Wie gut sind diese Bayern wirklich? Es ist eine Frage, die offen bleiben muss. Wieder einmal. Nach drei Jahren des schmerzvollen europäischen Scheiterns unter Pep Guardiola hat es nun auch Nachfolger Carlo Ancelotti erwischt. Wieder ist eine spanische Mannschaft zu stark. Diesmal sogar schon im Viertelfinal. Es sind unangenehme Tage an der Säbener Strasse. Die Kultur des Gewinnens, das «Mia san mia» droht zu versiegen.

Das Gefühl des Betrugs, das die Bayern-Verantwortlichen nach der Pleite bei Real Madrid verbreiten, verhindert grössere Fragen. Zum Beispiel jene nach den genauen Plänen von Ancelotti. Oder jene nach dem überalterten Team. In den Jahren zuvor unter dem missionarischen Guardiola waren jedenfalls ganz andere Töne zu vernehmen.

Fakt ist: Die Bayern lechzen seit dem Titel in der Champions League 2013 vergeblich nach europäischen Meriten. Die Meisterschalen in der Bundesliga können nur bedingt als emotional bedeutender Ersatz herhalten. Die Münchner sind gefangen in der eigenen Welt. Zu gut für Deutschland. Aber weit entfernt von Europas Spitze.

«Alles auf rot» heisst eine Biografie über den kürzlich aus dem Gefängnis an die Spitze des Vereins zurückgekehrten Präsidenten Uli Hoeness. Wie sehr soll Bayern München fortan auf den europäischen Poker setzen? Eine Verjüngung tut not, das ist klar. Knapp 30 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der aktuellen Equipe. Und auch wenn Ancelotti sagt, junge Mannschaften gewinnen Spiele, alte Mannschaften Titel – ganz so einfach ist es nicht.

Lahm und Alonso treten ohnehin zurück. Ribéry und Robben werden nicht mehr jünger und besser. Die jüngst verpflichteten Costa, Coman, Sanches sind schlicht zu wenig gut für Europas Spitze. Was also tun? Zumal das Vertrauen in Lewandowski mutmasslich auch nicht ein Konzept für die Ewigkeit ist. Vor allem dann nicht, wenn auch Thomas Müller erstmals in seiner Karriere das Wort «Ladehemmung» kennen lernen muss.

Immer mehr zeigt sich, wie fatal sich der Verlust von Regisseur Toni Kroos erweist. Dieser lief nach dem ersten Jahr unter Guardiola in die Arme von Real Madrid, weil er zu wenig Wertschätzung (auch pekuniär) fühlte. Ausser Pep kümmerte das kaum jemanden.

Toni Kroos (27) wechselte 2014 vom FC Bayern München zu Real Madrid. Im Bild mit Bayern-Trainer Carlo Ancelotti.

Toni Kroos (27) wechselte 2014 vom FC Bayern München zu Real Madrid. Im Bild mit Bayern-Trainer Carlo Ancelotti.

Thomas Müller gibt sich jedenfalls trotzig. Er sagt: «Der FC Bayern ist ein starker Verein – und er wird auch die nächsten Jahre stark sein.» Und weiter: «Wir sind in einer Umbruchphase – die muss man halt hinbekommen.»

Aber wie? Sicher scheint nur, dass der Branchenkrösus trotz der finanziellen Möglichkeiten auch weiterhin auf den Kauf sündhaft teurer Stars verzichten wird, anders als etwa Manchester United, Real Madrid oder auch Paris St-Germain. «Auch Bayern investiert viel für Neuverpflichtungen – aber nicht auf demselben Grössenlevel wie Madrid. Diese Super-Transfers passen nicht zu unserer Philosophie», sagte der Technische Direktor Michael Reschke, zuständig für die Kaderplanung der Bayern.

Ancelotti und die Jugend?

Die Philosophie soll künftig sogar wieder verstärkt am eigenen Nachwuchs ausgerichtet werden. «Es kann natürlich nicht der Sinn sein, dass wir Millionen in die Jugendausbildung investieren und den Talenten mit teuren Stars von aussen den Weg verbauen», sagt Hoeness. Mehr Jugend? Das erinnert fast ein bisschen an den FC Basel.

Natürlich werde der FC Bayern bei Bedarf «in Stars investieren», fügt Hoeness an, «doch vorher müssen wir schauen, ob wir dafür nicht in den eigenen Reihen jemanden haben». Seit 2009 hat dieser Ansatz jedoch nicht mehr funktioniert: Damals hatte David Alaba als bis dato letzter Jugendspieler nachhaltig den Sprung zu den Profis geschafft.

Ob Ancelotti wirklich der Trainer ist, der junge Spieler so besessen einbauen will wie Pep Guardiola? Wohl eher nicht. Der Genuss-Mensch Ancelotti war bisher eher jener Trainer, der ganz cool auf seine Titelsammlung verwiesen hat. Es könnten spektakuläre Monate werden an der Säbener Strasse.