grosse Glück, von Verletzungen verschont zu werden und bete jeden Tag, dass es so bleibt. Ich möchte diesen tollen Sport noch lange ausüben.»

Dass es auch anders laufen kann, hat er am Beispiel seines älteren Bruders Ronald erfahren, der sechsmal für den FC Zürich aufgelaufen war, nach einem Beinbruch aber nie mehr zu alter Form fand.

Eine allerletzte Frage: Wie sieht es mit der Nati aus? Wäre ein Comeback mit 35 Jahren nicht reizvoll? Ganz nach dem Vorbild von Zlatan Ibrahimović, der vor ein paar Wochen sogar als 39-Jähriger in Schwedens Team zurückkehrte.

Ziegler schmunzelt vielsagend. «Beim FC Dallas bin ich unter dem Radar des Nationaltrainers geflogen. Aber jetzt, beim FC Lugano ...» ... spielt er  quasi vor der Haustür von Vladimir Petkovic und zeigt starke Leistungen. Ziegler sagt: «Ich habe nie meinen Rücktritt aus der Nati erklärt.»

Nun muss er endgültig los. Das Mittagessen...

Gab sein Comeback im schwedischen Nationalteam: Zlatan Ibrahimović.

Gab sein Comeback im schwedischen Nationalteam: Zlatan Ibrahimović.

Keystone

Zur Person

Reto Ziegler

Geboren: 16.Januar 1986 in Genf.
Grösse: 1,83 m.
Sprachen: fünf.
Position: Innenverteidiger.
Profistationen: GC, Tottenham, HSV, Wigan, Sampdoria Genua, Juventus Turin, Fenerbahce Istanbul, Lokomotive Moskau, Sassuolo, Sion, Luzern, Dallas, Lugano.
Erfolge: U17-Europameister 2002. Schweizer Meister 2003 mit GC. Türkischer Cupsieger 2012 und 2013 mit Fenerbahce. Schweizer Cupsieger 2015 mit dem FC Sion.
Länderspiele: 35 (2005–2014). WM-Teilnahmen: 2010 und 2014.

Luganos Trainer Maurizio Jacobacci über Reto Ziegler:

«Mit seiner grossen Erfahrung ist er ein wichtiger Wert für uns. Er hat seine technischen Fähigkeiten gezeigt und bewiesen, dass er ein Spiel lesen kann.»