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Der Mont Ventoux liegt im Aargau: Die zweite Etappe der Tour de Suisse im Überblick

Am Sonntag findet in Cham die zweite Etappe der Tour de Suisse statt. Wir haben uns die Strecke genauer angeschaut.

Konstantin Furrer
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Am Sonntag werden die besten Profis eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h aufweisen. Eine Fabelzahl für die Untrainierten unter uns.

Am Sonntag werden die besten Profis eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h aufweisen. Eine Fabelzahl für die Untrainierten unter uns.

Fabio Baranzini

Vor langer Zeit einmal, im jugendlichen Leichtsinn, entschloss ich mich, einen Halbmarathon zu laufen. Aus dem Stand, wie es im Fachjargon heisst: Also ohne vorheriges Training. Es war ein heisser Tag und bereits nach wenigen Kilometern machte sich die Säure breit in meinen Beinen. Ich biss mich durch und beim Zieleinlauf, gemeinsam mit einem geschätzt 90-jährigen Mann, zeigte die Uhr drei Stunden und 50 Minuten an. 1200 waren gestartet und nur sehr wenige brauchten noch länger als ich. Was für eine Schmach! So etwas mache ich nie mehr, schwor ich mir.

Vor einigen Wochen, im erwachsenen Leichtsinn, entschloss ich mich eine Etappe der diesjährigen Tour de Suisse zu fahren. Zusammen mit ehemaligen Profis. Auf Einladung der Organisatoren. Wieder aus dem Stand, aber mit langjähriger Erfahrung als Zuschauer von Radrennen. Es war dieses Mal nicht heiss und trotzdem machte sich nach wenigen Kilometern die Säure breit in meinen Beinen. Die Ziellinie habe ich nie erblickt, wohl aber den Besenwagen, der mich auflas. Was für eine Schmach! So etwas mache ich gleich nochmals und diesmal mit Erfolg, schwor ich mir.

Die zweite Etappe der Tour de Suisse im Überblick:

Und so kam es: An einem regnerischen Tag stehe ich wieder an der Startlinie, die Banane und die Energie-Gels in der Rückentasche verstaut, den Trinkbehälter, gefüllt mit isotonischem Getränk, am Rahmen befestigt. Mein Gegner an diesem Tag, wie auch einige Wochen zuvor, die 2. Etappe der Tour de Suisse. Ein malerischer Rundkurs, der von Cham über Hohenrain auf den Horben führt und von dort zurück nach Cham. Viermal werden am 11. Juni die 176 Fahrer der Tour de Suisse diese Runde fahren. Ich gebe mich mit einer Runde zufrieden.

Die richtige Gangwahl entscheidet

Die Start- und Ziellinie in Cham ist unspektakulär. Eine Kleintierpraxis, ein Transportunternehmen. Am Sonntag aber werden hier unzählige Fans stehen, um die Profis anzufeuern. Doch heute: Ein älterer Herr mit Schirm und Hund, der mich kritisch mustert. Weiss er, dass hier einer ist, der nur so tut als ob?

Die Höhenprofile aller Tour-de-Suisse-Etappen:

Die 1. Etappe (Cham bis Cham)
9 Bilder
Die 2. Etappe (Cham bis Cham).
Die 3. Etappe (Menziken bis Bern).
Die 4. Etappe (Bern bis Villars-sur-Ollon)
Die 5. Etappe (Bex bis Cevio).
Die 6. Etappe (Locarno bis La-Punt).
Die 7. Etappe (Zernez bis Sölden).
Die 8. Etappe (Schaffhausen bis Schaffhausen).
Die Schlussetappe (Schaffhausen bis Schaffhausen)

Die 1. Etappe (Cham bis Cham)

