Leichtathletik in Luzern
Alex Wilson und die «junge» Kambundji feiern Schweizer Siege

Ditaji Kambundji gewinnt beim Meeting in Luzern über 100 m Hürden. Sie stiehlt damit sogar Schwester Mujinga die Show. Zum Abschluss zündet auch Alex Wilson ein unerwartetes Feuerwerk.

Rainer Sommerhalder
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Ditaji Kambundji feiert ihren Sieg beim Internationalen Meeting in Luzern.

Ditaji Kambundji feiert ihren Sieg beim Internationalen Meeting in Luzern.

Bild: Urs Flüeler/ Keystone (Luzern, 29. Juni 2021)

Der Schlusspunkt gehörte etwas überraschend Alex Wilson. Der Basler Sprinter feierte seinen Sieg über 200 m überschwänglich. Noch an den Schweizer Meisterschaften am Wochenende in Langenthal musste man ein ernstes Fragezeichen hinter seine Konkurrenzfähigkeit setzen. «Ich brauche Rennen, um in Form zu kommen», prognostizierte der 31-Jährige und schrieb sich für Luzern gleich doppelt in die Startlisten ein. Über 100 m reichte es in 10,38 zu Platz 3, über 200 m läutete Wilson dann das traditionelle Luzerner Feuerwerk zum Meeting-Abschluss ein. «Ich komme langsam wieder», sagte der EM-Dritte von 2018.

«Genial, dass wir endlich wieder live dabei sind»: Rund 800 Zuschauer verfolgen das Meeting auf der Luzerner Allmend.

Unter den Zuschauern finden sich neben Wiederholungstätern auch solche, die zum ersten Mal beim Spitzenleichtathletik-Meeting in Luzern dabei sind. Aus der ganzen Schweiz sind Leichtathletik-Fans angereist, um die Schweizer Stars anzufeuern.

Die schnellste Frau der Schweiz, Mujinga Kambundji, ist für einige der Grund, warum das Interesse am Sport so gross ist: «Ich bin zum ersten Mal in Luzern. Am Freitag war ich bereits an den Schweizer Meisterschaften in Langenthal», sagt der Aargauer Felix Möhr. «Ich hoffe, dass Kambundji unter 11 Sekunden läuft und gewinnt. Bei diesem Wetter ist es allerdings schwierig.»

Auch andere Sportbegeisterte wie Adrian Liebermann aus Nidwalden freuen sich insbesondere auf die Sprintrennen. Auch Hürdenläufe interessieren ihn. Aus Bern sind Angélique und Steff angereist. Sie sind bereits im Olympiafieber und werden auch die Wettkämpfe der Para-Leichtathletik verfolgen.

Korinna und René Mamie aus dem Aargau bekunden Interesse am Stabhochsprung und den Langstreckenläufen. Sie haben sich ihren Sitzplatz so ausgesucht, dass sie die beste Sicht auf diese Disziplinen haben. René Mamie sagt: «Es ist genial, dass wir endlich wieder live dabei sind. Auch die Athleten schätzen es, wieder vor Zuschauern performen zu können.» Alle sind sich einig: Dass das Meeting vor Publikum stattfinden kann, ist eine willkommene Abwechslung in Zeiten von Corona.

Auch Familien und Freunde der Athleten sind froh, ihre Liebsten wieder beim Wettkampf unterstützen zu können. «Mein Freund startet beim Rennen über 1500 Meter», sagt die Bernerin Mahe. «Es ist super, wieder dabei sein.»

Hansjörg Thommen aus Baselland besucht bereits zum zehnten Mal das Meeting. Er ist auch regelmässig bei den anderen grossen Wettkämpfen in Zürich und Lausanne vor Ort. Die Stimmung auf der Allmend schätzt er besonders: «Hier ist man ganz nah an den Athletinnen und Athleten und man merkt, dass sie gern nach Luzern kommen», sagt er. Am meisten freut er sich aufs Speerwerfen. «Das hat hier Tradition, das ist ein Highlight.» (js)

Beim 5000-Meter-Lauf der Männer läuft Jakob Kiplimo (oranges Shirt) vor rund 800 Zuschauerinnen und Zuschauer eine neuen Meeting-Bestzeit.

Beim 5000-Meter-Lauf der Männer läuft Jakob Kiplimo (oranges Shirt) vor rund 800 Zuschauerinnen und Zuschauer eine neuen Meeting-Bestzeit.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 29. Juni 2021)

Die nasskalten Bedingungen auf der Luzerner Allmend liessen vor allem auf den kürzeren Strecken keine Spitzenzeiten zu. Entsprechend lag der Fokus bei den Podestplätzen. Und in dieser Bilanz konnten die Schweizer Aushängeschilder gegen die internationale Konkurrenz durchaus mithalten. Allen voran Ditaji Kambundj. Für einmal stellte die 19-Jährige selbst ihre Schwester Mujinga in den Schatten. Die Hürdensprinterin aus Bern sorgte für einen weiteren von insgesamt drei Schweizer Siegen des Abends.

Medaillen bei Titelkämpfen als nächstes Ziel

Mit 13,11 Sekunden blieb auch sie hinter ihren besten Zeiten zurück. Aber letztlich geht es bei ihren bevorstehenden Saison-Höhepunkten primär um die Rangierung. In drei Wochen startet Ditaji Kambundji in Estland als Favoritin zur U20-Europameisterschaft. Ein Monat später steht in Kenia die Junioren-Weltmeisterschaft auf dem Programm. Auch dort traut sich die 19-Jährige eine Medaille zu.

