Schweizer Nationalmannschaft
Der EM-Countdown läuft und den Schweizer Stürmern fehlen plötzlich die Tore

Die EM naht. Der erste Test der Schweizer Nationalmannschaft in Irland ist misslungen. Das 0:1 ist auch eine Folge der Formtiefs der Schweizer Stürmer, die im Jahr 2016 allesamt noch torlos sind. Sind die Sorgen berechtigt?

Etienne Wuillemin
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Zum ersten Mal in seiner Karriere verspürt Breel Embolo (links) leichten Gegenwind.

Zum ersten Mal in seiner Karriere verspürt Breel Embolo (links) leichten Gegenwind.

Keystone

Die Worte von Vladimir Petkovic sind klar und deutlich. Als er dieses 0:1 in Irland analysiert, sagt er: «Wir sollten an Charakter zulegen. Es geht nicht, halbherzig auf dem Platz zu stehen. Es fehlte die Bereitschaft, auch einmal in Zonen vorzudringen, wo es wehtun kann.»

Am Tag danach wählen die Captains ad interim, Stephan Lichtsteiner und Valon Behrami, diplomatische Worte. Er würde «nicht gerade den Teufel an die Wand malen», sagt Lichtsteiner, der nach einer leichten Verletzung fehlte. Behrami führt derweil ins Feld: «Als wir 2:1 gegen Österreich gewannen, sagten viele: gut gespielt. Aber in Wahrheit gab es auch in jenem Spiel einige Dinge zu verbessern. Und so ist auch nicht bei jeder Niederlage gleich alles katastrophal. Auch jetzt nicht.»

Es wäre etwas gar einfach, die fehlenden Tore alleine an den Stürmern festzumachen. Aber das derzeit fehlende Selbstvertrauen ist gleichwohl augenfällig. Die drei Offensivkräfte gegen Irland – Seferovic, Mehmedi und Embolo – haben 2016 noch keinen einzigen Treffer erzielt. Seferovic ist seit 871 Minuten torlos, Mehmedi seit 964 Minuten, Embolo gar seit 989 Minuten. Eine solche Statistik geht nicht spurlos an einem vorbei.

Shaqiris Abwesenheit fällt auf

Wenn dann zusätzlich auch noch Xherdan Shaqiri fehlt, ist das dem Schweizer Spiel eben anzumerken. Lichtsteiner verteidigt den Schweizer Angriff: «Wenn ich die Qualität unserer Stürmer sehe, dann mache ich mir keine Sorgen im Hinblick auf die Europameisterschaft. Zudem ist das Toreschiessen ja keine reine Stürmer-Angelegenheit.» Behrami weist auf die jeweils zwei Tore auswärts gegen die Slowakei und Österreich hin, die Derdiyok, Drmic und Seferovic (2) erzielten. «Da hat auch niemand von einer Torflaute gesprochen.» Nur sind seither gut vier Monate vergangen. Zudem sind Derdiyok und Drmic verletzt. Letzterer wird die EM verpassen.

Behrami gibt zu: «Auf den letzten 30 Metern hat es uns schon in der Qualifikation an Präzision gefehlt.» Einen Grund dafür sieht er indes auch: «Die Gegner wissen mittlerweile, wie gut wir Fussball spielen können, konzentrieren sich darum auf die Defensive. Das ist neu. Und das ändert vieles für uns.» Zum Beispiel, dass die Stürmer weniger Raum zur Entfaltung haben.

Die Breite an Torschützen

Zurück zur Statistik: 24 Tore hat die Schweiz in den zehn EM-Qualifikationsspielen erzielt. Das ist ein ordentlicher Wert. Auch wenn elf davon gegen San Marino zustande kamen. Interessant ist, dass 14 verschiedene Spieler getroffen haben. Die Hauptkonkurrenz während der EM-Gruppenphase, Albanien und Rumänien, kommt nur auf sieben respektive acht verschiedene Torschützen. Vielleicht wird ja diese Breite tatsächlich noch zum Schweizer Trumpf.

Für den Moment aber ist die Skepsis nicht gänzlich unangebracht. Denn es ist gefährlich, sich nur auf Shaqiri zu verlassen. Auch wenn er bei Stoke City auf Touren kommt, seine Launen und die Selbstgefälligkeit sind unberechenbar. Wohin aber die Entwicklung von Seferovic, Mehmedi und Embolo geht, ist eine der interessanteren Fragen rund um das Schweizer Nationalteam.

Avanciert Mehmedi wieder zum Unverzichtbaren?

Der Frankfurter Seferovic durchlebte nach beschwingtem Saisonstart eine Krise. Wurde zwischendurch von seinem (Ex-)Trainer Armin Feh öffentlich für seinen Egoismus gemassregelt. Mehmedi schlägt sich in seinem ersten Jahr bei Leverkusen beachtlich. Hat aber intern grosse Konkurrenz. Die besten Auftritte hatte er in der Champions League. Vielleicht ist das kein Zufall. Mehmedi ist ein Spezialist für wichtige Einzel-Spiele, das hat er an der WM in Brasilien bewiesen, als er gegen Ecuador ein Tor schoss und sich danach plötzlich zum unverzichtbaren Kämpfer entwickelte.

Schliesslich wäre da noch Embolo. 19 Jahre jung erst. Es ist das erste Mal, dass er leichten Gegenwind verspürt. Eine wunderbare Karriere hat er gleichwohl vor sich. Und ist darum an der EM vielleicht so unbeschwert, dass er plötzlich zum Held avanciert.

Testspiel, Irland - Schweiz, 25.03.2016
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Es war definitiv nicht sein Spiel: Ricardo Rodriguez kam nie richtig auf Touren und wurde in der 78. MInute für François Moubandje ausgewechselt.
Haris Seferovic wurde von Trainer Petkovic an die Sturmspitze gesetzt.

Testspiel, Irland - Schweiz, 25.03.2016

Keystone