Screenshot/Tourdesuisse.ch

Los gehts – und die erste Prüfung folgt sogleich: Kreisel. Mit einem Auto ein Klacks, aber jetzt, hier, mit dem Velo gestaltet sich die Situation schwierig. Besser bremsen, besser kein Risiko. Aber halt: Klickpedale! Also doch nicht bremsen – durchziehen, sonst droht der Asphalt und Schürfwunden. Es klappt. Die Abzweigung nach Hünenberg ist geschafft. Das erste Erfolgserlebnis – von wenigen – als Velofahrer. Die ausgeschütteten Glückshormone sind aber rasch verflogen, denn schon bald wartet die erste Steigung des Tages auf mich. Jetzt ist die richtige Gangwahl entscheidend, liess ich mir in der Vorbereitung auf meinen persönlichen Mont Ventoux, auch Horben genannt, sagen.

Kurze Verschnaufpause

Schön, die alten Bauernhäuser an der Strasse, aber ich habe keine Zeit, die kunstvollen Bauwerke aus einem anderen Jahrhundert zu bestaunen, schliesslich muss ich den richtigen Gang finden. Zu leicht, zu streng: Welchen Gang würde Fausto Coppi hier wohl wählen? Den richtigen Gang suche ich immer noch, aber trotzdem: Hünenberg ist erreicht. Das nächste Zwischenziel lautet Sins, dann noch Hohenrain und schon bald wartet die Bergwertung, der Horben, auf mich. Am Strassenrand erspähe ich eine Jesus-Statue. Ein Denkmal für Radfahrer, die dasselbe Unterfangen wie ich hatten, aber nie wieder zu Hause angekommen sind? Möglich.

Die Abzweigung zum Horben ist gut versteckt, als möchte man mir sagen: Fahr hier nicht hoch. Die erste Steigung ist steil, zu steil, was zuvor mit Tempoverlangsamung bewerkstelligt werden konnte, reicht nicht mehr. Also anhalten, Energie-Gel einwerfen, verschnaufen.

Kurz darauf folgt die Ernüchterung: Das Gel nützt nichts, das Problem muss tiefer liegen. Vielleicht darin, dass ich seit Jahren keinen Sport mehr treibe. Ich könnte das Velo nicht einmal stossen. Die Klick-Schuhe machen ein Laufen unmöglich. Also wieder aufs Velo: weiter, weiter, immer höher.

Der Etappenplan der Tour de Suisse.

Der Etappenplan der Tour de Suisse.

nch/Marco Tancredi

Die erste Steigung ist geschafft und der Wald lichtet sich. Vorbei am Altersheim Ibenmoos. Ja, alt fühle ich mich. Und der Blick in die Ferne verrät mir: Jetzt gilt es ernst. Vor mir macht sich eine Wand breit. Der enthusiastische Amateurfahrer wird hier fluchen, der Profi am Sonntag wohl nicht mal eine Miene verziehen, der Untrainierte, also ich, absteigen – und zwar genau viermal. Meine Energie habe ich an der Steigung zuvor liegen lassen, die Energiereserven schon gar nicht mitgenommen.

Das Ziel ist in Sichtweite

In solchen Momenten denkt man ans Aufgeben. Aber man denkt auch daran, schon zu oft im Leben aufgegeben zu haben. Also rauf aufs Velo. Nur, um 50 Meter später wieder abzusteigen. Es ist ein Kampf, gegen den Berg, der mehr ein Hügel ist, und gegen den Kopf. Eine Stunde lang: Aufgeben? Nein. Weiter? Geht nicht. Pause. Und dann plötzlich: Das Ziel ist in Sichtweite. Jetzt noch die letzten Meter und der 766 Meter hohe Horben ist bezwungen.

Auch die ebenso steile Abfahrt gelingt mit Bravour– trotz nasser Strasse und engen Kurven. Jetzt nur noch rollen lassen, vorbei am Kloster Frauenthal und schon bald sehe ich die Ziellinie in Cham. Es ist vollbracht. Jetzt schnell in die nächste Bar, um den Körper wieder zu normalisieren. Und ab heute wieder nur Zuschauer.

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