Rekorde, Skandale, mit glitzernden Pokalen gefüllte Vitrinen und rührende Geschichten von Auferstehungen und beispiellosen Erfolgsgeschichten pflastern die letzten drei Jahrzehnte der Schweizer Tennis-Geschichte. 1992 erreichen Jakob Hlasek und Marc Rosset, der im gleichen Jahr in Barcelona Olympia-Gold gewinnt, den Davis-Cup-Final (2:3 gegen die USA). Seither halten eine Handvoll Schweizer die Tennis-Welt in Atem.

Martina Hingis besteigt mit 16 Jahren als Jüngste aller Zeiten den Weltranglistenthron. Sie gewinnt fünf Grand-Slam-Turniere im Einzel. Mit ihren Erfolgen stösst sie in eine bisher ungekannte Dimension vor. Sie ist der erste Schweizer Sportstar. Während sie, die heute im Doppel noch immer zur Weltspitze gehört, im Ausland verehrt wird, ringt sie in der Heimat um Anerkennung. Als sie im Vorjahr an der Seite von Timea Bacsinszky Olympia-Silber gewinnt, schliesst sich für sie ein Kreis.

Zuvor betritt Roger Federer die Bühne. Seine Erfolge bringen Hingis retrospektiv die Wertschätzung, die sie schon längst für sich eingefordert hatte. Ebenso bescheiden wie erfolgreich schreibt der Baselbieter mit 17 Grand-Slam-Titeln und 302 Wochen an der Spitze der Weltrangliste die Geschichtsbücher des Sports um. Obwohl er inzwischen Immobilien in Dubai, auf der Lenzerheide und Bauland an der Zürcher Goldküste besitzt und ein Vermögen von gegen einer halben Milliarde Franken angehäuft hat, bleibt er das Liebkind der Sportfans – auch, weil er skandalfrei bleibt.

Es ist eine Konstellation, die Stan Wawrinka den Aufstieg an die Weltspitze ermöglicht. Er gilt als harter Arbeiter, bisweilen introvertiert. Jahrelang steht er im Schatten Federers, obwohl er zu den 20 Besten gehört. Auf seinem linken Unterarm lässt er sich die Worte von Samuel Beckett stechen: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Seit drei Jahren scheitert er immer seltener. Er gewinnt mit den Australian Open 2014, den French Open 2015 und den US Open im Vorjahr drei Major-Turniere. Noch vor Federer, der nach langer Rekonvaleszenz zurückkehrt und in der Weltrangliste weit abgerutscht ist, zählt er als Anwärter auf den Turniersieg.

Ganz so weit sind Bacsinszky und Belinda Bencic nicht. Aber vor einem Jahr werden mit ihnen sowie Federer und Wawrinka für kurze Zeit vier Schweizerinnen und Schweizer in den ersten zehn der Weltrangliste geführt. Bencic kämpft mit Verletzungen, steht aber noch am Beginn ihrer Karriere. Bacsinszky hat mit der Geschichte um ihre bewegte Kindheit unter dem Regime ihres Vaters bewegt.

Skurrile Geschichten halten uns in Atem. Wie jene um Patty Schnyder, die ehemalige Weltnummer 7, die einem Heiler verfällt und mit einer Saftkur für Schlagzeilen sorgt. Als ihre Familie den Privatdetektiv Rainer Hoffmann auf sie ansetzt, bricht sie mit den Eltern und heiratet Hoffmann. Sie wandert aus und lässt sich später scheiden. Auch Martina Hingis’ Trennung vom französischen Springreiter Thibault Hutin wird ein Thema für den Küchentisch. Es ist der ganz normale Wahnsinn.

Einer, der sich aber primär in Erfolgen manifestiert. Wohlstand und Infrastruktur mögen Gründe sein, ein Blick auf die Einzigartigkeit der jeweiligen Biografien zeigt aber, dass es keine schlüssige Erklärung gibt. Die Erfolge der goldenen Ära sind nicht reproduzierbar. Auch wenn der ganz normale Wahnsinn der letzten Jahrzehnte ein anderes Bild zeichnet.