Es gibt in Lahti dankbarere Aufgaben als den Einsatz gegen Doping. Im Zuge des McLaren-Reports über systematischen Betrug bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gelangte auch der Langlauf in die negativen Schlagzeilen.

Zuvor war es um die Sportart – mit mehreren Skandalen nach der Jahrtausendwende ein gebranntes Kind – angenehm ruhig geworden. Endlich standen wieder Leistungen und nicht Verdächtigungen im Vordergrund.

Viel Druck nach McLaren-Report

Doch McLaren schlug ein wie der Blitz. Misstrauen beherrscht seitdem die Szene. Der Druck der Öffentlichkeit auf die Sportverbände, resolut und unmittelbar zu reagieren, stieg gewaltig. Die verschiedenen Player im Kampf gegen Doping wirkten dabei nicht immer souverän.

Sie lagen sich bisweilen in den Haaren, kämpften um die Deutungshoheit und um den effizientesten Weg, Übeltäter mit höheren Erfolgsaussichten zu erwischen und dadurch das Ziel aller besser zu garantieren: Die ehrlichen Sportlerinnen und Sportler zu schützen. 

Langläufer und Olympiasieger Alexander Legkow wird des Dopings beschuldigt.

Langläufer und Olympiasieger Alexander Legkow wird des Dopings beschuldigt.

In solchen Situationen sind Personen mit ruhig Blut und hoher Stresstoleranz gefragt. Sarah Fussek gehört zu ihnen. Die Österreicherin ist seit 2008 Antidoping-Verantwortliche bei der FIS.

Sie koordiniert die Aktivitäten und Abläufe im Kampf gegen Doping, vermittelt zwischen den einzelnen Beteiligten und versucht letztlich, den Überblick über die vielen, oft entscheidenden Details zu behalten. Denn ein wirkungsvoller und somit erfolgreicher Kampf gegen Doping gleicht dem Lauf eines Slalomfahrers: Ja nicht zwischen Start und Ziel bei einer Stange einfädeln.

Sarah Fussek scheint ihren Job im Griff zu haben. Zumindest attestiert ihr dies Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz und bei der Betrachtung der aktuellen Situation ein Mann mit oft pointiert kritischem Blick. «Die Zusammenarbeit mit der FIS bei der alpinen Ski-WM in St. Moritz war exzellent», sagt Kamber.

951 unangekündigte Tests

Derzeit wirbelt Fussek bei den Nordischen in Lahti. Doch was heisst derzeit. Seit zwei Jahren ist sie mit der Vorbereitung der WM beschäftigt. Unterstützt wird sie in ihrer bisweilen heiklen Aufgabe von FIS-Generalsekretärin Sarah Lewis, die letztlich die Verantwortung für die Antidoping-Aktivitäten trägt.

Die Strategie des Antidoping-Programms der FIS wird vom renommierten dänischen Experten Rasmus Damsgaard bestimmt. Sie wurde nach dem Lahti-Skandal von 2001 in dieser Form vom schwedischen Experten Bengt Saltin ins Leben gerufen und wird jedes Jahr angepasst.

Der FIS-Kongress mit allen Mitgliedsverbänden beschliesst die Investitionen ins Programm, um die Nulltoleranz-Politik wirkungsvoll umzusetzen. Im Jahr 2016 waren dies 1,5 Millionen Franken. Die Strategie fokussiert auf unangekündigte Trainingskontrollen, in dieser Saison bis zur nordischen Weltmeisterschaft deren 951. Auch bei der WM selber gab es vor dem ersten Startschuss bereits 120 unangekündigte Blutproben.

Dopingverantworliche Sarah Fussek wirbelt an der WM in Lathi.

Dopingverantworliche Sarah Fussek wirbelt an der WM in Lathi.

Die administrative Koordination der Tests liegt dann bei Sarah Fussek. Sie arbeitet hauptsächlich im Hintergrund, wahrt Distanz zu den Athleten. Doch jeder durch die FIS in Auftrag gegebene Dopingtest läuft organisatorisch über ihr Pult. Dabei ging und geht es auch in Lahti primär um viele Details, im Speziellen die Koordination mit den nationalen Antidoping-Behörden, um das Prozedere der Dopingkontrolle nach den Wettkämpfen, die Instruktion der beteiligten Helfer und den sachgemässen Transport der Proben ins Labor von Helsinki sicherzustellen, sowie das Resultat-Management der Analysen.

«Die Arbeit ist in den vergangenen Jahren zunehmend umfangreicher und komplexer geworden», sagt Fussek. Dies liege auch daran, dass der Bereich immer mehr angreifbar geworden sei.

Deutsche Tests in Russland

Gerade die Art und Weise des Betrugs in Sotschi dient als bestes Beispiel. So achtet man heute genauestens darauf, dass der Transportweg der Proben lückenlos dokumentiert und überwacht ist. Die Temperatur darf nie zu tief fallen oder zu hoch steigen, sonst ist die Probe wertlos. «Die Anwälte der Athleten stürzen sich bei einem positiven Dopingfall auf jedes dieser Details», sagt Fussek.

Die Antidoping-Verantwortliche weist auf einige Errungenschaften im Kampf gegen Doping hin. So führte die FIS den Blutpass für Athleten schon sechs Jahre, bevor ihn die Welt-Antidoping-Agentur Wada für obligatorisch erklärte, ein. Und sie lässt Dopingproben von russischen Sportlern mehrheitlich durch eine deutsche Kontroll-Agentur vornehmen und ausserhalb des Landes untersuchen. Dies bereits weit vor den Enthüllungen von Professor McLaren. «Deshalb haben wir an unserem Set-up nach dem Bericht auch nichts umstellen müssen.»

Sarah Fussek spricht selber Russisch. Im aktuellen Umfeld zweifellos kein Nachteil. Auch ihre Flexibilität ist gefragt. Die Aktualität mit den provisorischen Sperren gegen sechs russische Athleten etwa hat ihr ausgerechnet zur Weihnachtszeit zu beruflichen Extraschichten verholfen.

Funktioniert die Unabhängigkeit?

Gerade weil es im Kampf gegen Doping heute mit den Fachverbänden, den nationalen Antidoping-Agenturen, der Wada, dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Sportgerichtshof in Lausanne (CAS) so viele Beteiligte gibt, sind für Fussek Synergien elementar.

Martin Fourcade verlässt der Siegerehrung, als gerade die Russen auf Podium stiegen, aus Protest gegen Doping das Podest.

Zur heiss diskutierten Antidoping-Neuausrichtung mit der Installierung einer unabhängigen Testbehörde sagt sie: «Das Wichtigste für die Sportverbände ist es, bereit für Veränderungen zu sein und sie als Chance zu sehen. Wir sträuben uns nicht dagegen.»

Allerdings begegnet sie der mit Verweis auf den Interessenkonflikt lautstark geforderten kompletten Loslösung der Antidoping-Aktivitäten von den Fachverbänden kritisch. «Im Kampf gegen Doping gleichzeitig unabhängig und fachmännisch zu sein, ist eine beinahe unlösbare Verknüpfung», sagt sie. Dass zum Beispiel der Staat eine tragende Rolle einnehmen soll, gilt nach den Vorfällen von Sotschi auch nicht mehr als Ei des Kolumbus.

Sarah Fussek wird es nehmen, wie es kommt, und weiterhin ihren Job erledigen. Und sich freuen, wenn es dafür Anerkennung gibt. Denn wie bereits erwähnt: Selbstverständlich ist das derzeit nicht.