Olympia 2020
Der Fahrstuhl als Virenschleuder

Das IOC will nicht über die Absage der Olympischen Spiele in Tokio spekulieren, für das Schweizer Team sind Viren dagegen immer ein Thema.

Rainer Sommerhalder
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Jae C. Hong

Ganz zum Schluss setzte es eine präsidiale Prise Zynismus ab. Der oberste Olympionike Thomas Bach bedankte sich nach der Pressekonferenz zum Treffen der IOC-Führung in Lausanne bei den Medienvertretern für das grosse Interesse an den Massnahmen seiner Sportorganisation gegen Klimawandel und für Geschlechtergleichheit. Zuvor wehrte der 66-Jährige den 30-minütigen medialen Angriffswirbel ausschliesslich zum Thema Corona-Virus mit der Routine eines ehemaligen Olympiafechters ab.

Man hätte sich die Zeit für Fragen schenken können. Bach sagte nichts anderes, als dass alle Beteiligten mit voller Kraft in Richtung Olympische Sommerspiele hinarbeiten würden. Immerhin sind für den Megaanlass vom 24. Juli bis zum 9. August alleine in Japan bereits 4,5 Millionen Eintrittskarten verkauft worden. «Die Begriffe Absage oder Verschiebung sind an unserer Sitzung nie gefallen», betonte der IOC-Präsident. Mehr ins Detail wollte Bach nicht gehen, man spekuliere nicht über zukünftige Entwicklungen. Man halte sich stattdessen an die WHO, mit der man in einer gemeinsamen Taskforce zu Tokio 2020 sitze.

Wichtiger als die derzeitige Situation mit dem Corona-Virus ist dem mächtigsten Sportfunktionär der Welt die zukünftige Entwicklung des Olympischen Komitees. Ab 2030 wollen die Olympischen Spiele klimapositiv sein, noch früher soll diese Ökobilanz fürs IOC gelten. Dazu plant man in der Region der Sahelzone nicht weniger als einen «olympischen Wald». Doch für Bäume in Afrika hat sich gestern in Lausanne in der Tat niemand interessiert.

Für Swiss Olympic sind Viren schon lange Thema

Olympische Spiele bieten für Sportlerinnen und Sportler punkto Infektionsrisiko eine ganz andere Ausgangslage als eine Fussball-Europameisterschaft oder eine Eishockey-WM. Dort droht die Übertragung von Viren und Bakterien in erster Linie bei den Zuschauern auf den Tribünen. Bei Olympia hingegen leben 11000 Athleten und nochmals rund 6000 Betreuer gemeinsam im olympischen Dorf.

Gerade in Tokio wird dies auf engstem Raum geschehen, stehen die Unterkünfte der Teilnehmenden doch an bester Lage im Epizentrum der Millionenstadt. Dort fehlt der Platz, um sich auszubreiten. Entsprechend wird horizontal und kleinräumig geplant. Was dies bedeuten kann, weiss man bei der medizinischen Führung der Schweizer Delegation unabhängig vom Corona-Virus.

Bereits im vergangenen Oktober hielt Swiss-Olympic-Chefarzt Patrik Noack am Jahrestreffen der Schweizer Sportmediziner ein Referat zum Thema «Der reisende Athlet». Neben Themen wie Wetterextreme und Jetlag – bei beidem liegt der Schlüssel zur guten Bewältigung in der richtigen Akklimatisation – ging es dort vor allem um Infektprophylaxe. Die Empfehlungen gleichen denjenigen bei der aktuellen Pandemie mit dem Corona-Virus. Hände oft und gründlich waschen sowie regelmässiger Gebrauch von Desinfektionsmitteln. Dazu die Zähne nicht mit Leitungswasser putzen und eine Grippeimpfung.

Noack weist ausdrücklich auf die «äusserst engen Platzverhältnisse in den Unterkünften» hin. Eine Einrichtung entpuppt sich als besonders heimtückisch. Nirgendwo sonst ist die Ansteckungsgefahr grösser als im Fahrstuhl. Weil man in den oberen Stockwerken oft minutenlang auf den Lift warten muss, werden die raren Gelegenheiten dankend genutzt und die Fahrstühle zumeist überfüllt sein. So nahe wie dort kommt man anderen Athleten selten. Das freut Viren und Bakterien. Denn trotz Bäumen in der Sahelzone werden Corona und Co. in vier Monaten noch nicht verschwunden sein.