Basel liess er links liegen, in Zürich sattelt Steve Guerdat beim Mercedes-Benz-CSI erstmals wieder seine Pferde. Nino des Buissonnets aber bleibt im Stall in Herrliberg. Vor vier Jahren gewann Guerdat auf ihm Olympiagold in London, nun möchte er ihn ganz behutsam für die Spiele im August in Rio de Janeiro aufbauen. Dabei hat der 33-Jährige noch nicht einmal sein Ticket sicher. Wie alle seine Kollegen muss er sich noch qualifizieren. Sollte sein Toppferd aber in Form sein, führt kein Weg am Jurassier vorbei.

Fast fünf Wochen Pause gönnte er sich nach dem turbulenten vergangenen Jahr. Während des Turniers in Basel fuhr er Ski in Engelberg, mit seinen Kumpels Daniel Etter und Alain Jufer reiste er in die USA. «Erstmals habe ich meine Ferien voll durchgezogen», sagt er lächelnd, er habe Basel nicht vermisst. Jetzt stecke er wieder voller Energie: «Ich fühle mich fast wie ein neuer Mensch.»

Steve Guerdat ist vom Dopingverdacht freigesprochen worden

Steve Guerdat ist vom Dopingverdacht freigesprochen worden

Mit seinem ersten Sieg im Weltcupfinal setzte er auf Paille de la Roque vor knapp einem Jahr schon früh ein Zeichen. «Der war mir wichtig, der Weltcup hat Tradition, der Final ist eines der schönsten Turniere, schon als Bub habe ich begeistert zugeschaut und gehofft, ich spiele mal eine Rolle», erzählt er. Nach einem dritten und zwei zweiten Plätzen habe es dann in Las Vegas endlich geklappt.

Im Mai gewann er dann auf Nino den GP von La Baule. Dann folgte der Rückschlag. Ende Juli wurden er und Nino wegen des Verdachts auf Doping gesperrt, Guerdat verpasste die EM in Aachen. Eine Verunreinigung des Futtermittels war schuld. Zwei Monate später wurde Guerdat voll rehabilitiert, nicht einmal mehr Fahrlässigkeit wurde ihm vorgeworfen.

Die Sperre tut weh

«Der Verdacht und die Sperre haben mich hart getroffen», blickt er zurück: «Bis dahin habe ich nur ein schönes Leben gehabt, ohne jegliche Schwierigkeiten, und nun brach so etwas über mich rein, etwas völlig Neues.» Dank seinem Umfeld habe er das verarbeitet. «Meine Familie und Freunde haben mir sehr geholfen», sagt er.

«Ganz besonders auch die Familie Fuchs.» Vater Thomas Fuchs ist sein Trainer, Reiter Martin sein Freund und Mutter Renata die gute Seele im Team Fuchs. «Für Steve war das der Supergau», erklärt Rolf Theiler, Sportchef des CSI Zürich: «Wie er das verarbeitet hat, zeigt, dass er mit sich im Reinen ist. Guerdat kenne seine Qualitäten und könne deshalb drüberstehen. «Das ist nun leider mal passiert, aber ich denke, das macht Steve noch stärker», sagt Theiler. Jedenfalls steckte Guerdat das Theater erstaunlich gut weg und kassierte im Dezember 396 000 Franken Preisgeld für seinen Triumph beim GP in Genf – erneut auf Nino.

Verändert hat sich Guerdat schon nach seinem Triumph von London. Der, früher oft verbissen wirkende Jurassier ist lockerer geworden, entspannter, ohne jedoch seinen Ehrgeiz zu verlieren. «Natürlich ist es einfacher, nach einem Sieg zu reden, da bin ich halt ganz einfach besser drauf», gibt er zu und betont: «Es ist doch auch nicht gut, nach einer knappen Niederlage mit dem Sonntagsgesicht herumzulaufen.»

Guerdat kein Einzelkämpfer

Es wäre auch falsch, Guerdat als Einzelkämpfer zu sehen, obwohl er im Einzel in den vergangenen Jahren die deutlich besseren Ergebnisse erzielte, als wenn er fürs Team ritt. «Aber er ist der von allen anerkannte natürliche Leader im Team, immer hilfsbereit und leidet, wenn er dem Team nicht besonders hilft», betont Equipenchef Andy Kistler.

Für Rio macht Guerdat denn auch eine klare Ansage, er will Gold: «Es wird Zeit, dass wir mit dem Team den Titel holen.» Dabei sehe er gute Chancen: «Wenn Martin mit Clooney und ich mit Nino in Form sind, dann haben wir schon zwei super Paare.» Und neben Fuchs und ihm gebe es ja noch viele starke Reiter in der Schweiz, sodass man das Ziel durchaus sehr hoch hängen dürfe. Teambronze hat Guerdat schon vor acht Jahren in Hongkong gewonnen.

Rolf Theiler hat absolut Verständnis, dass Guerdat jetzt sein Paradepferd zu Hause lässt. «Steve hat einen klaren Plan, er weiss, was es braucht. Und schliesslich profitieren wir alle, wenn die Schweiz wieder Olympiagold holt. Da sind unsere Interessen als Turnierveranstalter zweitrangig.»

Happiness, Bianca und Corbinian reitet Guerdat am CSI. Dabei setzt er besonders auf Letzteren. «In Zürich ist der Sieg immer das Ziel. Wenn ich alles richtig mache, kann ich morgen hoffentlich um den Sieg mitreiten», sagt er.