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Der Reformer mit dem Sargnagel: Novak Djokovic schwächt die ATP mit seinen Forderungen

Simon Häring

Simon Häring

Mit der Gründung einer Spielervereinigung bekräftigt Novak Djokovic seinen Reformwillen. Seine Forderungen geniessen eine breite Akzeptanz. Doch sie kommen zur Unzeit.

Auf dem Platz bietet sich Novak Djokovic bei den US Open die Chance, mit seinem 18. Grand-Slam-Titel die Lücke zu Roger Federer (20) und Rafael Nadal (19) zu schliessen. Aber auch neben dem Platz ist der Serbe weiter bestrebt, Spuren zu hinterlassen. Deswegen trat er als Präsident des ATP-Spielerrats zurück und gründete eine Spielervereinigung, die Professional Tennis Players Association PTPA. Die Ankündigung provozierte heftige Reaktionen. Männer- und Frauentour (ATP, WTA), der Tennisweltverband (ITF) und die vier Grand-Slam-Turniere verurteilten das Vorgehen in einer gemeinsamen Erklärung scharf.

Djokovic und seine Mitstreiter verlassen damit den Weg des Dialogs und gehen mit den Veranstaltern auf Konfrontationskurs. Sie brüskieren auch Roger Federer und Rafael Nadal, die im August 2019 in jenes Gremium zurückgekehrt waren, um ihm im Nachgang des Sturzes des ehemaligen ATP-Chefs Chris Kermode auf die Finger zu schauen. Anfang Jahr hatte man sich auf einen Burgfrieden geeinigt. Der Deal: Man wollte Kermodes Nachfolger, dem Italiener Andrea Gaudenzi, ein Jahr Zeit lassen, seine Ideen umzusetzen. Das war noch, bevor ein Virus die Spielregeln in Gesellschaft und Sport diktierte.

Das Perfide: Djokovics Forderungen sind weder neu noch besonders radikal. Im Gegenteil: Unter den Spielern geniessen sie grosse Akzeptanz. Über 60 Spieler sollen der Vereinigung bereits beigetreten sein, weil sie ihre Interessen nicht adäquat repräsentiert sehen. Das liegt an der Struktur der ATP. Diese wird vom Board of Directors geführt, das aus sieben Mitgliedern besteht: dem Präsidenten, drei Turniervertretern und drei Spielervertretern, die vom Spielerrat berufen werden. Dessen Entscheidungen haben für die Spielervertreter aber nur konsultativen Charakter. Das letzte Wort hat immer der Präsident: Andrea Gaudenzi.

Das Männertennis erlebte im letzten Jahrzehnt einen beispiellosen Boom, von dem auch die Spieler profitierten. Bei den US Open 2011 zum Beispiel wurden 23,7 Millionen Dollar Preisgeld verteilt. Seither hat sich das Preisgeld mehr als verdoppelt, auf 57,24 Millionen. Wer in der ersten Runde verliert, erhält sogar das Dreifache von dem, was 2011 ausgeschüttet wurde – 61000 Dollar statt 19000. Geht es nach den Spielern, ist das immer noch zu wenig. Was raffgierig erscheint, ist berechtigt. Denn die US Open setzen in einem normalen Jahr 400 Millionen Dollar um. Nur etwa 14 Prozent davon werden an die Spieler weitergegeben.

Allerdings wurde es versäumt, dieses Geld gerechter zu verteilen. Im Unterbau ist die wirtschaftliche Not so gross, dass viele für Angebote der Wettmafia empfänglich sind. Ein Problem, das sich nie gänzlich lösen lässt. Denn anders als in Teamsportarten fokussiert sich das Interesse der Öffentlichkeit im Tennis auf einige Wenige. Sie absorbieren nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Geldflüsse. Das Prinzip: viel für die Besten, wenig für den Rest. Die Pandemie akzentuiert das Problem zusätzlich. Bei den US Open zum Beispiel wurde die Teilnehmerzahl gesenkt, der Zirkel der Privilegierten dadurch noch exklusiver.

Dass Novak Djokovic die US Open als Bühne wählte, dürfte kein Zufall sein. Hier konnte er die Pläne für seine Spielervereinigung in Abwesenheit von Roger Federer und Rafael Nadal verkünden. Zwar sagt Djokovic, er habe mehrfach mit den beiden darüber diskutiert, und sie seien informiert gewesen, dass die Gründung in New York offizialisiert werde. Deren Reaktion offenbart aber, wie sehr das Vorgehen die Spieler spaltet. Möglicherweise sind Federer und Nadal nicht die Richtigen, um das Tennis in die Zukunft zu führen. Denn sie verfolgen auch wirtschaftliche Eigeninteressen. Doch Djokovic ist es auch nicht.

Weil er mit seinem Vorgehen die ATP schwächt und in Kauf nimmt, dass diese daran zerbricht. Für sie könnte die PTPA der letzte Sargnagel sein. Welche Gefahren eine Zersplitterung birgt, zeigt das Beispiel Boxen. Dort gibt es vier bedeutende Weltverbände, dazu eine Handvoll weniger bedeutende. Den Unterbau bilden Kontinentalverbände. Die Folge: Nur Eingefleischte wissen, wer gerade Weltmeister nach welcher Version ist. Kein Verband schafft es, die Besten unter einem Dach zu vereinen. Verlierer ist das Publikum. Ein Szenario, das auch dem Tennis droht. Wenn Spieler und Veranstalter keinen Konsens finden.

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