Bob
Der Gastfahrer startet durch - Clemens Bracher schreibt mit dem Zweierbob Geschichte

Ein bisschen tönt es wie ein Märchen. Erstes Rennen, erster Sieg: Clemens Bracher gewinnt in Winterberg den Zweierbob-Weltcup. Allein der Name Winterberg könnte erfunden sein. Aber die Kleinstadt in Deutschland gibt es wirklich.

Marco von Felten
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Clemens Bracher (r.) und Michael Kuonen beim Start in Winterberg.

Clemens Bracher (r.) und Michael Kuonen beim Start in Winterberg.

Keystone

Bracher selbst sagt nach seinem Sieg: «Für mich ist es keine Sensation. Aber eine Überraschung.» Also kein Märchen. Aber eine wunderbare Geschichte.

Clemens wer? Das dachten auch manche Konkurrenten im Weltcup. Nach dem Rennen in Winterberg war von Athleten zu hören, dass sie nicht gewusst haben, wer Bracher überhaupt ist. Doch wer ist er? Bracher ist Emmentaler und Bobpilot.

Das vor allem durch Zufall. Denn fast genauso überraschend, wie ihm sein Debüt-Sieg gelang, verschlug es ihn vor gut neun Jahren in den Bob-Zirkus. Noch ohne Ahnung, was ihn erwartet, absolvierte er eine Gästefahrt in einem Vierer-Bob, wie es viele Touristen tun. Doch nach der Fahrt wurde er sofort angesprochen, ob er Interesse habe, künftig Bob zu fahren.

«Ich bin fast explodiert»

So reihte sich alles aneinander. Und in diesem Winter absolviert er schon seine achte Bob-Saison. Dies aber meist abseits des Rampenlichts. Vor dem Sieg in Winterberg am Wochenende war er nur einmal im Weltcup am Start. In der vergangenen Saison durfte er in Innsbruck im Viererbob auf die Strecke. Bekannt machte ihn der Auftritt im Weltcup aber noch nicht. Im Europacup hingegen kennt man den Schweizer. Mit zwei Erfolgen hatte Bracher sein Können dort bereits unter Beweis gestellt.

Der Sieg im Weltcup mit Anschieber Michael Kuonen übertrifft dies nun aber deutlich. Dank guten Trainingszeiten merkte Clemens Bracher aber schon vor seiner Fahrt, dass etwas möglich sein könnte. «Ich wusste, dass ein Top-10-Resultat realistisch ist, aber ich habe sicher nicht an einen Sieg gedacht», sagt er. «Als ich realisierte, dass wir gewonnen haben, bin ich innerlich fast explodiert.» Nur angesehen hat man ihm das nicht. Der Berner blieb fast stoisch. «Gegen aussen bin ich eher der ruhige Typ. Ich habe von Anfang an versucht, zu geniessen und den Sieg richtig einzuordnen.»

So zufällig Bracher zum Bobsport kam, so schnell hätte die Karriere früh enden können. 2013 erlitt er einen Hirnschlag. Glücklicherweise hat er sich davon gut erholt. «Dieser Vorfall hat heute keinen Einfluss mehr», sagt Bracher. Trotzdem hat es ihn geprägt. «Mein grösster Wunsch ist es, gesund zu bleiben.» Der gelernte Heizungsmonteur arbeitet über das Jahr verteilt noch gut 35 Prozent neben dem Bob-Sport. Sein Pensum absolviert er vor allem im Sommer, damit er im Winter den Fokus voll auf den Sport legen kann. «Dank meinem verständnisvollen Arbeitgeber haben der Bob-Sport und der Beruf sehr gut nebeneinander Platz», sagt Bracher. Als Ausgleich zum Bob-Sport ist er zudem im Hornusserklub Wasen-Lugenbach tätig, wo er ebenfalls bereits beachtliche Erfolge feiern konnte.

Traum: Olympische Spiele

So märchenhaft die Geschichte klingt: Clemens Bracher ist nicht der erste Schweizer, der in Winterberg bei seinem Debüt gleich gewinnen konnte. Neun Jahre zuvor gelang dies Beat Hefti, der Bracher später als Anschieber in den Weltcup brachte. Durchsetzen konnte sich Bracher im Team von Hefti jedoch nicht, sodass sie getrennte Wege einschlugen.

Heute sind sie als Piloten Konkurrenten im Kampf um einen Startplatz an den Olympischen Spielen im Februar in Südkorea. Bracher hat mit seinem Sieg bereits die Hälfte der Selektionskriterien erfüllt. Für die endgültige Qualifikation braucht er nur noch ein weiteres Top-8-Ergebnis. «Die Olympischen Spiele sind ein grosser Traum», sagt er.

Und es ist gut möglich, dass er Hefti überflügeln wird. In Winterberg war Bracher als Ersatzmann für den in dieser Saison enttäuschenden Routinier am Start. Und am kommenden Wochenende am Weltcup in Innsbruck, der auch als Europameisterschaft zählt, wird Bracher neben Rico Peter erneut der zweite Schweizer Starter sein. Lange wird sein Name im Weltcup wohl nicht mehr nur Insidern geläufig sein.

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