Rad
Der Profi zwischen Velosattel und Babyalarm

Mathias Frank wartet an der Tour de Romandie auf Nachwuchs. Im Prolog hat der 29-Jährige derweil eine sehr gute Leistung gezeigt.

Simon Steiner, La Chaux-de-Fonds
Drucken
Teilen
Mathias Frank im gestrigen Prolog zur Tour de Romandie. Keystone

Mathias Frank im gestrigen Prolog zur Tour de Romandie. Keystone

KEYSTONE

Der Anruf von zu Hause kann jederzeit kommen. Während Mathias Frank an der Tour de Romandie unterwegs ist, wartet seine Frau Nicole daheim auf die Geburt des zweiten Kindes. Der errechnete Termin ist am Freitag.

Der Luzerner Radprofi könnte in diesen Tagen also ein Déjà-vu erleben. 2014 kam Tochter Laura während der Tour de Suisse zur Welt, nach einer schwierigen Schwangerschaft einige Wochen früher als erwartet. Frank verbrachte die Nächte grösstenteils bei Frau und Kind im Spital, schlief wenig – und fuhr tagsüber so stark wie nie zuvor, beflügelt von den Emotionen des familiären Glücks. Am Ende der Rundfahrt stand er als Zweiter auf dem Podest.

Mathias Frank auf dem Podest der Tour de Suisse 2014.

Mathias Frank auf dem Podest der Tour de Suisse 2014.

Keystone

Ein neuerlicher Babyboost käme gerade rechtzeitig zu Franks erstem grossen Saisonziel als Profi. Für den 29-jährigen Captain des Teams IAM Cycling hat die Tour de Romandie heuer einen deutlich höheren Stellenwert als vor einem Jahr, als er sein ganzes Programm ausschliesslich auf die Tour de France ausrichtete, und diese letztlich als Gesamt-Achter auch mit einem wunschgemässen Ergebnis beendete.

Das lehrreiche Jahr 2015

Trotz dieses Erfolgs hat Frank für diese Saison eine andere Herangehensweise gewählt. «Einen solchen Frühling wie letztes Jahr wollte ich nicht nochmals erleben», sagt er. Auf dem langen Weg in Richtung Tour de France hatten ihm die Meilensteine gefehlt, die resultatmässige Bestätigung für das harte Training. Zudem schlugen ihm die langen Abwesenheiten von zu Hause in den Höhentrainingslagern aufs Gemüt – wohl mit ein Grund dafür, dass er mehrmals krank wurde.

In diesem Jahr hingegen verlief die Vorbereitung bisher ohne Zwischenfälle. «Ich habe meine Arbeit gemacht», ist Frank überzeugt. Bei der Tour de Romandie will er nun die ersten Früchte davon ernten. Auch der Tour de Suisse, auf die er 2015 im Hinblick auf die Tour de France gar verzichtet hatte, räumt er diesmal wieder hohe Priorität ein. Und in Frankreich will er dann im Juli sehen, wie weit er es mit dem veränderten Saisonaufbau bringt.

Der grösste Unterschied zum Radprofi Frank des Vorjahres zeigt sich möglicherweise im Selbstvertrauen, das er heute ausstrahlt. War er letzten Sommer voller Zweifel in die Tour de France gestartet, so weiss er heute, dass er dazu in der Lage ist, eine dreiwöchige Rundfahrt mit einem Spitzenplatz zu beenden. Und das auch, wenn die Beine nicht jeden Tag wie gewünscht mitmachen. «Diese Erkenntnis war für mich sehr wichtig und gibt mir auch Vertrauen für kürzere Rennen.»

Die ungewisse Team-Zukunft

Inwieweit er davon bereits bei der Tour de Romandie profitieren kann, wird sich weisen. Auf ein exaktes Rangziel will sich Frank nicht festlegen. «Ich kann nur meine eigene Leistung beeinflussen, nicht aber die der Konkurrenz.» Der schwere Parcours mit zwei Bergankünften sollte dem Luzerner entgegenkommen. Von den kühlen Temperaturen, die dem Leichtgewicht eigentlich nicht behagen, lässt er sich nicht beirren. «Die Bedingungen sind für alle gleich», sagt er. «An der Tour de Romandie haben wir das schon oft erlebt.»

Auch die Tatsache, dass die Zukunft seines Teams ungewiss ist, vermag Frank nicht zu verunsichern. Gründer und Geldgeber Michel Thétaz will Mitte Mai bekannt geben, ob IAM Cycling auch 2017 noch existieren wird. «Diese Situation ist für mich nicht neu», sagt Frank, der bereits in den vergangenen Jahren jeweils nur mit Einjahresverträgen angestellt war. «Ich bin zuversichtlich, dass ich auch nächstes Jahr noch Radprofi sein werde.» An ihm liegt es nun, sich mit guten Leistungen für einen neuen Vertrag zu empfehlen. Schon bald gilt es schliesslich, eine vierköpfige Familie zu ernähren.

Aktuelle Nachrichten