Die weltweit erste Studie zum Thema «Whistleblower im Sport» der Leeds Beckett University zeigt: Es gibt aktuell 39 Möglichkeiten für Athleten und Funktionäre, ihr belastendes Insiderwissen anonym zu platzieren. Die allermeisten dieser Kanäle für Informanten im Sport sind in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Sind sie Teil eines schlechten Gewissens?

Denn die ersten Whistleblower im russischen Dopingskandal mussten sich vor fünf Jahren an die Presse wenden, weil Sportorganisationen den Enthüllungen wenig Beachtung schenkten. Damals gab es noch keine offiziellen Möglichkeiten, Insiderwissen über Doping, sexuelle Ausbeutung oder Spielmanipulation bei einer unabhängigen Stelle unter Wahrung des Zeugenschutzes zu deponieren.

Und wer sich direkt an den Fachverband wandte, musste befürchten, vom Opfer zum Täter zu werden. Schliesslich war damals beispielsweise auch die Führung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes hochgradig korrupt.

Nun hat das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen. Der Whistleblower hat die Wahl, kann seine Informationen beim Institut seines Vertrauens hinterlegen. Neben der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und dem Internationalen Olympischen Komitee bieten 24 nationale Anti-Doping-Organisationen (Nado), 10 olympische Sportverbände, 2 unabhängige Organisationen sowie das Medien-Netzwerk «Sport Leaks» von Investigativjournalist Hajo Seppelt eine eigene Hotline an. Von diesen 39 Stellen sind 31 auf das Delikt Doping fokussiert.

Bereits 434 Fälle bei der Wada

Taktgeber als Anlaufstelle für belastendes Material ist die Abteilung «Intelligence and Investigations» der Wada. Der deutsche Kriminologe Günter Younger agiert mit einem achtköpfigen Team, das aus Ermittlern, Datenanalysten, einem «Confidental Information Manager» und zwei Koordinatoren besteht, von Montreal aus unabhängig von der zuletzt in Misskredit geratenden Wada-Führung. Er geniesst dank seiner Arbeit das Vertrauen auch von den derzeit vielen Wada-Kritikern.

«Wir gehen zusammen mit den Verbänden derzeit Hunderten von Fällen nach», erklärt der Chefermittler der Wada Günter Younger

«Wir gehen zusammen mit den Verbänden derzeit Hunderten von Fällen nach», erklärt der Chefermittler der Wada Günter Younger

Seit 2015 führt Younger Untersuchungen aufgrund von Hinweisen durch, seit März 2017 existiert der Whistleblower-Kanal «Speak Up!», bei dem der Informant selber entscheidet, ob er sich zu erkennen geben will. An Arbeit mangelt es Younger nicht. Bis heute führten Tipps von Informanten zu 434 Fällen, die genauer untersucht werden.

Weil sich Youngers Ermittlungskapazitäten auf wenige zentrale Fälle beschränken, arbeitet man eng mit den nationalen Agenturen und internationalen Fachverbänden zusammen. «Bei Fällen, die nur eine Person betreffen, delegieren wir die Ermittlungen konsequent», so Younger. «Natürlich fordern wir aber auch die Untersuchungsergebnisse ein». Umgekehrt kooperieren die Nados und viele Verbände bei grösseren Untersuchungen mit der Wada.

Erstmals zusammen mit der Polizei

Younger baut die Möglichkeiten und Kooperationen laufend aus. Seine eigene Abteilung wird bis ins Jahr 2022 um zwei Ermittlerteams auf 12 Personen aufgestockt. Ein Team wird neu von Lausanne aus operieren. Zudem hat er mit Ermittlernvon anderen Organisationen ein Netzwerk ins Leben gerufen. Dieses kann für komplexere Untersuchungen beigezogen werden und trifft sich einmal im Jahr auf Einladung der Wada zum Know-how-Austausch.

«Wir möchten damit Verbände und Anti-Doping-Agenturen davon begeistern, Kapazitäten zu schaffen und selber grössere Ermittlungen an die Hand zu nehmen», sagt Younger. Erstmals sind in diesem Kreis nun auch zivile Behörden an Bord. In den Untersuchungen zum Doping im Biathlon arbeitet die Wada eng mit der österreichischen Polizei zusammen. «Ich möchte in Zukunft die Polizei in unser Netzwerk einbinden», gibt Younger ein Ziel bekannt.

Das Hauptaugenmerk seiner Arbeit gilt derzeit aber der «Operation Lims» – der Auswertung von rund 63 000 Dopingproben aus dem Moskauer Labor. «Wir gehen dabei Hunderten von Fällen nach», sagt er. Damit die Beweise auch vor Gericht standhalten, braucht der Deutsche aber zwingend Zugang zu den Originaldaten, welche Russland noch unter Verschluss hält, aber bis Ende Jahr verfügbar machen muss.

Auch Schweizer Agentur dabei

Auch über die Homepage von Antidoping Schweiz können sich Whistleblower melden. Dies geschehe regelmässig, sagt Direktor Ernst König. Eine eigene Ermittlungsabteilung kümmert sich um die Meldungen. Bereits seit 2015 hat Antidoping Deutschland eine Hotline.

Rund 120 Fälle ergaben sich dadurch. Man sei derzeit daran, sich technisch noch mehr zu vernetzen, «da oft erst mehrere Puzzleteile ein Bild ergeben und es nicht immer einfach ist, dieses Bild zu erkennen», wie Vorstandsmitglied Lars Mortsiefer erklärt.

Übrigens: Seit neustem hat auch die russische Anti-Doping-Behörde (Rusada) eine Whistleblower-Hotline. Ob sich dort schon jemand gemeldet hat?