NLA-Playoffs
Der exklusive Meisterzirkel

«Nordwestschweiz»-Sportredaktor Marcel Kuchta analysiert den Auftakt zu den Eishockey-Playoffs in der NLA. Er mahnt zur Vorsicht, dass vor allem «Underdogs» durch das Gefühl des Nichts-mehr-zu-verlieren-Habens über sich hinauswachsen können.

Marcel Kuchta
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Treffen in den Playoffs aufeinander: die ZSC Lions (rechts, hier: Robert Nilsson) und der SC Bern (hier: Luca Hischier).

Treffen in den Playoffs aufeinander: die ZSC Lions (rechts, hier: Robert Nilsson) und der SC Bern (hier: Luca Hischier).

Keystone

Nicht eishockey-affine Menschen belächeln die Schweizer Eishockey-Meisterschaft gerne. «50 Qualifikationsrunden sind viel zu viel – das interessiert doch niemanden», lautet eines der gängigen Vorurteile. Nun: das mit dem fehlenden Interesse ist so eine Sache. Die nackten Zahlen beweisen nämlich das Gegenteil: Die National League A ist so beliebt wie nie zuvor. Über 7000 Zuschauer besuchten im Schnitt die 300 Qualifikationspartien. Das sind über 2,1 Millionen Leute, die den Qualifikationsmarathon alles andere als langweilig finden.

Langweilig war es in den vergangenen sechs Monaten in der Tat nie. Der Kampf um die acht Playoff-Plätze blieb bis fast ganz am Schluss hoch spannend. Mit dem SC Bern und den Kloten Flyers steckten zwei Teams mittendrin im Schlamassel, die man aufgrund ihres finanziellen und sportlichen Potenzials eher in der oberen Tabellenhälfte vermutet hätte. Allein diese beiden Beispiele zeigen, wie ausgeglichen die Meisterschaft während der «langweiligen Phase» verlaufen ist. Praktische jede Mannschaft kann jede schlagen. Selbst der Tabellenletzte Biel war für Leader ZSC Lions immer wieder eine Herausforderung. Leichte Spiele gibt es in der NLA nicht mehr – und das macht eben genau ihre Faszination aus. Die Zuschauer goutierten die Spannung und die gebotene Unterhaltung mit einem grossen Aufmarsch. Das Produkt National League A funktioniert – das ist die erfreuliche Erkenntnis nach dem Ende der Qualifikation.

Wenn Talent und Können allein nicht mehr ausreichen

Und jetzt geht es also auch sportlich so richtig um die Wurst. Am Donnerstagabend beginnen die Playoffs – der dramatische Kampf um den Meistertitel. Total zwölf Siege braucht in drei Playoff-Serien, wer am Ende den Pokal in die Höhe stemmen will. In den kommenden sechs Wochen wird sich die Spreu endgültig vom Weizen trennen. Wer auf den Thron will, muss die richtigen Qualitäten aufs Eis bringen. Nebst Talent und Können sind Attribute wie Mut, Leidenschaft, Durchhaltewillen gefragt. Ohne den Willen, in jedem Spiel ans Limit zu gehen, ist man in den Playoffs auf verlorenem Posten. Das mussten in der 30-jährigen Schweizer Playoff-Geschichte schon viele favorisierte Mannschaften erfahren. Seit dem Titelgewinn von Lugano im Jahr 2006 gelang nur noch drei Mannschaften der Triumph: Dem HC Davos (4 Titel), den ZSC Lions (3) und dem SC Bern (2). Ebenso bemerkenswert: In der Schweizer Playoff-Geschichte wurden lediglich sechs verschiedene Teams Meister. Nur Kloten (vier Titel zwischen 1993 und 1996) sowie der EV Zug (1998) vermochten die Phalanx von HCD (6 Titel), ZSC (5), SCB (7) und Lugano (7) zu durchbrechen. Der Meisterklub ist also ein exklusiver Zirkel mit langer Wartefrist.

Besonders in Davos und in Zürich hat man die Playoff-Erfolgsformel seit Jahren verinnerlicht. Noch in bester Erinnerung ist die hochklassige Finalserie des letzten Jahres, in welcher der HCD als Aussenseiter ein Lehrbeispiel dafür ablieferte, wie man mit den vorhin genannten Attributen gegen einen auf dem Papier überlegenen Gegner bestehen kann. Auch in diesem Jahr wird der Weg zum Titelgewinn mit allergrösster Wahrscheinlichkeit über diese Teams führen. Die Lions beendeten die Qualifikation auf Platz 1, der HC Davos auf Platz 2.

Doch aufgepasst: die beiden Spitzenteams und Meisterschaftsfavoriten treffen in ihren Viertelfinalserien ausgerechnet auf die beiden Mannschaften, die sich erst auf den letzten Drücker für die Playoffs qualifiziert hatten: Der SCB wird versuchen, den Zürchern das Leben so schwer wie möglich zu machen, Kloten wird den HCD herausfordern.

Die Chance, die Saison in den Playoffs noch zu retten

Der Logik gehorchend wird sich die Klasse der beiden Favoriten in einer Serie über maximal sieben Spiele durchsetzen. Das Schöne, Unberechenbare und damit letztlich auch so Faszinierende an den Playoffs ist aber auch, dass die «Underdogs» mit dem Gefühl des Nichts-mehr-zu-verlieren-Habens über sich hinauswachsen können. Sowohl für den SC Bern als auch für die Kloten Flyers sind diese beiden Playoff-Serien die grosse Chance, eine verkorkste Saison mit einem Überraschungscoup noch zu retten. Doch welche Mannschaft wird Mitte April den Meistertitel feiern dürfen? Mein Tipp: Die ZSC Lions holen sich den Pokal zurück. Seit 2001 sind alle Teams beim Versuch der Titelverteidigung gescheitert. Oder schafft es am Ende doch der HCD, den Meisterfluch zu bannen?