Ein Waliser ist Favorit
Der Price ist heiss: Die Darts-Weltnummer drei spielt um den WM-Titel

An der Darts-WM in London wird bis zum 3. Januar um den nächsten Titel gekämpft. Der Waliser Gerwyn Price ist Topfavorit.

René Barmettler
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So feiert Gerwyn Price seine Siege, wie hier in Runde 5 der Premier League.

So feiert Gerwyn Price seine Siege, wie hier in Runde 5 der Premier League.

Dan Mullan/Getty (Exeter, 20. März 2020

Keiner jubelt so inbrünstig, es gibt aber auch kaum einen, der so polarisiert wie er: Gerwyn Price. Am 18. November 2018 hatte der Waliser in Wolverhampton soeben den Grand Slam of Darts gewonnen, als der Belgier Kim Huybrechts, damals die Nummer 18 der Welt, freudig in sein Smartphone tippte: «Ich bin glücklich, dass ich nicht mehr der meistgehasste Spieler bin», gefolgt von vielen Smileys. Ob Huybrechts bis dahin tatsächlich der unbeliebteste Profidarter der Welt gewesen war, lässt sich nicht eruieren. Der heissblütige Price hingegen, der sich den Darts-Nickname Iceman gab, gilt seither als Rüpel in der Szene. Provokationen, übertriebene Jubelszenen ins Gesicht des Gegners nach erfolgreichen Würfen und aufreizend langsames Aufnehmen der Darts – so brachte er den zweimaligen Weltmeister Gary Anderson aus Schottland zur Weissglut.

Doch wie kommt ein Kraftprotz mit keinem Gramm Fett zu viel am Körper überhaupt dazu, im Darts sein Geld zu verdienen? Price spielte bis 2014 als Rugbyspieler in der Welsh Premier Division. «Ich hörte wegen des Darts auf, als ich darin so richtig gut wurde und die Tour Card gewann.» Mit dieser ist man berechtigt, PDC-Turniere zu spielen. «Ab diesem Zeitpunkt wurde es für mich zu stressig, beides zu spielen.» Ausserdem schien es ihm zu riskant, weiterhin als Halbprofi in der rauen Sportart zu verbleiben, die Verletzungsgefahr zu gross, als er sich bewusst wurde, dass er in der Rangliste der Professional Darts Corporation immer höher kletterte. Er erkannte sein Talent und nahm sich fortan vor: «Nun ziehe ich den Dartsprofis das Geld aus der Tasche.» Das Rugby vermisst er seither nur mässig, aber seine Kumpels aus dieser Zeit umso mehr: «Mit meinen Mannschaftskameraden nach den Spielen loszuziehen und gemeinsam lachen: Das vermisse ich.»

Möglichst viele Häuschen kaufen bis zum 50. Geburtstag

Den Namen Iceman erhielt Price von seinen Rugby-Freunden, «also blieb ich dabei». Passend dazu ertönt der Song «Ice Ice Baby» von Vanilla Ice, wenn der 35-Jährige aus Cardiff die Bühne betritt. Und bevor er diese 2018 in Wolverhampton verliess, provozierte er weiter. Im Siegerinterview legte er verbal gegen Anderson nach. Der habe halt «Pech», wenn es etwas länger dauern würde. «Und überhaupt habe ich gewusst, dass Anderson unter dem Druck zusammenbricht.» Die Buhrufe des Publikums kümmerten ihn nicht. «Wenn es gegen mich ist, spiele ich besser. Buht das nächste Mal doch noch mehr», forderte er die Fans auf.

CH Media

Die Strafe folgte zögernd, noch nie hatte die PDC über einen solchen «Flegel» zu richten. Die Dartsszene ist zwar geprägt von Eifersucht und Eitelkeiten, aber es blieb bis anhin meistens im Rahmen. «Feiern ist nicht verboten. Wir ermutigen die Spieler sogar dazu. Wir wollen Leidenschaft sehen. Aber die Frage, ob Gerwyn Price noch gefeiert hat oder ob es schon unsportliches Verhalten war, müssen wir klären», sagte PDC-Direktor Barry Hearn damals. Die Strafe fiel mässig schmerzlich aus: Der Vater zweier Kinder wurde zu einer Rekordstrafe von 21500 Pfund und einer dreimonatigen Sperre, ausgesetzt zur Bewährung, belegt.

Kult-Opa Lim schreibt Geschichte

Kultspieler Paul Lim (Bild) sorgte für eine erneute Sensation. Der 66 Jahre alte Spieler aus Singapur bot im Erstrunden-­Match seiner nunmehr 25. Weltmeisterschaft eine weitere bemerkenswerte Leistung und warf beim 3:2-Sieg nach Sätzen den Engländer Luke Humphries aus dem Turnier (ein Satz wird in Best of 5 Legs gespielt).

