Doping
Der Lausanner «Antidoping-Papst» Martial Saugy warnt: «Wir dürfen keinen kalten Krieg starten»

Martial Saugy, der langjährige Leiter des Labors von Lausanne, spricht im Interview über den McLaren-Report und seine Folgen.

Rainer Sommerhalder
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Der Lausanner «Antidoping-Papst» Martial Saugy arbeitet oft im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees.

Der Lausanner «Antidoping-Papst» Martial Saugy arbeitet oft im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees.

Keystone

Martial Saugy, waren Sie überrascht von den Dimensionen in Professor McLarens Bericht?

Martial Saugy: Ja, ich war überrascht. Ich habe nicht erwartet, dass so viele verschiedene Sportarten von Manipulationen und Korruption betroffen sind. Ich ging davon aus, dass vor allem Leichtathletik und wegen der Olympischen Spiele in Sotschi Wintersport wie Langlauf oder Biathlon für Russland im Vordergrund standen.

Gab es Details, die Sie schockierten?

Ich war nicht wirklich schockiert. Was wir im McLaren-Bericht erfahren, ist nur eine Entwicklung einer bekannten Schwierigkeit. Wir wussten seit Jahren, dass es in Russland ein Dopingproblem gibt. Das Labor in Lausanne ist seit vielen Jahren involviert in die Analyse von russischen Dopingproben aus der Leichtathletik. Bereits 2008 gab es in der Leichtathletik Fälle von ausgetauschtem Urin. Nur wussten wir damals noch nicht, dass dies mithilfe des Moskauer Antidoping-Labors geschieht. Wir wussten aber, dass diese Praxis in Russland bereits damals mit einer gewissen Systematik angewandt wurde. Russland entwickelte eine Strategie, um positive Dopingfälle zu vermeiden.

Ihre grundlegenden Feststellungen zum McLaren-Report?

Ich sehe, dass weiterhin sehr viele Fakten auf den Aussagen von Moskaus Laborleiter Grigori Rodschenkow beruhen. Ich kenne ihn sehr gut. Ich stelle aber fest, dass viele seiner Ausführungen nicht komplett bewiesen sind. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es war Korruption, es gab eine Strategie zum Austauschen von Urinproben! Aber ich bin mir nicht sicher, ob wirklich genügend Beweise vorliegen für alle der mehr als 1000 Fälle. Beweismittel, die auch vor dem CAS bestehen werden. Ich warte deshalb noch auf mehr Beweise.

Sie waren während der Olympischen Spiele Supervisor des Dopinglabors von Sotschi. Wie kann es sein, dass Sie von all den Betrügereien nichts mitgekriegt haben?

Das ist eine gute Frage. Rund 20 Personen aus verschiedenen, hoch angesehenen Labors sowie Experten der Wada und Beobachter des IOC kontrollierten die Prozesse im Labor von Sotschi. Viele Leute waren involviert, niemand bemerkte etwas. Alles wurde derart perfekt arrangiert.

Sie erhielten diesen Auftrag von der russischen Regierung. Fühlen Sie sich persönlich betrogen?

Ja, aber es gibt dazu auch eine etwas längere Erklärung, welche ein differenziertes Bild ermöglicht. Wir arbeiteten bereits seit den Geschichten von 2008 mit den Russen, konkret mit dem Labor von Moskau, zusammen. Gemeinsam mit dem IAAF waren wir der Meinung, die Vorgänge im Labor von Moskau im Auge behalten zu müssen. Und wir wussten, dass wir dort ein anerkanntes Labor brauchen, das auch Bluttests auswerten kann. Damals war das nicht möglich und es war gesetzlich auch nicht erlaubt, die Bluttests für die Analyse ins Ausland zu transportieren.

Aber letztlich dienten Sie der russischen Regierung als Feigenblatt!

Der Zweck war nicht, der russischen Regierung zu helfen, sondern für die internationale Antidoping-Bewegung in Moskau ein dringend benötigtes Bluttestlabor aufzubauen. Und das funktionierte auch. Und die Russen waren auch nicht in der Lage, damit zu betrügen. Es ist viel schwieriger, einen Bluttest zu manipulieren als einen Urintest.

Sie sagten der NZZ während Sotschi, die Russen hätten in Sachen Dopingbekämpfung grosse Fortschritte gemacht. Das tönt im heutigen Kontext beinahe lächerlich?

Ja, ich gebe Ihnen recht, das tönt mehr als lächerlich. Auf der anderen Seite: Das Labor von Sotschi, das damals eine temporäre Filiale des Labors von Moskau war, gehörte qualitativ zu den Besten der Welt. Das Moskauer Labor war auch am Ursprung von analytischen Untersuchungen, die uns ermöglichten, gedopte russische Sportler zu überführen. Und ich kenne viele Antidoping-Wissenschafter des Labors persönlich. Sie gehören zu den Besten der Welt.

