Die Sonne brennt über dem Himmel von Bern. Es ist der schönste Frühlingsabend des Jahres. Die Wirtin des Restaurants Jäger in Bern Bethlehem lauscht dem Gespräch interessiert. «Wenn es um YB geht, seid ihr bei uns richtig!» Dann erzählt sie aufgeregt von ihrem Neffen, einem talentierten Fussballer. «Vielleicht schafft er bald den Durchbruch.» Melancholie liegt in ihrer Stimme.

Das passt zu diesen Tagen bei YB. Gerade ist es wieder einmal besonders bitter, wenn man sich vor Augen führt, was vielleicht hätte sein können. Am 8. Juni ist es 30 Jahre her seit dem letzten Titel. Seit diesem 4:2 nach Verlängerung im Cupfinal gegen Servette gab es nie mehr etwas «Grosses» zu bejubeln für Gelb-Schwarz. Schlimmer noch: YB ist zum Synonym fürs Versagen geworden.

Aleksander Mandziara, Trainer der Young Boys, jubelt nach dem gewonnen Cupfinal gegen Servette im Jahr 1987.

Aleksander Mandziara, Trainer der Young Boys, jubelt nach dem gewonnen Cupfinal gegen Servette im Jahr 1987.

Besonders schlimm war dieses Versagen wieder einmal im diesjährigen Cup-Viertelfinal. Nach einer 2:0-Führung gegen Winterthur doch noch ausgeschieden. Im heimischen Stadion. Genau für solche Pleiten wurde das Wort «veryoungboysen» erfunden. Das bringt uns zur Frage: Woher stammt dieser Ausdruck eigentlich?

Die Spuren der Erfindung führen nach Bern. Zum Blogger «Herr Natischer». Ein Walliser, 44 Jahre alt, ziemlich fussballbegeistert. Im «Jäger» erzählt er die Geschichte des «Veryoungboysen». Am Anfang steht dabei Marco Streller. Respektive sein missglückter Penalty mit der Schweizer Nationalmannschaft im WM-Achtelfinal gegen die Ukraine. «Meine Kumpels und ich kreierten den Begriff ‹verstrellern› – und mussten ziemlich schnell merken: Das funktioniert nicht. Streller ist viel zu gut, er trifft viel zu oft.»

Marco Streller traf 2006 gegen die Ukraine im Penaltyschiessen nicht.

Marco Streller traf 2006 gegen die Ukraine im Penaltyschiessen nicht.

«Veryoungboysen» = vergolden?

Zum ersten Mal überliefert wird das «Veryoungboysen» dann im Fussball-Blog «Zum runden Leder» im November 2007. Herr Natischer schreibt ein fiktives Match-Programm des Cupfinals 2041, einen Rückblick auf die Karriere von Hakan Yakin. Es werden alle yakinschen Triumphe mit YB aufgezählt. Fünffacher Meister zwischen 2008 und 2012, Cupsieger 2008 und 2011 – ja sogar die Champions League ist 2011 in Berner Hand. Herr Natischer schreibt im Blog: «Kinder staunen, wenn man ihnen erzählt, dass ‹veryoungboysen› damals negativ besetzt war.» Das wäre was! Wenn «veryoungboysen» eine Bedeutung wie vergolden hätte.
Herr Natischer lacht, wenn er in Bern Bethlehem davon erzählt. «Es wird einem tatsächlich nicht einfach gemacht, YB zu lieben», sagt er mit Blick auf heute. Wobei: «Mit einem Titel ginge vielleicht etwas kaputt.» Zumindest der Ruf des ewigen Verlierers.

Natischer selbst hat einige Titel erlebt. Seine Kindheit verbringt er im Walliser Tourbillon. 1991 feiert er den Cupsieg. 1992 den Meistertitel. Aber das Gebaren von Christian Constantin entzweit ihn vom Verein. Im Jahr 2000 zügelt er nach Bern. Und findet immer mehr Gefallen an den Young Boys. Die Faszination beginnt im Stadion Neufeld. In dieser wunderbaren Zeit des Berner Exils, als direkt hinter dem Tor noch ein Pizza-Wagen steht. Als der Zuschauer den Rasen noch riechen kann.

Das Problem mit der Frau

Seufzend erinnert sich Herr Natischer auch an die Jahre des wunderschönen YB-Fussballs. An Trainer Vladimir Petkovic. An die rauschenden Nächte. An die selbstverständliche Überzeugung, dass irgendwie immer alles gut kommt. «Wenn St. Gallen damals in einem Auswärtsspiel in der 90. Minute den Ausgleich schoss, zweifelte niemand auch nur eine Sekunde daran, dass Doumbia im Gegenzug das 3:2 nicht gelang. Und so kam es auch. Immer.»

Seydou Doumbia

Seydou Doumbia war bei YB ein Garant für Tore – beim FCB läuft es für ihn eher durchzogen.

Seydou Doumbia

Doumbia. Allein dieser Name löst in Bern Schmerz aus. Ihn im rot-blauen Trikot des FC Basel zu sehen, «das ist, als würde die Frau, die du ein Leben lang anhimmelst, einen Typen vom schlimmsten fussballerischen Feindbild heiraten».

30 Jahre nach dem letzten Titel also. Es hätte so vieles für YB gesprochen in dieser (Cup-)Saison. Und doch bleibt am Ende wieder nur die Hoffnung. Auf die nächste Saison. Auf die nächsten rauschenden Fussballabende. Oder ganz einfach darauf, dass die DNA des «Veryoungboysen» irgendwann doch nicht mehr weiter vererbt wird – an Trainer aus Österreich oder Stürmer aus der Elfenbeinküste.

Am Sonntag gastiert Basel in Bern. Herr Natischer geniesst die letzten Sonnenstrahlen, dann sagt er: «Ich fürchte, unser Walliser Raphael Wicky wird sehr gut als Trainer. Und Streller als Sportchef – moll, das kann er auch. Aber eine Hoffnung habe ich: Vielleicht macht Alex Frei ja ein bisschen ‹Lämpen›.»