Fifa-Kongress
Der neue Fifa-Chef sagt: «Das Geld der FIFA gehört Ihnen»

Gianni Infantino ist zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt worden und soll den Fußball-Weltverband aus der Krise führen. Das könnte mit dem verabschiedeten Reformpaket sogar gelingen.

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Wurde am ausserordentlichen Kongress im Zürcher Hallenstadion zum neunten FIFA-Präsidenten gewählt: Gianni Infantino

Wurde am ausserordentlichen Kongress im Zürcher Hallenstadion zum neunten FIFA-Präsidenten gewählt: Gianni Infantino

KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Gianni Infantino klopfte sich immer wieder auf sein Herz, er hatte Tränen in den Augen, und ihm stockte die Stimme. "Uuufff! Wie soll ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihen?", sagte der neue Präsident des Fußball-Weltverbands nach seinem deutlichen Triumph im zweiten Wahlgang des FIFA-Kongresses: "Ich habe lange darauf gewartet und eine außergewöhnliche Reise hinter mir." Das Ziel könnte tatsächlich eine neue FIFA sein.

Im Zeichen der erschütternden Skandale hatte der Weltverband bereits vor der Wahl Infantinos zum Nachfolger des gesperrten Joseph S. Blatter (79) am Freitag ein umfassendes Reformpaket verabschiedet. Der bisherige Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (UEFA), für den im Anschluss hinter den Kulissen des Zürcher Hallenstadions immer wieder Applaus aufbrandete, soll dafür sorgen, das die Erneuerungsmaßnahmen auch wirklich umgesetzt werden.

"Ein neues Zeitalter hat begonnen", sagte Infantino nach einer ersten Siegesfeier: "Wir werden unermüdlich arbeiten. Ich kann und will alle Reformen umsetzten, um sicherzugehen, dass der Ruf der FIFA wiederhergestellt wird."

Infantino, der nur wegen der Sperre gegen UEFA-Boss Michel Platini (Frankreich/60) angetreten war, setzte sich im Rennen gegen seinen größten Konkurrenten Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa (Bahrain/50) am Ende mit der absoluten Mehrheit von 115 der insgesamt 207 Stimmen durch. Für Salman votierten nur 88 Delegierte. Der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein (40) mit vier Stimmen und Jérôme Champagne (57) aus Frankreich ohne jegliche Unterstützung in der zweiten Runde waren chancenlos.

Sogar Infantinos gesperrter Vorgänger Blatter hatte nach eigenen Angaben Anteil am Erfolg seines Landsmanns. "Ich habe mit Gianni in der Weihnachtszeit noch Glühwein getrunken und ihm Tipps gegeben", sagte Blatter dem ZDF. Er freue sich, dass der neue FIFA-Boss "wie ich" aus dem Ober-Wallis komme.

"Das war ein guter Tag für die FIFA, vielleicht sogar ein historischer, dass muss die Zukunft zeigen", sagte FIFA-Exekutivmitglied und Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (65): "Die Arbeit ist noch nicht beendet, sie beginnt mit dem heutigen Tag erst richtig. Ich traue Gianni zu, dass ihm die Wende in Sachen Ansehen und Glaubwürdigkeit der FIFA gelingt." Rainer Koch, Interimschef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), äußerte: "Zusammen mit dem Reformpaket macht das Mut und gibt Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber es gibt viel zu tun."

Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wertete Präsident Thomas Bach Infantinos Wahl als Chance: "In diesen schwierigen Zeiten für den Fußball wünsche ich ihm alles Gute bei der Implementierung der beschlossenen Reformen."

Im ersten Durchgang Runde hatte keiner der insgesamt vier verbliebenen Kandidaten die für einen Sieg zunächst nötige Zweidrittelmehrheit erreicht. Der Südafrikaner Tokyo Sexwale (62) hatte seine Kandidatur bereits vor dem ersten Urnengang zurückgezogen.

Infantino bestätigte in seiner Wahlrede allerdings auch viele seiner Kritiker. "Das Geld der FIFA gehört Ihnen", rief der Jurist den Delegierten zu. Das war schon in den vergangenen Jahren die Taktik seines tief gefallenen Vorgängers Blatter: Gebt mir die Stimme, ich gebe Euch Geld. Aber Infantino "will das Richtige tun".

Mit 89 Prozent der gültigen Stimmen wurde das dafür nötige Reformpaket abgesegnet. Unter anderem eine Gewaltenteilung, mehr Transparenz und Integrität sowie eine Frauenquote werden nun in die FIFA-Statuten implementiert. Die Veränderungen treten in 60 Tagen in Kraft.

Die einflussreichen Sponsoren der FIFA sowie die Justizbehörden aus der Schweiz und den USA hatten den Neuanfang vehement gefordert - alles andere hätte den Weltverband noch viel, viel tiefer in die Krise gestürzt.

Durch die wegweisende Entscheidung wird nun die Macht vom zuvor allmächtigen FIFA-Exekutivkomitee, das in eine Art Aufsichtsrat mit mehr Mitgliedern (36 statt 24, darunter mindestens sechs Frauen) umgewandelt wird, auf das Generalsekretariat übergehen. Die neue Schaltzentrale wickelt künftig das operative Geschäft mit den Milliarden-Deals ab. Der neue Rat (FIFA-Council) hingegen ist "nur" noch für die politische Richtung verantwortlich. Infantino wird nur als ein eher repräsentativer Präsident agieren.

Allerdings steckt dahinter der erste Fallstrick: Der neue und nunmehr sehr einflussreiche Generalsekretär wird künftig zwar nicht mehr vom Präsidenten ernannt und entlassen. Infantino und seine Nachfolger schlagen aber weiterhin einen Kandidaten vor, der vom Council abgesegnet wird. Vom Nachfolger des Deutschen Markus Kattner, der die Verwaltung derzeit übergangsweise führt, hängt deshalb fast der komplette Neuanfang ab.

Im neuen Rat wird zudem noch weiter der Großteil der Funktionäre sitzen, die für die Krise mit verantwortlich sind. Der neue Integritäts- und Eignungscheck, der bei jedem neuen Ratsmitglied (gewählt wird weiter direkt in den Konföderationen) durchgeführt wird, fällt bei den Alteingesessenen aus. Auch gilt für die derzeitigen Exko-Mitglieder die neue Amtszeitbeschränkung (maximal zwölf Jahre) nicht rückwirkend, die Uhr wird auf null gestellt.

Über allem wird künftig die unabhängige Audit- und Compliance-Kommission stehen, die auch alle Geldflüsse überwacht. Das Gehalt der hohen Amtsträger wird künftig veröffentlicht - was eine der meistgestellten Frage ("Was verdient Blatter?") endlich beantworten wird.

Die bisherigen Skandale muss die FIFA allerdings unabhängig von ihrer Neuausrichtung finanziell teuer bezahlen. Kattner erklärte, dass die FIFA 2015 erstmals seit langem wieder Verlust gemacht hat. Konkrete Zahlen sollen Mitte Mai vorgelegt werden.