Der erste Eindruck ist eindeutig: Hans-Joachim Eckert hat alles für das Gütesiegel des perfekten Opas. Der 68-Jährige ist sympathisch, charmant und witzig, sein Auftreten überaus adrett und frei von Eitelkeit.

Die etwas rundliche Erscheinung und das leicht zerzauste Haar machen ihn zu einem von uns. Er wirkt geduldig, ist ein guter Zuhörer und ein noch besserer Erzähler. Man wird das Gefühl nicht los, der Schalk sitze ihm geradezu im Nacken. Grosskinder, wo seid ihr!

Doch Eckerts Spielwiese hat wenig mit kindlicher Naivität gemein, auch wenn man es ihm nach einer beruflichen Karriere im Auge von Beschiss, Korruption und Geldwäsche von Herzen gönnen würde. Der Bayer aus dem Umfeld von München entscheidet über Gut und Böse im Fussball. Als Schiedsrichter der Funktionäre blickt er bisweilen in menschliche Abgründe. Seit die Führung des Weltfussballs 2012 eine verbandseigene Ethikkommission mit scharfen Zähnen ins Leben gerufen hat, ist Hans-Joachim Eckert deren vorsitzender Richter. Er leitet das Gremium mit sieben Juristen. 71 Funktionäre hat der Bayer seither für ihre Verstösse gegen den Ethikkodex getadelt, gebüsst und sogar aus der Fussball-Familie verstossen. Die Zahl wird weiter steigen.

Der Millionendeal zwischen Sepp Blatter (links) und Michel Platini war der bisher spektakulärste Fall für Fifa-Ethikrichter Hans-Joachim Eckert. keystone

Der Millionendeal zwischen Sepp Blatter (links) und Michel Platini war der bisher spektakulärste Fall für Fifa-Ethikrichter Hans-Joachim Eckert. keystone

Oder er hat sie «laufen gelassen», wie zuletzt Fifa-Präsident Gianni Infantino, dem in einer Untersuchung über entgegengenommene Geschenke und schwerwiegende Interessenkonflikte kein ethisches Fehlverhalten nachgewiesen wurde. Obwohl Eckert im Fall von Infantino gar nicht zu richten brauchte, war er doch massgeblich am Entscheid beteiligt, das Verfahren gegen den Walliser einzustellen.

Vier Stunden Schlaf reichen

Nach 37 Dienstjahren mit untadeligem Ruf in der bayrischen Justiz – als Oberstaatsanwalt, später als höchst erfolgreicher vorsitzender Richter für grosse Fälle der Wirtschaftskriminalität – hat der seit Sommer 2015 pensionierte Eckert also noch nicht genug. Er schätzt die Möglichkeiten, in seiner Fifa-Tätigkeit Recht nicht nur anwenden, sondern auch gestalten zu können, wie er in einem seiner seltenen Interviews der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erzählte. Dafür nimmt er sich die Zeit, die er braucht.

Eckert kommt mit vier Stunden Schlaf aus, steht morgens um 4 Uhr auf und durchforstet erst einmal Akten. Seine Beurteilung der «Akte Infantino» wurde schon Tage vorher angekündigt. Eckert liess sich einmal mehr nicht drängen. Von niemandem. Dabei kann seine legendäre Hartnäckigkeit schon mal in Sturheit umschlagen. Er ist ein Richter alter Schule. Die Schuld muss bewiesen werden und nicht die Unschuld. «Wenn ich Restzweifel habe, spreche ich lieber jemanden frei, als dass ich ihn verurteile», sagte er der «FAZ». Trotzdem trugen seine Urteile das Prädikat «streng».

Blatter vor der Anhörung: «Ich glaube an mich und ich glaube an Gott.»

Blatter vor der Anhörung: «Ich glaube an mich und ich glaube an Gott.»

Lausanne - 25.8.16 - Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter blieb bis zum Schluss zuversichtlich. Auch im Vorfeld der Anhörung vor dem Internationalen Sportgerichtshof.

Von wegen «Blatter-Versteher»

Weil er sein Leitmotiv 2013 auch beim damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter anwandte und ihn im Bestechungsfall um die in Zug domizilierte Vermarktungsagentur ISL vom Verdacht der Korruption freisprach, galt Eckert lange als «Blatter-Versteher». Seit er unmittelbar vor Weihnachten 2015 mit der achtjährigen Sperre gegen Blatter und Michel Platini die langjährige Karriere des Fifa-Präsidenten beendete und die mögliche Fifa-Präsidentschaft des Franzosen verhinderte, ist er diesen Ruf los.

Eckert ist durch und durch unabhängig, was ihm Lob wie Tadel einbringt – bisweilen von der gleichen Person. Vor neun Monaten lobte ihn der Basler Antikorruptionsexperte Mark Pieth, auf dessen Empfehlung Eckert zur Fifa stiess, als «eine integre Person, die sich politisch nicht manipulieren lässt». Nach Infantinos Freispruch sagte Pieth: «Die Unabhängigkeit der Ethikkommission ist infrage gestellt.» Eckert, der nicht ohne Stolz erzählt, noch nie bei einem Spiel des FC Bayern gewesen zu sein, weiss aus Erfahrung, dass man sich «als Richter nicht überall beliebt macht».

Quelle: SRF

Rundschau Blatter 25.11.2015

Letzte Woche trat Hans-Joachim Eckert am Hauptsitz der Fifa in Zürich auf. Er diskutierte über Antikorruption. «Ich habe mir bei meiner Zusage für das Amt nicht vorstellen können, was alles auf mich zukommen wird.» Er wählte deutliche Worte, sprach von menschlicher Gier, welche Sportfunktionäre zu Kriminellen gemacht habe und dass diese Individuen rigoros aus dem Fussball entfernt werden müssten. Und Eckert wurde grundsätzlich: «Ich sehe mit grossen Bedenken, was sich in unserer Sportwelt entwickelt. Es geht nur ums Geld. Und ich frage mich: Was ist der Wert eines Menschen?» Der liebenswürdige Opa war auf einmal nirgends mehr.