Analyse zu den Schweizern an der nordischen WM
Der Blues nach der Party

Die Schweizer Chancen auf eine Medaille an den nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Lahti stehen praktisch bei null. Dies hat auch damit zu tun, dass mit Dario Cologna und Simon Ammann unsere beiden grössten Hoffnungsträger ihrer guten Form weit hinterherlaufen.

Rainer Sommerhalder
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Simon Ammann will in dieser Saison einfach nicht auf Touren kommen.

Simon Ammann will in dieser Saison einfach nicht auf Touren kommen.

Keystone

Vor dem Jahr 2002 entsprachen Schweizer Erfolge im nordischen Skisport einer Sensation. Es folgte die goldene Ära von Skispringer Simon Ammann und später auch von Langläufer Dario Cologna. Zwei Ausnahme-Athleten, welche die Nordischen – bei Swiss Ski so etwas wie der kleine Bruder der Alpinen – mit ihren Leistungen in nie für möglich gehaltene Sphären katapultierten. Auf einmal waren wir Schweizer Weltmeister und Olympiasieger.

Dario Cologna ist zum zweiten Mal Olympiasieger: Er gewinnt über 15 km klassisch

Dario Cologna wurde 2014 zum zweiten Mal Olympiasieger. Dario Cologna ballt im Ziel die Faust
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Der Sieg bahnt sich an. Dario Cologna schaut sich die scheiternde Konkurrenz an
Dario Cologna ist 30 Sekunden nach Johan Olsson gestartet und überholt den Schweden, der Zweiter wird, auf der Zielgerade!
Dario Cologna ist zum zweiten Mal Olympiasieger: Er gewinnt über 15 km klassisch
Der Bündner deklassiert seine Gegner im frühlingshaften Sotschi
Völlig ausgelaugt lässt sich Cologna im Ziel fallen

Dario Cologna wurde 2014 zum zweiten Mal Olympiasieger. Dario Cologna ballt im Ziel die Faust

Keystone

Und man gewöhnte sich an dieses Bild. Auch, weil Ammann und Cologna zwei Sportler sind, die ihre Ambitionen in der Öffentlichkeit deutlich machen. Beide fordern von sich, dass sie an Titelkämpfen um den Sieg mitreden. Und bis vor kurzem hielten sie Wort. Qualität nach dem Motto: «Wo Cologna draufsteht, ist auch Cologna drin.» An den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver wie auch an den Winterspielen 2014 in Sotschi feierte die Schweiz dank diesem Duo mehr Goldmedaillen bei den Nordischen als bei den Alpinen.

Für Simon Ammann bleibt nur das Mitleid

Doch spätestens in diesem Winter hat der Wind resolut gedreht. Während es im Langlauf oder Skispringen bislang keinen einzigen Sieg zu feiern gab, schwangen sich Lara Gut, Beat Feuz oder Wendy Holdener zuletzt von Erfolg zu Erfolg. Wir sind wieder eine Skifahrernation! Die WM in St. Moritz geriet zur Party, für die Nordischen bleibt höchstens der Blues, für unseren einstigen Goldjungen Simon Ammann bei vielen sogar nur das Mitleid.

Nach dem Sonnenschein im mondänen St. Moritz, eingetaucht in ein rot-weisses Fahnenmeer, nun also die Titelkämpfe im weit entfernten, kalten und düsteren Lahti in der finnischen Pampa. Und während es noch vor nicht allzu langer Zeit bei Ammann und Cologna hiess: «Medaille angesagt, Medaille gemacht!», so ist den beiden Schweizer Aushängeschildern und einzigen realistischen Medaillenkandidaten für Lahti diesmal nur die Rolle der Sorgenkinder zugeteilt.

Simon Ammann jubelte in einer bislang völlig verkorksten Saison zuletzt bereits über die Qualifikation für den Finaldurchgang der besten 30, Dario Cologna holten im dümmsten Moment die ernsthaften Wadenprobleme des letzten Winters ein.

Simon Ammanns grossartige Karriere in Bildern:

Simon Ammanns grossartige Karriere in Bildern Der Toggenburger springt weiter, auch wenn die Resultate 2016 und 2017 noch nicht stimmen.
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«Simi» stellt seine Landung komplett um. Neu setzt er mit dem rechten Bein vorne auf.
Die Umstellung erfolgte nach dem Horrorsturz an der Vierschanzentournee in Bischofshofen 2015.
Simon Ammanns Abschiedskuss in Sotschi
Simon Ammanns letzter Sprung
Fahnenträger Simon Ammann führte bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Sotschi das Schweizer Team in das Stadion
Abschied von der grossen Bühne
Doppel-Doppel-Olympiasieger! Simon Ammann gewann zwei Mal Gold in Salt Lake City 2002 sowie zwei Mal Gold in Vancouver 2010 (Bild aus Vancouver 2010)
Grossschanze in Vancouver 2010 Simon Ammann feiert in Vancouver den Gewinn seiner vierten Goldmedaille
Simon Ammann mit den beiden Goldmedaillen von den Olympischen Spielen in Vancouver 2010
Simon Ammanns Reaktion nach dem Gewinn der Goldmedaille auf der Normalschanze in Vancouver 2010
Simon Ammann zeigt stolz seine Goldmedaille, nachdem Gewinn auf der Normalschanze in Vancouver 2010
Simon Ammann macht nach dem Gewinn auf der Normalschanze den Flieger auf dem Podest
Simon Ammann wird nach der Rückkehr aus Vancouver am Flughafen in Zürich gefeiert
Simon Ammanns Reaktion nach dem Gewinn auf der Grossschanze in Salt Lake City 2002
Auch durfte er Platznehmen im Sauber Petronas-Formel-1-Auto im Jahr 2002
Simon Ammann strahlt im Swiss House in Salt Lake City mit seinen beiden Goldmedaillen um die Wette
Nach dem Sieg durfte Simon Ammann in mehrere Talkshows, unter anderem war er Gast bei Thomas Gottschalks «Wetten, dass...»
Simon Ammann war auch zu Gast bei David Letterman auf der ganz grossen Talkshow-Bühne in Amerika
Wenige Wochen nach dem Gewinn der Goldmedaillen in Salt Lake City wird Simon Ammann zum Schweizer Sportler des Jahres 2002 gekürt.
Simon Ammann nach dem Sieg auf der Normalschanze bei der Siegerzeremonie am 10. Februar 2002 in Salt Lake City
Sieg! Simon Ammann nach der Flower-Ceremony, bei der er für den Gewinn auf der Normalschanze in Salt Lake City 2002 ausgezeichnet wurde
Riesenjubel beim Schweizer Team nach dem Gewinn der Goldmedaille Im Bild Simon Ammann (Mitte) mit Sylvain Freiholz (links) und Andreas Küttel (rechts).
Simon Ammann fliegt am 10. Februar 2002 in Salt Lake City zu Olympia-Gold!
Simon Ammann freut sich beim Skispringen-Weltcup 2001 in Engelberg über seinen zweiten Platz
Simon Ammann als 16-Jähriger beim Auftaktspringen zur Vierschanzentournee in Oberstdorf im Jahr 1997

