Leichtathletik
Der König der Löwen mag nicht mehr – Schenkels Gründe für das Staffel-Aus

Mit Amaru Schenkel verliert die Schweizer Nationalstaffel über 4 x 100 m ihren erfahrensten Läufer. Damit macht der Dietiker den Weg frei für die weiteren drei Limmattaler Vertreter.

Raphael Biermayr
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Amaru Schenkel und die Sprinterstaffel
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2012 bei Weltklasse Zürich mit Fongué, Wilson und Schneeberger (von links)
2010 bei Weltklasse Zürich mit Mancini, Schneeberger und Beyene (von links)
2007 mit Schneeberger, Cribari und Baumann (von links)
2008 in Madrid mit Baumann, Schneeberger, Cribari und Trainer Di Tizio (von links)
2008 im Zürcher Sihlhölzli mit Baumann, Schneeberger, Cribari und Kundert (von links)

Amaru Schenkel und die Sprinterstaffel

Keystone

Er habe schlecht geschlafen. «Das kommt sehr selten vor», sagt Amaru Schenkel. Der Sprinter aus Dietikon spricht über die wenige Tage zurückliegende Nacht, als er sich dazu entschloss, nicht mehr für die Nationalstaffel über 4 x 100 m zur Verfügung zu stehen.

«Ich bin ein leidenschaftlicher Staffelläufer – aber ich kann nicht mehr dahinterstehen», sagt der 27-Jährige. Die jüngsten Ereignisse rund um die Staffel-WM auf den Bahamas hätten ihn zu diesem Entschluss bewogen.

Schenkel reibt sich an der Personalie von Laurent Meuwly, der auf diese Saison hin nach der Frauen- auch die Männerstaffel als Trainer übernommen hat. Mit seiner betont autoritären Art stiess er die Athleten immer wieder vor den Kopf.

Wie bei den Frauen

Offenbar gehört es zur Absicht des Verbands, dadurch mehr Leistung herauszukitzeln. Meuwly hat bei den Frauen bewiesen, dass das funktioniert: Längst haben sie in der öffentlichen Wahrnehmung die Männer in den Schatten gestellt.

An den Heim-EM 2014 sorgte ihr missglückter Finallauf (Disqualifikation wegen Stabverlusts) für mehr Resonanz als der Schweizer Rekordlauf der Männer.

Doch während die Frauen die Solidarität untereinander höher gewichten als die Differenzen mit dem Coach, suchen die Männer die Konfrontation. An den Staffel-WM kam es zwischen Meuwly und dem Schweizer 100-m-Rekordhalter Alex Wilson zum offenen Konflikt, als dieser sich weigerte, auf der ihm zugedachten Position drei zu laufen, aus Bedenken wegen seines lädierten Knies, wie er sagte. Wilson wurde suspendiert.

Die Staffeln beider Geschlechter sowie Meuwly und Verbands-Leistungssportchef Peter Haas trafen sich Ende der vergangenen Woche zu einer Aussprache. Aus dem Teamkreis heisst es, Wilson habe sich dort bei Meuwly und seinen Läuferkollegen entschuldigt, doch vonseiten des Trainers sei nichts Entgegenkommendes ausgegangen.

Schenkel hat daraus seine Konsequenzen gezogen. Schon im Vorfeld der Aussprache hatte er in einem für ihn typischen Zitat den mangelnden gegenseitigen Respekt moniert: «Die Frauen sind niedliche Kätzchen – die Männer wilde Löwen. Ein Dompteur muss wissen, wie man mit Löwen umgeht. Es geht um den gegenseitigen Respekt. Wenn der nicht vorhanden ist, werden entweder die Löwen erschossen oder der Dompteur gefressen», sagte er.

Kein Einfluss mehr auf die Aufstellung

Schenkel hat sich in den letzten Jahren immer als König der Löwen verstanden, um bei seinem Bild zu bleiben. Der Einzelgänger übernahm tatsächlich eine Leaderrolle im bereits im Vorfeld der Heim-EM strauchelnden Prestigeprojekt. Als erfahrener Athlet hatte er Einfluss auf die Aufstellung der Staffel. Damit ist nun augenscheinlich Schluss.

Aufgrund seiner Leistungen wäre Schenkel zwar weiterhin ein Fixstarter gewesen. Doch mit der distanzierten und gleichzeitig dominanten Art des neuen Trainers kann er sich nicht arrangieren – sie widerstrebt ihm geradezu. Dazu sagt der Dietiker: «Meine Eltern sagen immer, dass sich selbst zu bleiben ein Fulltimejob ist. Das stimmt absolut. Ich will mich nicht verbiegen.»

Die Chance für Fongué und Co.

Mit Schenkel verliert die Nationalstaffel ihren erfahrensten Läufer. Er war schon 2008 auf der Bahn, als dem Schweizer Quartett – darunter auch der Oetwiler Marco Cribari – die Verbesserung der 30 Jahre alten (!) Bestmarke gelang.

Danach verbesserte er mit wechselnden Teamkollegen den Rekord noch vier weitere Male, zuletzt wie erwähnt im vergangenen Jahr (38,54 Sekunden). Damals unter anderen an der Seite von Suganthan Somasundaram (23).

Für den Unterengstringer ist der Rücktritt von Schenkel eine Chance auf einen festen Platz in der Staffel, gleich wie für Steven Gugerli (29, Urdorf) und Rolf Malcolm Fongué (27, Dietikon), die auch auf den Bahamas waren.

Letzterer ist angesichts seiner sportlichen Erfahrung nun der Routinier im Schweizer Aufgebot, das in den nächsten Wochen die Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Peking anstrebt.

Ehemalige Freundschaft

Amaru Schenkel wird derweil versuchen, die 100-m-Limite als Einzelathlet zu schaffen. Die geforderten 10,16 Sekunden liegen drei Hundertstelsekunden unter seinem Bestwert aus dem Jahr 2011.

Sein Trainer damals: Laurent Meuwly. Die Trennung Ende 2012 erfolgte nicht in Minne, ein Grund war, dass der Freiburger Schenkel davon überzeugen wollte, sich besser auf die 200 m statt die 100 m zu konzentrieren, um damit international konkurrenzfähiger zu sein. Ein Vorschlag, mit dem auch andere auf taube Ohren stiessen.

Wer auf Schenkels – hinter den sozialen Medien verblassten – Homepage stöbert, findet unter der Rubrik «Head-Coach» noch immer Laurent Meuwly. Zu ihm heisst es: «Mit seiner langjährigen Erfahrung als professioneller Leichtathletikexperte und seiner positiven Grundhaltung schafft er es, das Leistungspotenzial von Schenkel auszuschöpfen. Für Schenkel ist Meuwly ein enger Freund und wertvoller Berater geworden, der immer wieder für Spässe zu haben ist.»
Das war einmal.

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