Die beiden teilnehmenden Frauen sind bereits ausgeschieden: Nach dem Aus von Lisa Ashton am Mittwoch traf es am Samstagabend auch die andere Engländerin: Deta Hedman, die 61-Jährige mit jamaikanischen Wurzeln, verlor ihr Erstrundenmatch mit 1:3 gegen Andy Boulton und verpasste damit eine Sensation, die durchaus möglich gewesen wäre, hätte sie die Nervosität von Beginn weg ablegen können. Ashton hatte ihr Duell mit Adam Hunt nur knapp mit 2:3 verloren. Die zweite siegreiche Frau im «Ally Pally» steht damit weiter aus. Im Vorjahr hatte die Engländerin Fallon Sherrock mit zwei Siegen über Ted Evetts (ENG) und Mensur Suljovic (AUT) für eine Premiere und für Furore gesorgt. Dieses Jahr verpasste Sherrock die Qualifikation nur knapp.

Der erste Spieltag am letzten Mittwoch wurde noch vor Publikum gespielt. Gesänge und Verkleidungen waren jedoch nicht erlaubt. Alkohol wurde dennoch ausgeschenkt. Doch weil London mittlerweile in der höchsten Corona-Sicherheitsstufe eingeordnet ist, wird die WM deshalb mindestens zwischen dem 16. und 23. Dezember ohne Fans stattfinden. Erlaubt wären 1000 bei einer Kapazität von 3000. (reb)

Seinem Aufstieg an die Weltspitze tat dies keinen Abbruch. Den Grand Slam of Darts gewann er auch 2019 und 2020. Anfang Januar stiess er im ­Alexandra Palace erstmals in die WM-­Halbfinals vor. Mittlerweile ist der Waliser Pfund-Millionär, das Versprechen, seiner Konkurrenz das Geld aus der Tasche zu ziehen, hat er eingelöst. Mit dem verdienten Geld verfolgt er einen klaren Plan. «Ich habe jetzt vier Häuser in Wales und versuche so viel Geld zu erspielen, dass jedes Jahr ein paar weitere hinzukommen. Als Nächstes möchte ich Ferienhäuser kaufen und sie vermieten. Die Rechnung geht so: Wenn ich jedes Jahr zwei Häuser kaufe, ist es mir völlig egal, wo ich in 16 Jahren in der Weltrangliste stehe. Dann ist an meinem 50. Geburtstag Game Over.»

Experten trauen ihm zu, die WM von Anfang bis Ende zu rocken

Doch jetzt heisst es für Gerwyn Price «Game on». An dieser WM gehört er zu den Top-Favoriten. Sein schlechtes Image hat er in den vergangenen Monaten abgelegt, was sich auch positiv auf sein Spiel auswirkte. Der Gewinn zweier Major-Turniere (World Series of Darts, World Grand Prix) und der Sieg mit seinem walisischen Landsmann Jonny Clayton im World Cup of Darts belegen den Aufwärtstrend – der Price ist heiss. Seine grössten Konkurrenten sind Titelverteidiger Peter Wright und Michael van Gerwen – aber auch Michael Smith, Rob Cross, Nathan Aspinall, James Wade, Dave Chisnall und Dimitri Van den Bergh. Experten trauen ihm zu, dass er auch ohne Publikum das Turnier von Anfang bis Ende «rocken» kann. Selber gibt sich Price zurückhaltend:

Klar ist der WM-Titel mein Traum. Und es ist ein realistischer Traum. Aber ich weiss: Falls es diesmal nicht klappen sollte, werden noch viele Möglichkeiten kommen. Eines Tages werde ich diese Trophäe in die Höhe stemmen.

Letztes Jahr stiess er bis in die Halbfinals vor, «auch wenn ich nicht meine Topleistungen zeigen konnte». Dort kam es in einem Psychospiel um den Einzug in den Final zu diversen Provokationen zwischen ihm und dem späteren Weltmeister Peter Wright. Der Schotte streckte nach seinem ersten gewonnenen Satz die Zunge heraus, weil sein Kontrahent vor der Partie angekündigt hatte, Wright müsse froh sein, überhaupt einen Satz zu gewinnen. Sein wehleidiges Statement auf Twitter Stunden nach der 3:6-Niederlage löschte er dann schnell wieder. Gelegenheit zur Revanche gegen die Weltnummer zwei gibt es wiederum frühestens im Halbfinal. Michael van Gerwen, die Nummer eins, spielt in der anderen Tableauhälfte und könnte erst im Final zum Gegner werden. Für den WM-Sieger werden 500000 Pfund ausbezahlt. Gewinnt Price, würde das nicht nur die Fans in seiner Heimat freuen, sondern auch die Hausbesitzer, die ihre Immobilien an ihn veräussern können.