Simon Ammanns grossartige Karriere in Bildern Der Toggenburger springt weiter, auch wenn die Resultate 2016 und 2017 noch nicht stimmen.

Keystone

Cologna hat das Flair für Überraschungen

Anstelle der Perspektive von drei möglichen Medaillen verbleibt für ihn an der WM neuerdings nur das Einzelrennen über 50 km am letzten Tag als effektive Chance auf Edelmetall. Aber ausgerechnet im Fünfziger wartet der Ausnahmekönner noch auf einen grossen Sieg in seiner beispiellosen Karriere. Und ihm fehlt für seinen reduzierten Einsatz in Lahti zudem die Wettkampfpraxis.

Eine Medaille von Dario Cologna in der Königsdisziplin des Langlaufs wäre entsprechend wie ein Lottosechser. Dass er durchaus ein Flair für solche Überraschungen hat und zudem auch ohne Renneinsätze zum Husarenritt ansetzen kann, bewies Cologna 2014 in Sotschi. Dort gewann er nur drei Monate nach einer gravierenden Bänderverletzung im Fussgelenk zweimal Gold.

Dass er es kann, hat Dario Cologna bereits mehrfach beweisen.

Dass er es kann, hat Dario Cologna bereits mehrfach beweisen.

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Vergangenes Heldentum und optimistischer Zukunftsblick in Ehren – mit einer Schweizer Medaille ist in Lahti nicht zu rechnen. Eine Sensation aus der zweiten Reihe, wie etwa Kombinations-Weltmeister Luca Aerni bei den Alpinen, darf man in einer Ausdauersportart wie Langlaufen nicht als realistisches Szenario betrachten. Hier entwickelt man sich in der Regel Schritt für Schritt. Alles andere wirft den Dopingverdacht auf.

So ungleich das derzeitige Euphorie-Thermometer und der augenblickliche Zustand erscheinen mögen, so spiegelbildlich sind letztlich die Situationen von Alpinen und Nordischen bei Swiss Ski trotzdem. Beide leben von ganz wenigen Überfliegern, die gesundheitlich immer wieder mal zu Sorge Anlass geben, und in beiden Disziplinen beweist eine junge Generation ihr
Potenzial jenseits von verlässlicher Kontinuität. «Wir haben auch bei den Nordischen viel Aufwand in die langfristige Entwicklung der zweiten Garde gesteckt», sagt Swiss-Ski-CEO Markus Wolf. Allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg.

Die Nordische Kombination, die uns 1988 in Calgary dank Hippolyt Kempf den ersten Olympiasieg im nordischen Skisport bescherte, ist klinisch tot. Hinter dem einzigen Weltcupteilnehmer Tim Hug kommt die Sintflut. Als klitzekleiner Hoffnungsschimmer hält die neue Schanzenanlage in Kandersteg her. Im Berner Oberland könnte man theoretisch Springen und Laufen.

Auch Skispringen wird nie Massen mobilisieren. So ist es für die Schweiz bereits ein Erfolg, wie hier in Lahti als Team an Titelkämpfen teilzunehmen. Allerdings hat die Generation nach Simon Ammann den Anschluss an ihr Idol trotz grossen Anstrengungen des Verbandes zur Enttäuschung vieler nicht geschafft. Tennis und Roger Federer lassen grüssen. Wieso bei keinem der Knopf aufgeht, bleibt auch für die Verantwortlichen bei Swiss Ski ein Rätsel. Wolf kündet schon mal die nächsten Massnahmen an, ohne bereits konkret zu werden.

Die Langlauf-Nachwuchskader wachsen an

Freude macht derzeit einzig die Disziplin Langlauf. Dank der Marke «Cologna» zieht es viele Junge auf die Loipe, wachsen die Nachwuchskader seit einigen Jahren kontinuierlich. Für eine zeitintensive Ausdauersportart und angesichts der durch regelmässig prekäre Schneesituationen dezimierten Trainingsmöglichkeiten eine bemerkenswerte Tendenz.

Auch die Qualität stimmt. Auf Stufe Junioren und U23 setzt die junge Schweizer Garde immer wiedermal Duftmarken. Eines Tages vielleicht auch bei der Elite. Klar bleibt: Simon Ammann und Dario Cologna, beide im Herbst ihrer Karriere, kann man nicht ersetzen.

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