Martial Saugy: Eine Antidoping-Ikone mit Kratzer

Martial Saugy (62) war massgeblich an der Gründung und am Aufbau des Antidoping-Labors von Lausanne beteiligt. Von 2002 bis Ende Juni dieses Jahres war er dessen Leiter. Derzeit führt er seine Nachfolgerin, die Finnin Tiia Kuuranne, in ihr Amt ein. Da ein Teil seiner Arbeit im Auftrag von grossen Sportverbänden wie dem Internationalen Olympischen Komitee oder dem Leichtathletik-Weltverband geschieht, wird er von Kritikern als zu wenig unabhängig bezeichnet. Weil er im Auftrag des Radsportverbandes 2001 Lance Armstrong den Epo-Test erklärte, geriet er vor einigen Jahren als «Komplize» in die Kritik. Saugy, der sich selbst als «total unabhängig» sieht, hat unbestritten grosse Verdienste im Kampf gegen Doping, etwa bei der Einführung von Bluttests. (rs)

Aber offensichtlich auch zu den besten Betrügern?

Sehen Sie, selbst das Labor in Lausanne, das in der Welt einen exzellenten Ruf geniesst, könnte nicht garantieren, einen korrupten Mitarbeiter mit organisierter Unterstützung von aussen zu entlarven. Zurzeit hat kein Labor ein System, um so etwas wirkungsvoll zu kontrollieren.

Ist Russland das einzige Land, in dem flächendeckend gedopt wird?

Russland ist nicht das einzige Land! In den Nachproben der Olympischen Spiele von Peking und London wurden Athleten aus mindestens 17 Ländern überführt. Viele dieser Nationen stammen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Und die Art, wie hier gedopt wurde, ist nicht weit entfernt von den früheren Dopingmethoden aus der ehemaligen DDR und der Sowjetunion. Aber es entspricht der Logik, dass man zuerst nach Russland schaut, weil Russland eine grosse Sportnation ist. Russland hat zweifellos grossartige Wissenschafter und hervorragende Sportler. Es ist sehr schade, dass die Russen alles auf diesem Dopingprogramm aufgebaut haben. Ihre Athleten können zweifellos auch ohne das gewinnen.

Müsste man russische Wintersportler, die auf McLarens Liste stehen, nicht sofort aus dem Verkehr ziehen?

Ich kann solche Forderungen verstehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Ich würde dem IOC und den Verbänden die nötige Zeit geben, um die angeblichen Beweise mit aller Sorgfalt zu prüfen und dann zu entscheiden. Erstens könnte es Unschuldige treffen und zweitens muss eine Sperre immer auch vor dem Sportgerichtshof bestehen können.

Was muss denn in Sachen McLaren-Report als Nächstes passieren?

Was passiert ist, ist eine Katastrophe für den Sport. Aber der Sport muss sich davon erholen, und dafür kann es meiner Meinung nach nur eine Lösung mit Russland geben. Die Rückkehr zum kalten Krieg ist für mich keine Lösung. Russland hat einen riesigen und inakzeptablen Fehler begangen. Die Russen müssen jetzt merken, dass sie eine grosse Verantwortung haben und in ihrem Land aufräumen müssen. Und wir haben alle Mittel, um den nötigen Druck auf sie auszuüben.

Lassen die Russen das zu?

Ja, ich denke schon. Bereits heute arbeitet Antidoping United Kingdom in Moskau mit der Rusada zusammen, um Dinge wieder zum Laufen zu bringen.

Wie kann man den Kampf gegen Doping wirkungsvoller organisieren?

Er muss dringend unabhängiger werden. In Russland hat es nicht funktioniert, weil weder das Dopinglabor noch die Rusada unabhängig sind. Wieso sollen nicht die Deutschen für Dopingkontrollen in der Schweiz verantwortlich sein, die Schweizer für Norwegen und die Norweger für Russland?

Was sind die grössten Errungenschaften der letzten Jahre im Kampf gegen Doping?

Aus meiner Sicht der biologische Athletenpass. Diese Daten zeigen auch ohne positive Probe, dass etwas nicht stimmt. Es ist zwar ein Eingriff ins Privatleben, aber die allermeisten sauberen Sportler werden dazu bereit sein. Denn mit dem biologischen Pass gibt es für Betrüger kein Entrinnen mehr.

Muss man einfach damit leben, dass es immer Doping geben wird? Oder ist diese Haltung fatalistisch?

Diese Haltung ist nicht fatalistisch, sie ist realistisch. Unser Auftrag ist es, mit klaren Spielregeln die Auswüchse so klein wie möglich zu halten. Und damit allen Sportlern, welche die Regeln einhalten, die Gewissheit zu geben, dass sie zur überwältigenden Mehrheit gehören. Aber eine dopingfreie Welt ist unser aller Traum, der nie in Erfüllung gehen wird.

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