Boxen
Der Baselbieter Arnold Gjergjaj fiebert dem Kampf seines Lebens entgegen

Der Prattler Profiboxer Arnold «The Cobra» Gjergjaj bereitet sich auf den Kampf seines Lebens gegen den früheren Weltmeister David Haye vor. Vieles bleibt für ihn surreal – ausser der Trainingsalltag. Wir haben einen Augenschein in seinem Camp genommen.

Rainer Sommerhalder
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Arnold "The Cobra" Gjergjaj bereitet sich auf den Kampf seines Lebens vor
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Eine kurze Pause an einem intensiven Vorbereitungstag.
Mit bis zu 700 Kilogramm Kraft schlägt Gjergjaj auf die Pratzen von Trainer Gallina.
Zehn simulierte Box-Runden machen Durst.
DSC_1263-Z Gallina jagt seinen Schützling quer durch den Ring.
In jeder Runde gibt es ein anderes Motto für Gjergjaj.
Seilhüpfen als Einstimmung auf eine harte Trainingssession.
Ein Bild von Muhammad Ali und ein Erinnerungsfoto vom Treffen mit Trainerlegende Fritz Sdunek neben dem eigenen Logo.
Beim Seilhüpfen "zieht" sich The Cobra Videosequenzen von Gegner David Haye rein.
Im Ring ist der stets freundliche und sanfte Riese Arnold Gjergjaj ein anderer Mensch.

Arnold "The Cobra" Gjergjaj bereitet sich auf den Kampf seines Lebens vor

Rainer Sommerhalder

Arnold Gjergjaj hebt kurz den Kopf. «Was war das?», fragt er seinen Trainer Angelo Gallina. Dieser sagt «weiter» und wartet auf den nächsten Knall seines Gegenübers in die «Pratze», den übergrossen Handschuh mit Schutzpolster.

Gallina will Runde 5 der Schlagschule auf keinen Fall unterbrechen. Auch wenn dem schwer atmenden 48-Jährigen eine Pause guttun würde. Er ist für Gjergjaj zugleich Manager, Coach, Sparringpartner und Freund. Schlicht die wichtigste Bezugsperson des Profiboxers mit Wurzeln im Kosovo.

Zehn Runden dauert die Kampfsimulation an diesem regnerischen Donnerstagnachmittag im kargen Trainingslokal in Pratteln. An den Wänden hängt ein Bild von Muhammad Ali und daneben eine Fotografie, welche die Schweizer Boxhoffnung zusammen mit dem deutschen Kulttrainer Fritz Sdunek zeigt.

Das Duo Gjergjaj/Gallina sucht immer wieder den Kontakt zu den Besten. Als Sparringpartner stand der überaus höfliche Prattler bereits mit Stars wie Klitschko und Fury im Ring.

700 Kilogramm

Wucht hat Arnold Gjergjaj in seinen Fäusten. Dies haben Mitarbeiter der Uni Basel bei wissenschaftlichen Messungen der Schlaghärte des Boxers errechnet.

An diesem Tag muss Gjergjaj mit seinem Coach als Gegner vorliebnehmen. In jeder der zehn Runden wird auf ein anderes Detail geachtet. Einmal ist es die Beinarbeit, dann die Schläge in der Rückwärtsbewegung oder das Stellen des Gegners an den Seilen.

Trainieren, essen, schlafen

«The Cobra» wie sich der 31-Jährige als Boxer nennt, befindet sich in der intensivsten Vorbereitungsphase für seinen persönlichen «Jahrhundertkampf» am 21. Mai in der Londoner O2-Arena. Gegner ist der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister David Haye. Bis zu drei Trainingseinheiten pro Tag mit maximaler Belastung absolviert Gjergjaj. Daneben isst und schläft er. Viel mehr geht nicht.

Auf dem Speiseplan stehen vor allem Fleisch und Fisch. Ins Bett geht der 111Kilo-Brocken nicht nur nachts, sondern auch zwischen den Trainings. Zehn Stunden schlafe er pro Tag, sagt Gjergjaj.

Es ist ihm beinahe peinlich, schliesslich gilt seine Arbeitsmoral als vorbildlich. Heute als Boxer, früher als Heizungsmonteur auf dem Bau. Der Trainingsfleiss ist beeindruckend, auch wenn er sagt, «ich hasse jedes Training, aber danach bin ich glücklich über das Geleistete».

Die Mutter will ihn nicht sehen

Mit 14 Jahren kam Arnold als Kriegsflüchtling zusammen mit seinen Eltern sowie den je drei älteren Brüdern und Schwestern in die Schweiz. Die Familie und seine 24-jährige Ehefrau Marta bezeichnet Gjergjaj als den grossen Rückhalt in seinem Leben. Auch als Fans erblickt man sie regelmässig bei den Kämpfen am Ring.

Nur seine Mutter hat ihn noch nie boxen gesehen. Zu viel Angst um ihren Jüngsten spielt mit. Dabei war diese bisher unbegründet. In seinen 29 Profikämpfen seit 2007 hat «The Cobra» stets gewonnen. 21-mal ging Gjergjajs Kontrahent K.o.

Nun folgt also Gegner Nummer 30 für den Prattler. Ein anderes Kaliber. Eine andere Welt. David Haye hat schnelle Fäuste und ein noch schnelleres Mundwerk. Haye der Showman, Gjergjaj der Schwerarbeiter. «Er kann sich durchbeissen», nennt Gallina die Stärke seines Schützlings.

Ob dies gegen einen wie Haye reicht? Gegen einen, dessen Aura Glamour versprüht. Das einzige Glamouröse an Arnold Gjergjaj ist die Brille von Manager Gallina. Kugelrund, mit unerhört dicken schwarzen Rändern. Der Präsident des Boxclubs Basel erinnert damit in der schillernden Wunderwelt des Profiboxens an einen Philosophen.

Beinahe wäre an diesem tristen Nachmittag die allerletzte Prise Extravaganz im Lager des haushohen Aussenseiters in die Brüche gegangen. Denn es ist Gallinas Markenzeichen, welches in Runde 5 unbemerkt von Gjergjaj meterweit durch den Ring fliegt. Als Folge eines Treffers mit voller Wucht auf die Pratze. Wie durch ein Wunder bleibt die Brille unbeschadet.

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