Im Wallis nennen sie ihn Chancentod. Grosse Erklärungen braucht es also nicht, um zu verstehen, dass Léo Itaperuna nur noch sporadisch in der ersten Mannschaft des FC Sion zum Zug kommt. Dafür läuft der Brasilianer regelmässig im Nachwuchs auf, in den Niederungen der Promotion League.

Sions Léo Itaperuna (unten) wird ohne Bewilligung in der Promotion League eingesetzt.

Sions Léo Itaperuna (unten) wird ohne Bewilligung in der Promotion League eingesetzt.

Das Problem: Sion verstösst damit gegen das Ausländergesetz. Denn dieses sieht vor, dass Fussballer, die nicht aus dem EU-Raum kommen, nur dann eine Arbeitsbewilligung erhalten, wenn sie in der Super League oder der Challenge League spielen.

Wird ein Spieler trotzdem in einer tieferen Liga eingesetzt, flattert erst einmal eine Verwarnung vom Staatssekretariat für Migration ins Haus. So geschehen beim FC Basel, nachdem man Djordje Nikolic (19) und Blas Riveros (19) in die U21 schickte. Bei einem weiteren Einsatz hätte den beiden der Verlust der Arbeitsbewilligung gedroht.

Fragliche Arbeitsbewilligung

Fast alle Super-League-Klubs verstiessen im Verlauf dieser Saison gegen dieses Gesetz. Es ging um einzelne Einsätze in einzelnen Spielen. Anders beim FC Sion, dort hat der Einsatz von Spielern aus dem Nicht-EU-Raum System. In 16 von bisher 18 gespielten Runden standen bei den Wallisern Spieler wie Itaperuna auf dem Platz.

Insgesamt kamen sieben solche Spieler zum Zug, manche nur selten, andere sehr regelmässig. Und bei gewissen fragt man sich, wie es der FC Sion fertiggebracht hat, für sie eine Arbeitsbewilligung zu erhalten.

Rinjala Raherinaivo (18) aus Madagaskar und Ibrahima Gueye (20) aus Senegal haben zwar beide einen Profi-Vertrag und trainieren regelmässig mit der 1. Mannschaft, aber sie stehen nicht auf der Kontingentsliste des FC Sion. Mit anderen Worten: Sie können gar nicht in der Super League eingesetzt werden.

Revoluzzer Constantin

Gerne hätte die «Schweiz am Wochenende» vom FC Sion erfahren, warum man systematisch gegen das Gesetz verstösst. Doch der Verein möchte sein Verhalten nicht kommentieren, verweist einzig darauf, dass derzeit eine Änderung der Regelung diskutiert würde.

Tatsächlich sind die Klubs an die Swiss Football League (SFL) herangetreten, mit der Bitte, eine Lösung zu finden für den Einsatz von Spielern aus dem Nicht-EU-Raum in Nachwuchsmannschaften. Denn aus sportlicher Warte kann es durchaus Sinn machen, einen Spieler in der U21 einzusetzen.

Zum Beispiel um ihm die Anpassung an ein neues Land, eine neue Kultur oder einen neuen Fussball zu erleichtern. Oder nach einer Verletzung. Spieler aus dem Nicht-EU-Raum werden hier diskriminiert. Deshalb hat Liga-Boss Claudius Schäfer Mario Gattiker, Leiter des Staatssekretariats für Migration (SEM), kontaktiert. Gattiker ist Fussballfan und hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Klubs.

Bewusster Gesetzesbruch

Doch Regeln und Gesetze ändert man in der Schweiz nicht von heute auf morgen. Dem Föderalismus sei Dank darf jeder Kanton seinen Senf zu einer Anpassung geben. Das dauert. Und so ist man plötzlich in der Schwebe. Man ist daran, das Gesetz anzupassen, aber noch ist die alte Version gültig.

Man darf davon ausgehen, dass sich der Sion-Präsident dessen sehr bewusst ist, hinter dem Gesetzesbruch Kalkül steckt. Nicht nur wird das bestehende Gesetz diskutiert, nein, das bestehende Gesetz überlässt den Kantonen auch reichlich Interpretationsfreiräume. Wird ein Spieler in einer tieferen Liga eingesetzt, können die Kantone die Arbeitsbewilligung entziehen. Sie müssen nicht. Und ihre Entscheide sind anfechtbar.

Unerschrockener CC

Christian Constantin würde wohl kaum zögern, einen Prozess anzuzetteln. Sein Anwalt Alexandre Zen-Ruffinen hat ihn schon durch Fälle von grösserer Dimension begleitet. So schreckte Constantin auch vor der Fifa nicht zurück, als sie dem FC Sion wegen Ungereimtheiten beim Transfer von Essam El Hadary im Sommer 2009 eine Transfersperre aufbrummte.

Constantin schreckt auch vor der Fifa nicht zurück.

Constantin schreckt auch vor der Fifa nicht zurück.

Revoluzzer Constantin zog vor Gericht, unterlag zwar und schrammte mit dem FC Sion wegen des massiven Punkteabzugs um Haaresbreite am Abstieg vorbei, aber er zeigte schon damals: Ich interpretiere die Regeln, wie es mir gefällt. Und wenn das jemandem nicht passt? En garde! Dann zückt er die juristische Klinge.

Eigene Gesetze im Wallis

Sion hat zwar sehr wohl Post vom SEM erhalten, aber sonst ist nichts passiert. Warum schaut man einfach nur zu? Jacques de Lavallaz ist Chef der Dienststelle für Bevölkerung und Migration im Departement von SVP-Staatsrat Oskar Freysinger.

Sein Amt stellt die Arbeitsbewilligungen aus, aber es kontrolliert nicht, ob die Bedingungen erfüllt sind. Das mache die Dienststelle für Industrie, Handel und Arbeit. Und dort ist am Donnerstag um 15 Uhr niemand mehr zu erreichen, der Auskunft geben darf oder kann.

Im Wallis gelten irgendwie andere Gesetze. Dass dadurch der Wettbewerb verzerrt wird, das macht Liga und Verband zwar irgendwie betroffen, aber man wähnt sich machtlos. Und so wird Sion wohl auch heute in Cham mit Spielern wie Léo Itaperuna auflaufen, die eigentlich gar nicht spielen dürften.