Ski alpin
Der «Doppelmeter» will es wissen

Einst machte seine Schwester Romaine im Tennis Furore. Jetzt nimmt Ramon Zenhäusern die Slalom-Cracks ins Visier. Heute zum ersten Mal beim Weltcup-Auftakt im finnischen Levi.

Richard Hegglin
Drucken
Multitalent Ramon Zenhäusern will es wissen.

Multitalent Ramon Zenhäusern will es wissen.

Keystone

Sportler hassen es, wenn sie stets mit dem grösseren Bruder, dem Vater oder der Mutter verglichen werden. Felix Neureuther, Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, betonte an Medienkonferenzen mit unüberhörbarem Missmut: «Ich bin Felix, nicht Christian.» Ramon Zenhäusern indessen kommt von selbst auf seine Schwester zu sprechen und ist erst noch stolz: «Sie ist die letzte Schweizerin, die Belinda Bencic im Tennis bezwungen hat. Und das gleich zweimal hintereinander.»

Walliser Multitalent

In der Kabine von Bencic soll einiges los gewesen sein, wie Augen- und Ohrenzeugen hinter vorgehaltener Hand berichten. Romaine Zenhäusern, ausgebildet im Camp von Patty-Schnyder-Trainer Eric van Harpen in Waldshut, musste ihre Karriere jedoch wegen einer langwierigen Handverletzung abbrechen. Ramon war ebenfalls ein sehr guter Tennisspieler. Das verwundert kaum bei seinem Gardemass von genau zwei Metern, das ihm den Spitznamen «Doppelmeter» eingetragen hat.

Er erinnert sich an ein Weekend, «als ich am Samstag Walliser Vizemeister im Tennis und am Sonntag Meister im Slalom wurde». Dazu war er Schweizer Meister als Klarinettist in der Jugend-Musik Brig – im Marschieren. Inzwischen marschiert Zenhäusern, der auch ein guter Fussballer ist, im Slalom zügig vorwärts.

Zuviel vorgenommen

Experten prophezeiten ihm, der in der Saison 2012/13 als Zwanzigjähriger mit einem 21. und 22. Rang in Adelboden und Wengen die Aufmerksamkeit auf sich zog, schon im letzten Winter den Durchbruch. Da fuhr er in den Sommer- und Herbst-Trainings alle in Grund und Boden– die besten Franzosen und Italiener inklusive. Doch im Weltcup dauerte es fünf Rennen, bis er sich für einen zweiten Lauf qualifizieren konnte. «Ich hatte mir zuviel vorgenommen. Als ich das in den Rennen nicht umsetzen konnte, begann ich nachzudenken. Und wer überlegt, bremst. Mit meinen Bestzeiten im Training habe ich mich selber kaputtgemacht.»

Deshalb änderte er seine Strategie. Er will nicht mehr das Pulver im Training verschiessen. «Ich spiele ein bisschen und variiere», sagt er: «Ich habe jetzt mehr Erfahrung und versuche, befreiter Ski zu fahren.» Mental hilft ihm einer, der wie kaum ein anderer den Spitzensport in all seinen Facetten kennt – Dani Albrecht. «Seine Tipps sind enorm wertvoll», sagt Zenhäusern.

Albrecht unterstützte seinen Walliser Kollegen schon früher, indem er ihm jeweils die ausgetragenen Anzüge überliess, die – man staune – jeweils enger gemacht werden mussten, weil der scheinbare Sprenzel Albrecht offenbar mehr Volumen brachte als der Zwei-Meter-Brocken Zenhäusern mit Schuhgrösse 48. So kann die Optik täuschen.

Regelmässig in Top 30

Wie auch der optische Eindruck, Zenhäusern wirke zwischen den Toren ungelenk. Zu diesem Thema hat er eine differenzierte Meinung: «Die Grösse kann ein Handicap sein, wenn der Körper nicht voll austrainiert ist. Doch wenn er trainiert ist, hat er den Vorteil günstigerer Winkel. Und weiter oben leisten die Torstangen weniger Widerstand.» Wichtig sei für ihn, dass er zentral auf dem Ski stehe und Bewegungen sauber ausführe.

Als Junior setzte er sich einst das Ziel, der Beste der Welt zu werden, was er in seiner Altersgruppe beinahe schaffte. An der Junioren-Weltmeisterschaft 2013 in Mont St. Anne (Ka) fuhr nur einer schneller. Hinter dem Österreicher Manuel Feller errang er Silber. Im Weltcup hat er vorläufig bescheidenere Ansprüche: «Ich möchte regelmässig in die Top 30 fahren.»

Was einen Exploit nicht ausschliesst. In Wengen fuhr er im letzten Jahr die siebtbeste Laufzeit und nahm Cracks wie Marcel Hirscher und André Myhrer über eine Sekunde ab. Zumindest medienmässig wäre er fürs Podest gerüstet. Sein Vater, der auch sein erster Trainer war, ist Sportreporter bei Radio Rottu. Auf einen Exklusivbeitrag werden die Hörer des Walliser Lokalradios indes vergebens warten. Interviews zwischen Vater und Sohn gibt es nicht, das haben die beiden untereinander ausgemacht.

Aktuelle Nachrichten