Eigentlich ist Eis gratis und ein Geschenk des Himmels. Es wird kalt, Wasser gefriert und wir haben Eis. Eigentlich. Wenn es aber darum geht, auf Eis zu spielen, dann braucht es irdisches Handwerk. Oder besser: Kunsthandwerk. Weltweit beherrschen es nur wenige so gut wie Hans Wüthrich.

Manche sagen, der «World Curling Federation Chief Ice Technician» – der «Welt-Eismeister des Curlings» – sei gar der Beste. Über das Wasser zu schreiten wie Jesus, kann Hans Wüthrich noch nicht. Aber er ist der olympische Gott des gefrorenen Wassers.

Seit 1993 ist der kanadisch-schweizerische Doppelbürger für das perfekte Eis bei allen globalen Titelkämpfen – WM, Olympia – und bei den meisten Europameisterschaften und allen kanadischen Titelkämpfen verantwortlich.

Der Absolvent der Agrar-Akademie Wallierhof ist auf einem Bauernhof in Brügglen im solothurnischen Bucheggberg («Buechibärg») aufgewachsen. 1976 reist er im Alter von 19 Jahren nach Kanada. Um schliesslich dortzubleiben und Kanadier zu werden.

Weil es auf der Weizenfarm im zugigen Manitoba im Winter kaum etwas zu tun gibt («Nur ab und zu eine Dienstfahrt mit dem Traktor»), wendet er sich wie ein echter Kanadier dem Curling zu. Als freiwilliger Helfer beim Eismachen und dann, als der lokale Eismeister in Pension geht, als dessen Nachfolger.

Die Schweizer Curler während den Spielen in Pyeongchang

Die Schweizer Curler während den Spielen in Pyeongchang

So ist eines zum anderen gekommen. Der Bauer aus dem Kanton Solothurn hat längst die vierstufige Eismeister-Ausbildung in Kanada durchlaufen. 2003 hat ihn der kanadische Curlingverband mit dem «Award of Achievement» geadelt. Ein Orden für besondere Leistungen.

Der perfekte Rasen im Sommer

Hans Wüthrich ist beim olympischen Curling-Spektakel bekannt wie ein weisser Tiger. Wenn der Chronist nach dem Eismeister fragt, leuchten bei allen sofort die Augen. «Oh, Hans» sagen jene, die asiatischer Muttersprache sind. «Oh, Häns», die Anglophonen. Und so dauert es nicht lange, bis der Hexenmeister des gefrorenen Wassers herbeigerufen ist.

Unkompliziert, freundlich, humorvoll. Die sympathische Bescheidenheit, die den Solothurnern vom Lande eigen ist, hat er in der Fremde bewahrt. Gerne erzählt er über sein Leben. Professioneller Eismeister ist er nur im Winter.

Im Sommer betreibt er im kanadischen Gimli, einer Stadt mit nicht einmal 10 000 Einwohnern 80 Kilometer ausserhalb von Winnipeg, ein Gartenbau-Geschäft. Zusammen mit seiner Frau Patti und Sohn Dylan sowie sieben Angestellten. Was im Winter das perfekte Eis, ist ihm zur warmen Jahreszeit der perfekte Rasen.

Bald einmal wird dem Laien klar, wie schwierig es sein muss, perfektes Eis für die Titanen der rutschenden Steine zu produzieren. Hans Wüthrich sagt, es brauche fürs Curling die höchste Kunst des Eismachens. Robust müsse Eis fürs Kunstlaufen sein. Um die Sprünge auszuhalten. Etwas dünner für Eishockey.

Etwas wärmer beim Eisschnelllauf, weil Eis kurz vor dem Schmelzpunkt am schnellsten sei. Am dicksten, etwas mehr als 30 Millimeter und von allerhöchster Güteklasse müsse das Eis fürs Curling sein. Weil die Eisqualität während eines ganzen Spiels bei konstanter Temperatur gleich hoch bleiben müsse.

Dazu gehört, dass Luftfeuchtigkeit und Temperatur in der Halle auch bei hohem Zuschaueraufkommen möglichst konstant bleiben. Deshalb gehört ein ausgeklügeltes Lüftungssystem zu einer guten Curling-Arena. Auf dem Computer-Bildschirm kann Hans Wüthrich die Daten im Minutentakt ablesen und das Hallenklima überwachen.

16 bis 18 Stunden in der Halle

Zehn Tage hat er hier in Südkorea mit seinem 15-köpfigen Team für die Herstellung des Curling-Eises gebraucht. «Während dieser Zeit haben wir uns so organisiert, dass wir rund um die Uhr durcharbeiten konnten.» Auch jetzt, wenn alles läuft, ist er 16 bis 18 Stunden in der Halle.

Schlaflos in Südkorea. Oder zumindest fast schlaflos. Hans Wüthrich kommt am Morgen als Erster und geht am Abend als Letzter. «Ich will nichts dem Zufall überlassen und nicht schuld sein, wenn ein gespielter Stein wegen des Eises misslingt.» Es sind der Fleiss und das Verantwortungsbewusstsein, die den Bauern vom Buechibärg eigen sind.

Und wer sich ein bisschen umhört, um zu erfahren, warum Hans Wüthrich der beste Eismeister der Welt sei, dann kommen alle zum gleichen Schluss: er investiere mehr als die anderen in eine Arbeit, die seine grosse Leidenschaft sei.

Unzählige aufwendige Arbeitsgänge mit mehreren Eisschichten sind also notwendig, bis das glatte Spielfeld zubereitet ist. Und es braucht dafür das reine, das perfekte Wasser, das mit einer Maschine demineralisiert wird. Es ist die reinste Form des Wassers. Wie jenes am ersten Tag der Schöpfung. Vielleicht könnte es gelingen, über einen See aus solchem reinen Wasser zu schreiten.