Handball
Der legendäre Nationaltorhüter Peter Hürlimann erinnert sich: «Ich hatte viele Spieler auf dem Gewissen»

Seine Paraden waren legendär, seine emotionalen Ausbrüche ebenso: Peter «Pfupf» Hürlimann bildete in den Achtziger- und Neunzigerjahren das ultimative Rückgrat der Schweizer Nationalmannschaft. Der 58-jährige Schreinermeister aus dem Baselbiet erinnert sich an die Blütezeit des Schweizer Handballs und übt Kritik am Schweizer Verband.

Rainer Sommerhalder
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Der legendäre Nationaltorhüter Peter Hürlimann im Jahr 1992.

Der legendäre Nationaltorhüter Peter Hürlimann im Jahr 1992.

Keystone

Der bisherige Zuschauerrekord im Handball datiert vom WM-Spiel Schweiz – Deutschland 1986 in der St. Jakobshalle in Basel. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Peter Hürlimann: Der Zuschauerrekord hat mich wenig berührt. Wenn du im Tor stehst, interessiert dich das Publikum nicht. Ich erinnere mich daran, dass Peter Weber mit neun Toren aus neun Schüssen das Spiel seines Lebens gelang. Und ich erinnere mich daran, dass die Deutschen quasi mit dem Schlusspfiff das Siegtor schossen und dass mich Nationaltrainer Hasanefendic fünf Minuten vor Schluss aus dem Tor nahm. Beides fand ich nicht so lustig.

Im Rückblick werden Sie von vielen Fachleuten als der grosse Schweizer WM-Held genannt. Sie hielten damals offenbar magisch?

Was soll ich dazu sagen? Dass ich 1993 noch besser hielt! Ich weiss nur, dass an der WM 1986 viel mehr möglich gewesen wäre. Hasanefendic kasernierte uns vor dem Turnier drei Monate lang und wir trainierten mit viel zu hoher Belastung. Nach dieser zu anstrengenden Belastung fehlte uns an der WM die Spritzigkeit.

Täuscht der Eindruck oder hatte die Handball-Nationalmannschaft damals einen viel höheren Stellenwert?

Bei der WM-Qualifikation in Belfort, Frankreich besiegt am 18. Februar 1989 das Schweizer Team mit Peter Hürlimann (2. von links) in der Vorrunde die Bundesrepublik mit 18 zu 17 Toren.

Bei der WM-Qualifikation in Belfort, Frankreich besiegt am 18. Februar 1989 das Schweizer Team mit Peter Hürlimann (2. von links) in der Vorrunde die Bundesrepublik mit 18 zu 17 Toren.

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Ja, natürlich. Damals gab es auch noch nicht so viele Trendsportarten wie etwa Unihockey, die Handball rechts überholten. Heute ist Handball eine Randsportart, für die sich in der breiten Öffentlichkeit kaum jemand interessiert. Dass die Kadetten Schaffhausen die Liga dominieren, ist auch nicht gerade förderlich.

1993 und 1995 erlebte die Schweiz mit WM-Platz 4 respektive 6 den sportlichen Höhepunkt. Aus heutiger Warte zurückblickend fragt man sich: Wie war das möglich?

Nach der Ära Hasanefendic kam mit Arno Ehret ein ganz anderer Typ von Trainer. Er sprach unsere Sprache und trug dazu die deutsche Mentalität ins Team rein. Es war eine kontinuierliche Steigerung bis 1993. Und ich behaupte, es wäre noch mehr möglich gewesen. Aber als Schweizer ist man halt mit einem vierten WM-Rang zufrieden.

Was wäre möglich gewesen?

Ich behaupte, der Verband hat 1993 einen Riesenfehler gemacht. Hätte er etwas Geld in die Hand genommen, um Trainer Ehret und den Leistungsträgern eine gemeinsame Zukunft in einem halbprofessionellen Umfeld zu ermöglichen, dann wäre 1995 der Final möglich gewesen. Wir konnten damals alle Nationen besiegen. Aber stattdessen riss man die Mannschaft ohne Zwang auseinander. Es gab mehrere Rücktritte, unter anderem meinen.

Schmerzt es als ehemaliger «Held der Nationalmannschaft» emotional, den Werdegang der Schweizer Handballer in den letzten Jahren mitzuverfolgen?

Was soll es mich noch berühren? Die Handball-Nati interessiert mich überhaupt nicht mehr. Es ist so gekommen, wie ich es schon früh prophezeit habe. Ich wurde diese Woche auch gefragt, was gegen Deutschland möglich sei: Es ist unmöglich für die Schweiz, in einem Pflichtspiel gegen die Deutschen zu gewinnen.

«Früher gab es noch echte Charaktere im Team, zum Beispiel mich», sagt Peter Hürlimann.

«Früher gab es noch echte Charaktere im Team, zum Beispiel mich», sagt Peter Hürlimann.

Keystone

Wieso kommt die Schweiz im Handball derzeit auf keinen grünen Zweig?

Zuerst einmal muss man dem neuen, jungen Team eine Chance geben. Wenn die Spieler den notwendigen Aufwand betreiben, können sie in fünf, sechs Jahren gut sein. Aber die wenigsten Spieler halten so lange durch. Handball ist ein harter und ein ungesunder Sport. Es braucht einen riesigen Aufwand. Da muss man als Verband den Spielern auch einmal etwas geben. Nehmen wir die Franzosen. Die haben wir früher immer bezwungen. Sie fingen 1987 damit an, dem Team einen ganz anderen Stellenwert zu geben und eine Mannschaft in einem Profibetrieb aufzubauen. Heute haben wir gegen die Franzosen keine Chance mehr.

Fehlt es auch an charismatischen Spieler-Persönlichkeiten wie in der Blütezeit der Handball-Nati?

Auf jeden Fall. Die Spieler im Team machen sich doch heute gegenseitig nicht mehr weh. Damals gab es noch echte Charaktere im Team, zum Beispiel mich. Arno Ehret hat mir mal gesagt, ich hätte mit meiner fordernden und direkten Art die Karriere vieler Spieler auf dem Gewissen, weil sie wegen mir nicht mehr ins Nationalteam wollten. Ich empfand das als Kompliment. Die Spieler, die mich nicht aushielten, hätten auch international nie bestehen können.