Ski-WM
Der Mann mit den «unforced errors»: Didier Défago beendet in Åre seine Karriere – eine Würdigung

Didier Défago wird am Donnerstag im Super-G nach 402 Weltcuprennen seine ungewöhnliche Karriere beenden. Mit dem zweiten Platz in seiner letzten Abfahrt vor der WM setzte er das i-Tüpfelchen auf seine grossartige Karriere. Eine Würdigung.

Richard Hegglin
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Noch einmal ein grosser Auftritt des «Grand Seigneur»: Didier Défago verabschiedet sich in Méribel – gestern mit einem zweiten Platz in der Abfahrt von seinen Fans.

Noch einmal ein grosser Auftritt des «Grand Seigneur»: Didier Défago verabschiedet sich in Méribel – gestern mit einem zweiten Platz in der Abfahrt von seinen Fans.

Keystone

Noch einmal werden am Donnerstag seine Fans früh aufstehen müssen. Schon um halb vier fährt der Bus auf der «Place de l’Eglise» in Morgins weg. Heute Mittwoch lohnte sich die eindreiviertel Stunden lange Fahrt nach Méribel. Wieder einmal erlebten sie Didier Défago pur. Wenn aussergewöhnliche Ereignisse anstehen, ist «Déf» herausgefordert. Nur um zwei Skilängen verpasste er den Sieg, womit er sein Image als Spezialist für besondere Rennen über den Rücktritt hinaus zementierte. «Mit diesem Podestplatz», freut sich der 37-jährige Walliser, «ist mir ein grosser Wunsch in Erfüllung gegangen».

Die Anfänge Der junge Mann aus Morgins macht Mitte der 1990er-Jahre erstmals von sich reden. Er wird im Super-G Junioren-Weltmeister.
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Der erste Weltcupsieg Bis zum ersten Weltcupsieg muss sich Défago bis 2002 gedulden. In Gröden gewinnt er den Super-G.
Der Triumph am Lauberhorn Der Januar 2009 wird für Didier Défago zum Jubel-Monat. Innerhalb von einer Woche siegt er zunächst am Lauberhorn ...
Die Sternstunde auf der Streif ... und sieben Tage später doppelt der damals 31-Jährige auf der legendären Streif in Kitzbühel nach.
Die Krönung an Olympia Am 15. Februar 2010 krönt Défaga seine Karriere. Er gewinnt an den Olympischen Spielen in Vancouver Abfahrtsgold.

Die Anfänge Der junge Mann aus Morgins macht Mitte der 1990er-Jahre erstmals von sich reden. Er wird im Super-G Junioren-Weltmeister.

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20 Jahre lang hat er seine Anhänger auf die Folter gespannt und ihnen Freude und Frust in bunter Folge beschert. «Big Points» wechselten mit «unforced errors», wie im Tennis-Jargon die unerzwungenen Fehler heissen. Solche prägten seine Karriere, die dadurch oft medial zu kurz kam – vor allem in der Deutschschweiz. Und in der Romandie stand er im Schatten von Didier Cuche. «Manchmal schien er unter der mangelnden Anerkennung zu leiden», findet Osi Inglin, der ihn über 20 Jahre kennt und auf verschiedensten Stufen betreute. «Dabei besitzt er ein Palmarès, wie es nur wenige vorweisen können».

Mit den Grossen auf Augenhöhe

Tatsächlich können selbst Superstars von solchen Erfolgen nur träumen. Défago siegte am Lauberhorn, am Hahnenkamm und an den Olympischen Spielen, den drei wichtigsten Rennen der Welt. Das schafften sonst nur Jean-Claude Killy und Franz Klammer, zwei Giganten des Skisports. Défago gewann auch in Bormio, für viele die schwierigste Weltcup-Abfahrt, im Val Gardena, einem anderen Klassiker – und beinahe hätte er auch seinen Abschied mit einem Sieg kredenzt. Aber insgesamt weist seine Bilanz «nur» sechs Siege und insgesamt 17 Podestplätze auf – Erbsenzähler entdecken da ein Defizit.

Immer dann, wenn kaum jemand mit ihm rechnete, holte Défago zum grossen Coup aus. Für dieses Phänomen hat er keine plausible Erklärung, höchstens eine Vermutung: «Je leichter die Strecke, desto grösser ist für mich die Gefahr der Übermotivation. Dann unterlaufen mir die meisten Fehler.» Osi Inglin versucht das auszudeutschen: «Es gibt grössere Talente als Didier. Mit mehr Risiko hat er versucht, das zu kompensieren. Skifahrerisch war das immer eine Gratwanderung – als Junior wie jetzt auch als Routinier. Manchmal ist’s aufgegangen, oft nicht.» So blieb er für seine Trainer eine Wundertüte bis zum Schluss. Ex-Trainer Patrice Morisod, nunmehr in Frankreich tätig, legte ihm als Anerkennung für seine Verdienste den roten Teppich aus und erlaubte ihm, mit dem französischen Team auf der neuen Méribel-Strecke zu trainieren – eine grossartige Geste, die Défago umgehend verdankte.

Immer bescheiden und freundlich

Am Donnerstag wird im Super-G Défagos Weltcup-Kapitel nach 402 Rennen (plus 20 WM- und 14 Olympia-Einsätzen) endgültig geschlossen. Nur Benni Raich (438) und Bode Miller (437) stehen mit mehr Rennen zu Buche. Défago bestritt am 17. März 1996 beim Finale in Hafjell sein erstes Weltcuprennen und schaffte es als 15. im Super-G auf Anhieb in die Punkte. Als Junioren-Weltmeister (vor Silvano Beltrametti) hatte er sich unter Inglin auf dem Hoch Ybrig für das Weltcup-Finale qualifiziert.

Im gleichen Rennen wie Défago schnupperte auch ein gewisser Hermann Maier erstmals Weltcup-Luft und wurde Elfter. Das illustriert, wie lange Défago für Swiss-Ski schon Punkte sammelt. Sie werden der Mannschaft fehlen, aber noch mehr seine Persönlichkeit: immer bescheiden, immer freundlich, zurückhaltend – Eigenschaften, die im rücksichtslosen Spitzensport auch hinderlich sein können. Défago darf auf seine Karriere stolz sein. Bernhard Russi trifft den Kern: «Man kann sagen, Didier hätte noch mehr erreichen können. Aber was heisst ’noch mehr’, wenn einer Olympiasieger, Lauberhornsieger und Hahnenkammsieger ist. Was willst du mehr?»

Didier Défago (37) wird jetzt mehr Zeit für seine Familie haben, seine Frau Sabine und seine beiden Kinder Alexanne (7) und Timeo (5). Durch seine diversen Engagements wird er dem Skisport erhalten bleiben – aber auf der Piste eine grosse Lücke hinterlassen.