17. Oktober 2017: Es läuft die 36. Spielminute des Swiss-League-Meisterschaftsspiels zwischen dem EHC Olten und der EVZ Academy. Oltens Ryan Vesce führt den Puck, so wie er es schon Tausende Male während seiner langen Karriere als Eishockeyprofi getan hat. Er fährt mit hohem Tempo ins Angriffsdrittel. Lässt mit einer Körpertäuschung einen Gegenspieler aussteigen. Sucht einen besser postierten Teamkollegen, dem er die Scheibe zuspielen kann. Dann passiert es: Plötzlich taucht von der Seite Cyril Oehen auf. Der Verteidiger der EVZ Academy will Vesce mit einem Check bremsen, trifft aber statt des Körpers den Kopf des Amerikaners. Vesce geht zu Boden, steht wieder auf und verlässt das Eis aus eigener Kraft, aber auf wackligen Beinen und sichtbar angeknockt.

Ryan Vesce weiss sofort, was passiert ist. Das Gefühl, als ob die Zeit stehen bleibt. Das Gefühl, dass die Umgebung wie in einer Wolke verschwindet. Das Gefühl, dass man sich selber in einer Art Taucherglocke befindet. Er hatte vorher schon zweimal erlebt, wie sich eine Gehirnerschütterung anfühlt. Nach dem Spiel kommt die erste Diagnose des Teamarztes: Es dürfte sich «nur» um eine leichte Variante handeln. Ein Verdikt, welches die nachfolgende Untersuchung bestätigt. Beim EHC Olten geht man davon aus, dass der Stürmer eine bis zwei Wochen ausfällt. «Glück gehabt», denken die Beteiligten angesichts dieser den Umständen entsprechend recht günstigen Prognose.

Der Check gegen Ryan Vesce

Der Check gegen Ryan Vesce

Durch diesen Check erlitt EHCO-Spieler Ryan Vesce (mit dem gelben Topskorerhelm) seine Gehirnerschütterung.

16. Dezember 2017: Ryan Vesce ist seit jenem Zusammenstoss im Oktober nie mehr für den EHC Olten im Einsatz gestanden. Aus zwei Wochen sind mittlerweile zwei Monate geworden. Momentan weiss niemand, wohin die Reise gehen wird. Nur etwas steht fest: Vesce wird morgen ein Flugzeug in Richtung USA besteigen. Er lässt sich in einer Spezialklinik in Arizona behandeln. Die auf dem Papier «leichte» Gehirnerschütterung hat sich inzwischen als wesentlich komplizierter herausgestellt. Das Hauptproblem: Der Patient leidet an einer Verarbeitungsstörung im Gleichgewichtsorgan. Der Fall Vesce zeigt exemplarisch und eindrücklich, wie heimtückisch und unberechenbar diese Art von Verletzung ist, welche in den vergangenen Jahren im Eishockey rasant zugenommen hat.

«So schlimm wie am ersten Tag»

Zwei Tage bevor er sich für gut zwei Wochen in seine Heimat verabschiedet sitzt Rayn Vesce in einem Café in der Oltner Altstadt und erzählt von den schwierigen Momenten, die er seit jenem schicksalsträchtigen Tag im Oktober erleben musste. Vesce, von seinem Naturell her ein fröhlicher, offener Mensch, spricht leise. Die müden Gesichtszüge verraten, dass es ihm nicht gut geht. «Die Symptome sind auch jetzt immer noch genau gleich schlimm wie am ersten Tag», sagt er. Das Kopfweh ist ein treuer, aber unerwünschter Begleiter. Ebenso Schwindel, Übelkeit und unangenehmer Ohrendruck. An eine Rückkehr aufs Eis, dorthin, wo er sich am wohlsten fühlt, war zu keinem Zeitpunkt auch nur im Entferntesten zu denken.


«Das Schlimmste ist, dass ich keine Fortschritte spüre», erzählt der 35-Jährige leicht resigniert. Wohl zeigen die Tests, die er regelmässig über sich ergehen lassen muss, dass die Verletzungen des Gehirns langsam heilen. Allein: Auf sein Wohlbefinden hatte das bisher keinerlei Einfluss. Vesce hat seine tägliche Routine, fährt mit dem Zug nach Zürich zum Spezialisten für Gehirnerschütterungen, wo er spezifische Übungen absolviert. Danach versucht er, sich zu Hause zu entspannen, und geht abends regelmässig bei den Familien seiner ausländischen Teamkollegen, Tim Stapleton und Jay McClement, essen.


Seine eigene Familie, Frau Kate sowie die Kinder Ava, Maylin und Charlie, ist bereits vor ein paar Wochen wieder nach Florida zurückgekehrt. Nicht nur, weil Ryan Vesce aufgrund seines Zustands Ruhe braucht. Sondern vor allem, weil die älteste Tochter wieder in ihre gewohnte Schule gehen sollte. «Als absehbar wurde, dass meine Verletzung langwierig sein könnte, haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen», sagt Vesce. Immerhin: Über die Weihnachtstage wird er seine Liebsten wieder in die Arme schliessen können. Nach dem Abstecher nach Arizona wird er ein paar Tage in Florida verbringen. «Darauf freue ich mich. Ich hoffe, es hilft mir, wenn ich mal eine andere Umgebung habe.»


Keine Familie, kein Eishockey, trübes Wetter – und als schlimmster Punkt: keine Anhaltspunkte, dass sich die gesundheitliche Situation bessert. Ist da die Gefahr nicht gross, dass man depressiv wird? Ryan Vesce überlegt und sagt dann entschlossen: «Nein. Solche Gedanken haben bei mir nicht Platz. Ich glaube daran, dass ich wieder zurückkehren kann aufs Eis. Dafür kämpfe ich jeden Tag. Und: Ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch.»


Trotzdem: Die Unsicherheit, was die Zukunft bringen mag, lässt sich bei so einer Verletzung nicht verdrängen. «Ich weiss nicht, ob und wie es weitergeht. Und dann stellt man sich schon die Frage, was ist, sollte ich nicht mehr Eishockey spielen können. Ich muss ja meine Familie irgendwie ernähren», bemerkt Vesce leise. Er weiss: Der unsichtbare Gegner im eigenen Kopf ist unerbittlich und vor allem total unberechenbar.

Keine Wut auf den Übeltäter

Verspürt er jetzt, in dieser schwierigen Situation, Wut auf den Spieler, der ihn am 17. Oktober ausgeknockt hat? «Nein. Körperkontakt gehört zum Eishockey. Und ich hoffe doch, dass er mich nicht mit Absicht am Kopf treffen wollte», zeigt sich Ryan Vesce nicht nachtragend. Die fragliche Szene hat er sich nie angesehen. «Ich wüsste nicht, was ich davon habe», sagt er lapidar. «Das würde nichts an meiner Lage ändern.» Ob er die drei Spiele Sperre, die Cyril Oehen erhalten hat, nicht als zu milde Strafe empfindet? Vesce zuckt mit den Schultern. «Es liegt nicht an mir, das zu beurteilen. Wer weiss schon bei dieser Art von Verletzung, was das richtige oder falsche Strafmass ist?»