«Aufgrund der aktuellen sportlichen Situation hat sich die Klubführung des EHC Kloten entschieden, Headcoach Kevin Schläpfer zu suspendieren. Per sofort übernimmt André Rötheli bis Ende der laufenden Saison seinen Posten. Assistiert wird er wie beim Elite-A- Team von Felix Hollenstein und vom bisherigen Assistenzcoach Niklas Gällstedt.»

Es bedarf einer Präzisierung: Felix Hollenstein wird nicht an der Bande stehen. Er beobachtet weiterhin die Spiele von der Tribüne aus. Kevin Schläpfer ist noch am Donnerstagabend nach der Niederlage gegen Ambri zu einer Sitzung um 9.30 Uhr am nächsten Tag aufgeboten worden. Er habe nicht mit einer Entlassung gerechnet: «Vor dem Spiel in Ambri deutete noch nichts darauf hin, dass ich im Falle einer Niederlage entlassen werde.»

«In ein paar Minuten war die Sache erledigt»

Aber als er nur Präsident Hans-Ulrich Lehmann im Trainerbüro angetroffen habe, sei ihm klar gewesen, dass es vorbei ist. «In ein paar Minuten war die Sache mit einem Händedruck erledigt.» Der Baselbieter nimmt das Scheitern mit erstaunlicher Gelassenheit. «Ich habe inzwischen bereits ein paar Telefonanrufe bekommen. Kollegen, die mich besorgt fragen, wie es mir nun gehe. Es ist fast so, dass ich die anderen aufmuntern muss. Hey, ich habe im Eishockey so viel erlebt und das Eishockey hat mir so viel gegeben, dass doch eine Entlassung kein Grund ist, gleich den Kopf hängen zu lassen!»

In Kloten suspendiert: Kevin Schläpfer

In Kloten suspendiert: Kevin Schläpfer

Sein Vertrag läuft noch bis Ende der übernächsten Saison, gilt aber nur für die NLA. Es geht in der Liga-Qualifikation auch um zwei Jahressaläre. «Ein weiterer Grund für mich, der grösste Kloten-Fan zu sein.»

Aber das Schicksal von Kevin Schläpfer geht weit über eine profane Entlassung hinaus. Er war nicht einfach Trainer bei irgendeinem Klub. Er war beim EHC Kloten. Einer Institution. Seit 56 Jahren in der höchsten Liga.Nie abgestiegen. Fünfmal Meister. Und er kamnicht als «gewöhnlicher» Trainer. Sondern als «Hockeygott», der den modernen EHC Biel erschaffen hat.

Hier geht es um eine Shakespeare’sche Sporttragödie und ein Lehrstück zugleich. Klotens Präsident Hans-Ulrich Lehmann wollte die ewigen Hockey-Gesetze widerlegen. Sparen. Klüger sein als alle Bosse der vergangenen 50 Jahren. Nur drei statt vier Ausländer beschäftigen. Und auf keinen Fall den Trainer entlassen. Inzwischen ist er bei sieben Ausländern und drei Trainern angelangt.

Kloten leidet am «Titanic-Syndrom»

Wie ist das möglich? Es fehlt nicht an sachlichen Analysen. Der rigorose Sparkurs hat dazu geführt, dass zu viele Spieler ihre Zukunft bereits anderorts geregelt haben. Die Mannschaft ist auseinandergebrochen wie billiges Plastikspielzeug. Dazu das «Titanic-Syndrom»: Alle wissen, dass ein Abstieg droht. Und trotzdem ist ein Abstieg so ausserhalb jedes Vorstellungsvermögens wie einst der Untergang der «Titanic».

Und schliesslich ist da die kleine Welt eines Dorfes im Züribiet. Voller Intrigen, Schnurren und Schwänke, wie sie uns der wortgewaltige PoetGottfried Keller beschrieben hat («Seldwyla»). In der Krise bleibt man unter sich. Juniorentrainer André Rötheli (47) wird Kevin Schläpfers Nachfolger. Gegensätzlicher als sein temperamentvoller, charismatischer Vorgänger könnte er nicht sein. Wie ein Wechsel von Roman Kilchsperger zum Dalai Lama. Und vielleicht ist das ja eine Chance: der ruhige, bisweilen phlegmatisch wirkende Oltner, als Spieler ein sanftes Genie, bringt die Ruhe und die Gelassenheit, die es im Existenzkampf braucht. Vier Siege in der Liga-Qualifikation sind nötig im Klassenerhalt.

Katja Ebstein hat einst ein Lied («Theater») gesungen, das nach ein paar Handgriffen wie eine Ode an Kloten und Kevin Schläpfer tönt: