Simon Ammann zieht ein unendlich dickes Buch aus der Tasche. Seine Reiselektüre auf dem langen Weg zum Sommer-Grand-Prix nach Japan. Ist es etwa eine Anleitung zur perfekten Telemark-Landung?

Beinahe! Die Ausführungen über die Landung gehören tatsächlich zu den umfangreichsten Kapiteln dieses «Schinkens». Er ist ein Teil der Lernunterlagen zur ATPL-Prüfung, auf Deutsch der Lizenz für Verkehrspiloten.

«Unbegreiflich intensiv waren immer die Momente vor den Sprüngen»

«Unbegreiflich intensiv waren immer die Momente vor den Sprüngen»

Skispringer Simon Ammann über die vergangenen und bevorstehenden Olympischen Spiele.

Der vierfache Skisprung-Olympiasieger ist mittendrin in den Prüfungen, reist dafür immer wieder mal nach London. Auch im Herbst vor den Olympischen Spielen. Zwischen 12'000 und 14'000 Fragen an 14 Prüfungstagen muss beantworten, wer sich als verantwortlicher Pilot ans Steuer eines mehrmotorigen Flugzeugs setzen will. Und daneben noch hunderte von Stunden Flugerfahrung aufweisen.

Simon Ammann verfolgt die Faszination vom Fliegen seit Kindesbeinen an. Höchst erfolgreich mit zwei schmalen Latten an den Füssen bis 240 Meter durch die Luft zu segeln, reicht ihm dabei offensichtlich nicht. Ein Flugzeug muss es sein. «Lange Zeit habe ich mich aber zu wenig informiert und ging davon aus, dass dieser Traum mit meiner Sehschwäche für mich unerreichbar bleibt», sagt er.

Seit 2013 im Besitz der Lizenz

Auf dem Rückflug in die Schweiz nach dem Doppel-Olympiasieg von Salt Lake City durfte Ammann im Cockpit mitfliegen. Das gab ihm nochmals einen Schub, diesen Traum wirklich zu realisieren. Später, als Botschafter der Uhrenmarke «Breitling», ging es in deren Jet-Staffel rasant mit Loopings und im Sturzflug in die Luft. Da war es definitiv um den erfolgreichsten Schweizer Wintersportler geschehen.

2012 steuerte er erstmals ohne Fluglehrer an Bord eine Maschine, 2013 erlangte er das Privatpilotenbrevet und hebt nun als Mitglied beim Aéroclub Wangen-Lachen nebst der Patrouille Suisse ebenfalls mehr oder weniger regelmässig vom kleinen Flugplatz direkt beim Hafen am Zürichsee ab.

Häufig fehlt es an der Zeit

Allerdings fehlt dem Toggenburger oft die Zeit für die praktische Flugerfahrung. «Ich komme fast nicht mehr zum Fliegen», sagt Ammann und meint damit nicht die zwischenzeitliche Baisse auf der Schanze. Spitzensportler, zweifacher Familienvater, Geschäftsmann, gefragter Werbebotschafter – die Woche hat schlicht zu wenig Stunden, um wirklich in die Luft zu gehen.

«Selbst meine Frau hat mir kürzlich gesagt, ich solle doch wieder mal ins Flugzeug steigen. Sie weiss auch, wie viel es mir bedeutet.» Deshalb freut sich der 36-Jährige auf die Zeit nach der Karriere, denn die Erlangung der ATPL-Lizenz ist mehr als persönliche Befriedigung. Simon Ammann kann sich durchaus vorstellen, später mal regelmässig am Steuer eines Business-Jets zu sitzen.

Der typische Simon Ammann

«Einfach so loszufliegen, war ziemlich cool und einfach», erinnert sich Simon Ammann an seinen ersten Flug. Die Euphorie war schnell entfacht. «In der Luft kam mir dann aber der Gedanke, dass ich irgendwann auch wieder landen muss». Zwar nicht mit Telemark, aber doch auch sauber und mit Einbezug der Windverhältnisse.

Es ist der typische Simon Ammann, der hier von der Fliegerei spricht. Mit seinem unverwechselbaren Mix aus Leidenschaft und technischer Detailbesessenheit. Wenn er darüber redet, wie das Lernen auf die Prüfungen den Kopf fit hält. Wie alles, was er beim Fliegen macht, zum Teil seines Wissens-Rucksacks wird. Wie es ihm immer auch darum ging, herauszufinden, «was genau hinter dieser Fliegerei steckt: Wieso fliegt ein Flugzeug? Und was machen die genau dort oben in der Luft?».

Enormer Profit als Sportler

Gefunden hat er vieles. Seine Erklärungen sind teilweise derart komplex, dass einem das beeindruckend dicke Buch in der Tasche wieder in den Sinn kommt. Man glaubt Simon Ammann aufs Wort, wenn er sagt: «Beide, Pilot und Skispringer, sind ausgeprägte Kopfmenschen.»

Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen den zwei Welten. Der 36-Jährige sagt, er habe als Skispringer enorm von der Fliegerei profitiert. Etwa bei der Aneignung von Kenntnissen in Strömungslehre und Aerodynamik. Er erhebt diese beiden Kapitel aus seinen Büchern gleich zur künftigen «Pflichtlektüre für Skispringer». Auch im mentalen Bereich habe er als Sportler immer wieder profitiert. «Denn beim Fliegen gibt es keinen Stillstand.»

Die Fähigkeiten des Skispringers sind hilfreich

Umgekehrt helfen ihm die koordinativen Fähigkeiten des Athleten beim Steuern eines Flugzeugs, denn gerade bei kleinen Maschinen ist ein grosser Anteil Handarbeit mit dabei. «Man fliegt im wahrsten Sinne mit Händen und Füssen und ist ziemlich engagiert dort oben in der Luft. Für einen Skispringer etwa ist es wahnsinnig interessant, beim Landeanflug ums Gleichgewicht zu kämpfen.»

Bei aller Faszination für die technischen Abläufe geht die Leidenschaft bei Simon Ammann nicht verloren. Er schwärmt von der unendlichen Weite am Himmel und sagt beim Abschied: «Ein schöner Flug mit einer guten Landung gibt mir eine wahnsinnige Zufriedenheit. Das Fliegen zeigt mir auch, dass es für mich nach meiner Karriere als Sportler weitere schöne Dinge zu erleben gibt.»