Analyse
Der bemerkenswerte Wandel der Schweiz – und doch könnte die Euphorie trügen

Eine Analyse zum Fussball-Nationalteam nach dem fünften Sieg im fünften WM-Qualifikationsspiel.

Etienne Wuillemin
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Die Schweizer lassen sich nach dem Sieg gegen Lettland von den Zuschauern feiern.

Die Schweizer lassen sich nach dem Sieg gegen Lettland von den Zuschauern feiern.

Keystone

Geschichte schreiben. Es ist das grosse Ziel dieser Schweizer Fussball-Generation. Sie hegt den Traum, weiter zu kommen als die Mannschaften zuvor. In einen Viertelfinal eines grossen Turniers. Sie will Spiele wie im WM- oder EM-Achtelfinal gegen Argentinien oder Polen endlich gewinnen.

Nun, Spiele wie jenes am Samstagabend gegen Lettland sind da nicht mehr als ein Zwischenschritt. Es sind nicht diese Partien, die darüber entscheiden, wie erfolgreich eine WM wird. Aber manchmal verrät eben auch eine solche Prüfung im März einiges über den Zustand einer Fussball-Nation.

Es sind erfreuliche Schlüsse, die wir ziehen dürfen. Zuerst ist da einmal die Grundstimmung der Direktbeteiligten selbst. Fünf Siege in Serie und damit den Allzeit-Rekord einer Schweizer Fussballequipe eingestellt. Das Punktemaximum bei Halbzeit in der WM-Qualifikation. Neben Deutschland das einzig verlustpunktlose Team Europas.

Die Schweizer bedanken sich mit einer «Welle» bei den Fans.
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Shaqiri mit seiner Spezialiät: Dem Fallrückzieher.
Schweiz - Lettland (WM-Qualifikationsspiel)
Die Schweizer jubeln nach dem 1:0.
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Drmic steig am höchsten.
Er erzielt das 1:0 für die Schweiz per Kopfball.
Drmic trifft in der 66. Minute.
Shaqiri vergibt eine Grosschance wenige Meter vor dem Tor.
Dzemaili mit vollem Einsatz.
Mehmedi zieht an der lettischen Verteidigung vorbei.
Doch vor am Torhüter Vanins scheitert er.
Was für ein stylischer junger Fan.
Lichtsteiner im Duell mit Torhüter Vanins – der geht nicht rein.
Shaqiri hat den Ball im Blick.
Eine Meer von Schweizer Fahnen.
Seferovic mit Grätsche.
Das obligate Foto der Schweizer Startelf.
Moubandje im Duell mit Lettlands Visņakovs.
Die Schweizer Fans sind schon vor Spielanpfiff bereit.

Die Schweizer bedanken sich mit einer «Welle» bei den Fans.

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Das wären gute Gründe, um euphorische Töne anzuschlagen. Aber so ist das nicht. Spieler wie Trainer kümmern sich lieber um die Defizite. Zum Beispiel die immer noch ungenügende Chancenverwertung. Oder die Konzentration und Genauigkeit in der Abwehr. Es ist ein Zeichen für ein Umdenken, das in dieser Gruppe stattgefunden hat. Anstatt nur von der eigenen Stärke zu reden, suchen die Schweizer Ansätze zur Verbesserung. Und gewinnen halt im Vorbeigehen auch noch. Wie beim 1:0 gegen Lettland eben.

Nein, es war keine bärenstarke Leistung. Aber es ist bemerkenswert, wie diese Mannschaft Wege gefunden hat, Widerstände zu überwinden. Spiele auch dann zu gewinnen, wenn nicht alles für sie läuft. So war das gegen Portugal zu Beginn, als sie plötzlich gnadenlos effizient war. So war das in Ungarn, als sie wankte, aber nicht fiel. So war das in Andorra, als sich die Lust in sehr engen Grenzen hielt. So war das gegen die Färöer, als sie humorlos zum Pflichtsieg kam. Und so war das nun gegen Lettland, als sie einem Opponenten gegenüberstand, der seine fast schon unglaubliche Harmlosigkeit mit Hartnäckigkeit und Kampf wettmachte.

Er hat wieder einmal ein goldenes Händchen bewiesen.

Er hat wieder einmal ein goldenes Händchen bewiesen.

Keystone

Das Vertrauen und der Mut des Trainers

Angeführt wird die Schweiz von Vladimir Petkovic. Einem Trainer, der durch Mut, Vertrauen und Entschlossenheit auffällt. Am Samstag hat er wieder einmal aktiv zum Sieg beigetragen. Er setzte auf Spieler wie Djourou, Schär oder Shaqiri, die in ihren Vereinen derzeit kaum spielen. Er sagte schon im Vorfeld der Partie: «Ich mag das Risiko. Und wenn es schief geht – dann ist eben der Trainer Schuld.» Es ging nicht schief.

Im Spiel selbst bewies Petkovic erneut sein goldenes Händchen. Mit der Einwechslung von Josip Drmic, der keine zwei Minuten später den Siegtreffer erzielte. Wir erinnern uns: In Ungarn wechselte Petkovic beim Last-Minute-3:2 den Siegestorschützen Valentin Stocker auch erst kurz zuvor ein. Und die Liste lässt sich fortführen. Beim legendären Sieg gegen Slowenien im Sommer 2015 in der EM-Qualifikation waren gleich alle drei Einwechselspieler an der spektakulären Wende vom 0:2 zum 3:2 beteiligt.

Das führt zu einer interessanten Feststellung: Während häufig vom einem «Bank-Problem» die Rede ist, weil gewisse Spieler in ihren Vereinen wenig Einsatzzeit erhalten, hat die Schweiz eben auch eine goldene Bank.

Gerade in der Offensive sind die Hierarchien derzeit sehr flach. Immer wieder haben andere Spieler die Nase vorne. Und immer wieder brennen die Ersatzspieler darauf, zu zeigen, dass sie mehr als die Ersatzbank verdient hätten.

Mit Steven Zuber kam am Samstag ein nächster hoffnungsvoller Flügel zu seinem Debüt. Er wird den Konkurrenzkampf weiter beleben. Und irgendwann wird auch Breel Embolo wieder genesen sein – hoffentlich schon in den entscheidenden Spielen im Herbst.

Steven Zuber kam gegen Lettland zum Einsatz.

Steven Zuber kam gegen Lettland zum Einsatz.

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Die Rechnung und das Szenario «Weltuntergang»

Die Rechnung aus Schweizer Sicht geht so: Für Rang 1 und damit die direkte WM-Qualifikation reichen aus den letzten fünf Spielen drei Siege und zwei Unentschieden. Egal, was passiert. Aber, und das ist trotz den fünf Siegen das Problem: Auch Portugal kann aus eigener Kraft erster werden. Es reicht den Portugiesen, wenn sie die verbleibenden Spiele gewinnen, um den Fehltritt in der Schweiz zu Beginn der WM-Qualifikation wettzumachen. Wegen des viel besseren Torverhältnis.

Wer die Auftritte der Iberer sieht, ahnt: Es ist ein Szenario, das sehr gut möglich ist. Was also, wenn sich die Schweiz trotz einer guten WM-Qualifikation am Ende gleichwohl nur den Barrage-Platz sichert?

Ein Weltuntergang wäre selbst dieses Szenario nicht. Denn auch eine Barrage bietet die Gelegenheit, um weiter zu wachsen. Man denke nur an das Team von Köbi Kuhn, das im Herbst 2005 in den epischen Playoffs gegen die Türkei die Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland schaffte. Und eine Euphorie-Welle entfachte, auf der sie noch lange surften.