Wie ein Schwarm Heuschrecken sind sie plötzlich aufgetaucht. Die grossen Zeitungen, Radios und TV-Stationen der USA haben ihre Reporterinnen und Reporter zur Olympia-Abfahrt der Frauen entsandt. Dabei ist der Skisport in grossen Teilen des Landes maximal eine Randnotiz. Normalerweise.

Lindsey Vonn ist längst mehr – nicht nur in olympischen Zeiten. Die 33-jährige Frau aus Minnesota hat in den vergangenen Jahren intensiv an ihrer Bekanntheit gearbeitet.
81 Weltcupsiege und damit nur 5 weniger als Rekordhalter Ingemar Stenmark haben Vonn bei diesem Streben nach Ruhm in der Heimat nicht geholfen. Vier Siege im Gesamtweltcup, sieben WM-Medaillen und vieles mehr ebenso wenig. Olympia-Gold in der Abfahrt 2010 immerhin ein bisschen. Olympische Heldentaten zählen in den USA selbst in Randsportarten ein klein wenig.

Aber landesweite Bekanntheit errang Vonn erst durch eine Beziehung zu Golf-Superstar Tiger Woods. Die beiden haben sich zwar längst getrennt, trotzdem ist sie seither ein gern gesehener Gast in Talkshows. In einer dieser Sendungen hatte sie US-Präsident Donald Trump kritisiert. Vonn erklärte, dass sie eine Einladung ins Weisse Haus selbst dann ablehnen würde, sollte sie in Südkorea Olympiagold gewinnen. Weil die Leute dort aktuell keinen guten Job machen würden.

Dem Shitstorm getrotzt

Der Shitstorm in den sozialen Medien ging los. «Es gibt Leute, die hoffen, dass ich eine Klippe runterfahre und sterbe», erzählte Vonn. Es werde ihr vorgeworfen, sie sei keine echte Amerikanerin. «Doch das stimmt nicht! Ich trage die US-Flagge mit Stolz.» Durch die heftigen Reaktionen im Internet wird sie erst recht interessant für die US-Medien. Die entsandten Reporterinnen und Reporter zittern im Ziel, wollen erleben, wie Lindsey Vonn Gold gewinnt. Doch vor allem wollen sie natürlich wissen, wie die 33-Jährige reagieren wird. Das Drehbuch haben sie im Kopf. Es fehlt nur noch die Umsetzung durch die Schauspielerin.

Vonn gewinnt Bronze. Und sagt: «Es war schön, viele US-Fahnen im Zielraum zu sehen. Das zeigt mir, dass mich doch einige Menschen mögen.» Anfeindungen in sozialen Medien sind eine Unsitte der Gegenwart. Doch Vonn nimmt diese in Kauf. Keine andere Athletin inszeniert und entblösst sich öffentlich so sehr wie die 33-Jährige. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb in einem Artikel über sie von der «Sucht nach Aufmerksamkeit». An Pressekonferenzen erscheint der Skistar mit ihrem Hündchen Lucy («Sie ist die Einzige, die im Zimmer auf mich wartet.»).

Sie zelebriert ihr unglückliches Single-Leben («Offenbar will mich keiner. Ich habe Aksel Svindal gefragt, was ich falsch mache.»). Sie kokettiert mit Duellen mit den Männern («Ich würde gerne beweisen, dass ich die Hälfte von ihnen schlagen kann.»). Und überhaupt gibt Vonn so viel Privates öffentlich preis wie niemand sonst.

Der schmerzende Körper

Nur gestern nicht. «Ich habe sehr viele Emotionen im Moment», sagt sie. «Natürlich hätte ich gerne Gold gewonnen. Aber ich bin sehr stolz, was ich geleistet habe.» Sichtlich gezeichnet, mit Tränen im Gesicht, spricht sie vor allem über Sport, darüber dass dies ihre letzte Olympiaabfahrt war. «Ich wünschte, mein Körper täte mir nicht so weh und ich könnte nochmals vier Jahre fahren. Das Skifahren liebe ich wie am ersten Tag. Mein Ehrgeiz, zu gewinnen, ist ungebrochen. Ich weine nicht, weil ich so traurig bin. Meine Geschichte hat mich zu dem gemacht, was ich bin.»

Im Februar 2013 erlitt Vonn im WM-Super-G einen Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie. Seither ist ihre Karriere von verletzungsbedingten Rückfällen geprägt. «Die letzten acht Jahre waren nicht einfach für mich. Ich kenne so viele Ärzte mit Vornamen, dass es lächerlich ist», sagt sie. «Aber ich habe mich immer wieder zurückgekämpft. Das ist unglaublich.»

Sie spricht lange. Aber es gibt keine neuen Details aus ihrem Privatleben, keine Enthüllungen und oder Kritik. So fragt einer der US-Reporter, auf der Suche nach einer guten Geschichte, fast verzweifelt Olympia-Siegerin Sofia Goggia: Wie fühlt es sich an, die Beste der Welt zu schlagen?

Die Italienerin lacht. «Wunderbar», antwortet sie. «Lindsey ist die grösste Skifahrerin, die es je gab. Ich bewundere sie.» Das gibt trotzdem nur eine Story, die in den USA kaum interessiert.