In den letzten Minuten hielt es keinen der fleissig das Walliserfähnlein schwingenden Zuschauer mehr auf den Sitzen. Und als dann Schluss war und das 0:0 gegen den FC Liverpool Tatsache, liessen die Sittener Spieler ihren Trainer Didier Tholot hochleben und das Publikum klatschte begeistert Applaus. Der FC Sion hatte in der Europa League die Sechzehntelfinals erreicht und damit eine Topleistung erbracht. Für einmal war es nicht dem FC Basel allein überlassen, Ehre für den Schweizer Fussball einzulegen. «Wir haben gegen Liverpool zweimal unentschieden gespielt, das Weiterkommen ist hoch verdient», sagte Tholot.

Sion gelang der grosse Coup

Liverpool, Bordeaux, Rubin Kasan – kaum jemand hätte es nach der Auslosung der Gruppenphase für möglich gehalten, dass der FC Sion europäisch überwintern würde. Doch die Walliser haben alle Skeptiker Lügen gestraft und mit dem torlosen Unentschieden gegen den FC Liverpool den Coup als Gruppenzweite geschafft. Gewiss, der 18-fache englische Meister ist derzeit weit vom Glanz früherer Jahre entfernt, Bordeaux genauso und Rubin Kasan zu Saisonbeginn völlig ausser Form gewesen. Doch der Schweizer Cupsieger, der nur dank dem Europa-League-Sieg des dadurch in die Champions League aufrückenden FC Sevilla direkt in die Gruppenphase gekommen war, verstand dies auszunützen. Er kassierte – in Kasan – nur eine einzige Niederlage und ist präsent, wenn am Montag in Nyon die K.-o.-Phase ausgelost wird. Er wird erstmals nach 29 Jahren nach der Winterpause wieder zu einem Europacupspiel antreten. 1987 war dies gegen Leipzig der Fall gewesen. «Mein Traum ist es, jetzt gegen Manchester United zu spielen», sagte der Sittener Verteidiger Léo Lacroix.

Nun kassieren die Walliser gross ab

Für den FC Sion hat sich die Europa League nicht nur prestigemässig, sondern auch finanziell ausgezahlt. Nach der Antrittsprämie von 2,4 Millionen Euro erspielte er sich Punkteprämien von 1,2 Millionen Euro. Ebenso erhält er als Gruppenzweiter 250 000 Euro sowie für die Sechzehntelfinals 500 000 Euro. Dazu kommen noch die Zuschauereinnahmen und etwas Fernsehgeld.

Weil ein Unentschieden gestern Abend im kalten Tourbillon vor ausverkauften Rängen Liverpool zum Gruppensieg und Sion zum zweiten Rang reichte, konnte es nicht überraschen, dass das Spiel Züge eines Nichtangriffspakts hatte. Eine deutliche Zurückhaltung im Offensivspiel war durchaus sichtbar, doch schenken taten sich die Kontrahenten zumindest physisch nichts. In den Zweikämpfen ging es manchmal rustikal zur Sache. Der Sittener Stürmer Ebenezer Assifuah foulte Emre Can ebenso übermotiviert hart wie auf der anderen Seite der Liverpooler Europa-League-Debütant Bradley Smith den Sittener Carlitos. Auf dem teilweise gefrorenen Terrain ergab diese Attitüde ein Spiel, das die Zuschauer nicht von den Sitzen riss. Der Liverpooler Trainer Jürgen Klopp sagte hinterher, dass er nicht verstehe, dass man in der Europa League spielen dürfe, ohne eine Rasenheizung zu haben. «Ich bin froh, hat sich niemand verletzt», sagte der Deutsche.

Kaum Strafraumszenen

Torchancen waren Mangelware; die Sittener hatten vielleicht zwei Halbchancen, eine Spur gefährlicher waren die Engländer durch den Belgier Divock Origi, der vor der Pause zu zwei halbwegs gefährlichen Abschlüssen kam. Die Reds, ohne ihren besten Spieler, den verletzten Stürmer Daniel Sturridge, angereist und mit den Titularen Christian Benteke und Philippe Coutinho auf der Ersatzbank, liessen zu keinem Zeitpunkt etwas von jenem schnellen Überfallfussball erkennen, mit dem der neue Trainer die Insel erobern will. Auch in der zweiten Halbzeit passierte nicht viel; Sion kämpfte, Liverpool tat nicht viel, dachte an die Premier League am Sonntag. Und so geschah es, dass ein eigentlich ereignisloses Spiel ausgelassen bejubelt wurde.
Lange feiern dürfen die Sittener Spieler aber nicht. Schon am Sonntag kommt es im Tourbillon zum nächsten grossen Clash: Dem Cup-Viertelfinal gegen den FC Basel.