Der Dopingfall Salazar – eine Frage der Grenze

Der amerikanische Startrainer des Laufsports zieht gegen seine vierjährige Dopingsperre vor Gericht. Es ist klar, dass der 61-Jährige Grenzen überschritten hat. Die Frage ist nur, welche.

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Alberto Salazar, während zwei Jahrzehnten der erfolgreichste Trainer der Leichtathletik.

Alberto Salazar, während zwei Jahrzehnten der erfolgreichste Trainer der Leichtathletik.

Kin Cheung / AP

Das internationale Sportgericht in Lausanne (CAS) erlebt aufwühlende Tage. In dieser Woche wird darüber verhandelt, ob Russlands Sport für vier Jahre aus der internationalen Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Nächste Woche geht es um die Dopingsperre gegen den weltbesten Trainer der Laufszene, den 61-jährigen US-Amerikaner Alberto Salazar. Beide Urteile werden erst im kommenden Jahr erwartet.

Seit 2001 bis zu seiner Dopingsperre im Oktober 2019 leitete der gebürtige Kubaner und ehemalige Weltklasse-Marathonläufer Alberto Salazar das Nike Oregon Project (NOP). Der Sportartikelriese aus der USA butterte immense Summen in ein Trainingszentrum auf dem Firmengelände bei Portland, wo Salazars Team in modernsten Einrichtungen und mit innovativen Methoden Mittel- und Langstreckenläufer zu Höchstleistungen antrieb. Seine Athletinnen und Athleten gewannen etliche Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Salazar ging dabei immer wieder an die Grenzen des Erlaubten oder – wie zumindest ein amerikanisches Schiedsgericht in seinem Urteil festhielt – auch darüber hinaus. Zwar wurden weder er selbst, noch einer seiner Schützlinge je mit einer positiven Dopingprobe erwischt. Dennoch sah es das Gericht nach über vierjährigen Ermittlungen der US-Antidopingbehörde und 2543 Seiten Anhörungsprotokollen als erwiesen an, dass Salazar Vorgaben der Dopingrichtlinien überschritt. Etwa durch die Infusion von unerlaubt hohen Dosen der Eiweissverbindung L-Carnitin oder der Verabreichung einer nicht erlaubten Testosteronsalbe. Gemeinsam mit Salazar wurde auch dem beratenden Arzt Jeffrey Brown für vier Jahre jegliche Tätigkeit im Sport verboten.

Allerdings fand das Gericht Salazar nicht in allen Anklagepunkten schuldig, richtete nicht überall einstimmig und attestierte dem umstrittenen Trainer in der Urteilsbegründung «keine schlechten Absichten» betreffend Verstössen gegen Dopingbestimmungen. Salazar experimentierte mit Testosteron an seinen eigenen zwei Söhnen und mit L-Carnitin bei einem Assistenztrainer.

Ob die Regeln des Dopingcodes missachtet wurden, muss das CAS beantworten. Klar hingegen ist, dass Salazar bei seinem Trieb, ein Maximum an Leistung aus seinen Schützlingen herauszuholen, ethische Grenzen überschritt. So sagten mehrere Läuferinnen im Verfahren und später in der Öffentlichkeit aus, sie seien «körperlich und psychisch misshandelt» worden – etwa mit Mobbing wegen des Körpergewichts durch demütigende Massnahmen und Aussagen oder mit der forcierten Verabreichung von gewichtsreduzierenden Medikamenten wie Antibabypillen oder Diuretika.

«Gewinnen war ihm wichtiger als die Gesundheit der Athleten», sagt US-Dopingjäger Travis Tygart dazu, «das Oregon Project hat und wird Doping nie erlauben», sagt Salazar. Nike beendete das NOP als Folge der Verurteilung im Oktober letzten Jahres. (rs)