WM-Qualifikation

Der ewige Suchende: Haris Seferovic oder eine Karriere zwischen Gegensätzen

Braucht di Abwechslung: Haris Seferovic.

Braucht di Abwechslung: Haris Seferovic.

Haris Seferovic begeistert, Haris Seferovic verärgert. Er führt eine Karriere zwischen Gegensätzen und braucht die Abwechslung. Was zeigt er wohl im WM-Qualifikationsspiel vom Samstagabend gegen Lettland?

Licht – Schatten. Feuer – Wasser. Himmel – Hölle. Gegensätze faszinieren. Und darum fasziniert auch Haris Seferovic. Geniestreich oder Dummheit des Jahres? Wenn Seferovic spielt, ist alles möglich. Nirgendwo ist das offensichtlicher als in Genf, wo die Schweiz heute Abend gegen Lettland spielt.

8. Juni 2013: Im WM-Qualifikationsspiel gegen Zypern steht es lange 0:0, die Schweiz droht sich zu blamieren. Da betritt Seferovic den Rasen im Stade de Genève, es ist erst sein dritter Einsatz für die Nationalmannschaft. Als die 90. Minute anbricht, spielt Shaqiri mit einem Traumpass Seferovic frei, dieser lupft den Ball herrlich ins Netz. Seferovic, Retter und Genie. Auch gegen Ecuador an der WM 2014 in Brasilien, als er in der Nachspielzeit das 2:1 erzielt.

WM 2014 Brasilien Schweiz vs Ecuador Goal 2:1

Das Schweizer Siegestor gegen Ecuador an der WM 2014 Brasilien.

  

28. Mai 2016: Die EM steht vor der Tür. Die Schweiz testet in Genf gegen Belgien. Ein Spiel ohne jegliche Brisanz. Doch was macht Seferovic? Er beleidigt den Schiedsrichter, fliegt vom Platz und hat Glück, dass er nur für das nächste Testspiel gesperrt wird. Mit der Ausrede, er hätte nicht den Schiedsrichter, sondern sich selber beleidigt, macht er sich auch noch lächerlich. Seferovic, Rüpel und Depp.

Das Talent für ganz nach oben

Seferovics Klasse ist unbestritten. Er hat genug Talent, um überall, wo er hinkommt, zum Helden aufzusteigen. In Frankfurt ist er noch vor zehn Monaten ein Held: Sein Tor im Relegationsspiel gegen Nürnberg rettet die Eintracht vor dem Abstieg. Trainer Niko Kovac setzt im entscheidenden Moment auf den 25-Jährigen und adelt ihn «als Spieler, mit dem ich in jeden Krieg ziehen würde».

Doch mittlerweile wünschen ihn Fans und Trainer nur noch eines: weg! Schlechte Leistungen, das ständige Kokettieren mit einem Klubwechsel und zuletzt die rote Karte wegen eines Schlags gegen den Berliner Niklas Stark haben das Blatt gewendet.

Gegen Nürnberg steigt Seferovic zum Publikumsliebling auf – mittlerweile möchten ihn die meisten Fans lieber loswerden.

Gegen Nürnberg steigt Seferovic zum Publikumsliebling auf – mittlerweile möchten ihn die meisten Fans lieber loswerden.

Im Sommer zieht Seferovic wohl weiter. Bei Benfica Lissabon soll er bereits unterschrieben haben. Es wäre Klub Nummer 8 seit der Aufnahme im Profikader von GC im Jahr 2009. Überall, wo er spielt, ähneln sich die Geschichten: Seferovic beginnt vielversprechend und gerät dann früher oder später ins Abseits – mal selbst verschuldet, mal setzt der Trainer nicht mehr auf ihn.

Unruhig und sprunghaft

Woran das liegt? Vielleicht an seinem Lebenswandel, der ihn regelmässig auf die Titelseiten des Boulevards hievt. Vielleicht auch an einer inneren Unruhe, an seinem sprunghaften Charakter. Mit 25 Jahren ist Seferovic immer noch ein Suchender – und dürfte dies bleiben. Er selber sagt, irgendwo Wurzeln schlagen, das sei nichts für ihn: «Ich bin keiner, der fünf Jahre für den gleichen Klub spielt. Ich brauche Abwechslung.»

Gut möglich, dass Seferovic dereinst zurückblickt und mit der Weisheit des Alters denkt: Ich hätte mehr herausholen können. Das Talent für ganz nach oben hätte ich ja gehabt!

2009 schiesst er die Schweiz im Final der U17-WM gegen Nigeria zum Titel, der rote Teppich in die Weltspitze ist ausgerollt. Seferovic wählt einen anderen Weg, fortan bewegt er sich zwischen den Gegensätzen. So fragen wir uns vor dem Spiel gegen Lettland: Was passiert heute, Haris?

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