Ein Sieg fürs Gemüt: Alex Wilson in Luzern über 200 m.

Ein Sieg fürs Gemüt: Alex Wilson in Luzern über 200 m.

Bild: Urs Flüeler/ Keystone (Luzern, 29. Juni 2021)

Vielleicht geht die Reise von Ditaji Kambundji nach der EM auch in Richtung Japan und nicht in Richtung Afrika. Selbst am letzten Tag der Selektionsphase für die Olympischen Spiele bleibt die Frage, ob sich Kambundji über das World Ranking einen Startplatz in Tokio gesichert hat, unklar. «Am Mittwoch werde ich es erfahren», sagte eine in dieser Frage erstaunliche entspannte Bernerin. Sie weiss ganz genau, dass ihr das Ziel Olympia mit 19 Jahren noch nicht davonläuft. Ditaji Kambundji sagte auch, dass sie mit einem Sieg in Luzern spekuliert habe, «auch wenn ich es eigentlich liebe, wenn das Wetter so heiss wie möglich ist».

Schwester Mujinga musste sich über 100 m lediglich der WM-Dritten Marie-Josée Ta Lou von der Elfenbeinküste geschlagen geben. Dies allerdings deutlich. Während Ta Lou in 11,09 Sekunden ins Ziel lief, benötigte Kambundji 11,24 Sekunden. Die 29-Jährige wollte ihre mässige Zeit aber nicht nur aufs Wetter abschieben. «Der Start und die Beschleunigungsphase waren nicht optimal», gab Kambundji zu. Sie spüre aber, dass die Form stimme und dies gebe ihr Zuversicht in Richtung Tokio. Wieso nicht die schnellsten Zeiten des Jahres beim wichtigsten Wettkampf abliefern? Es wäre im Fall von Mujinga Kambundji nichts Neues, dass ihr dies gelingt.

Mujinga Kambundji war nicht zufrieden mit dem ersten Teil ihres 100-m-Laufs.

Mujinga Kambundji war nicht zufrieden mit dem ersten Teil ihres 100-m-Laufs.

Bild: Urs Flüeler/ Keystone (Luzern, 29. Juni 2021)

Der zweite Schweizer Sieg gelang Chiara Scherrer über 3000 m Hürden. Für diesen Erfolg musste die 25-Jährige einiges leisten. Nie zuvor lief sie schneller als beim Erfolg in Luzern (9:40,30). Eine Kostprobe ihres Könnens gab auch die Walliser 800-m-Läuferin Lore Hoffmann. Die 24-Jährige musste sich nur der Deutschen Christina Hering geschlagen geben. Die 2:00,38 sind die drittbeste Zeit ihrer Karriere.

Chiara Scherrer freut sich wie ein Maikäfer über ihre neue Bestzeit im Steeple-Rennen.

Chiara Scherrer freut sich wie ein Maikäfer über ihre neue Bestzeit im Steeple-Rennen.

Bild: Urs Flüeler/ Keystone (Luzern, 29. Juni 2021)

Die international wertvollsten Leistungen in Luzern gab es beinahe schon mit traditionell deutscher Präzision im Speerwerfen, von einem Weltrekordhalter über 400 m und etwas unerwartet über 5000 m. Johannes Vetter warf den Speer auf 92,14, obwohl der grosse Olympia-Favorit seinen Wettkampf nach drei Versuchen abbrach. Der Südafrikaner Wayde van Niekerk kommt nach einer längeren Verletzungspause rechtzeitig für die Olympischen Spiele wieder in Form, um seinen Titel über 400 m von Rio zu verteidigen. In Luzern blieb der 28-jährige Weltrekordhalter in 44,87 Sekunden konkurrenzlos.

Über 5000 m hatten die Tempomacher den Auftrag, auf eine Endzeit von 13:20 Minuten anzulaufen. Letztlich zauberte der Halbmarathon-Weltmeister Jacob Kiplimo aus Uganda aber beeindruckende 12:55,60 auf die Bahn. Stadionrekord!

Nicole Zihlmanns letzter Luzern-Auftritt

Die Littauer Hammerwerferin Nicole Zihlmann beendet in diesem Sommer ihre Karriere und hatte darum auch ihren allerletzten Luzern-Auftritt. Ende Juli feiert sie ihren 35. Geburtstag. Vor drei Jahren stellte sie in Luzern mit der Weite von 67,42 m den aktuellen Schweizer Rekord auf. «Bald werde ich mehr Zeit für Familie, Freizeit und Reisen haben», sagte Zihlmann nach ihrem gestrigen 5. Rang. Von Athletenverpflichter Terry McHugh bekam Zihlmann einen Goodbye-Diamanten überreicht.

Darf Siebenkämpferin Ruckstuhl nach Tokio oder nicht?

Nicht wie gewohnt am Start im Feld der Speerwerferinnen stand die Luzernerin Géraldine Ruckstuhl. Die Siebenkämpferin aus Altbüron musste zuletzt an den Schweizer Meisterschaften ihren Wettkampf wegen andauernden Schmerzen im Fuss abbrechen. Heute ist für sie der grosse Stichtag: Die Siebenkampf-Weltrangliste wird entscheiden, ob Ruckstuhl an die Olympischen Spiele in Tokio reisen darf. Ruckstuhl, eben erst noch auf Rang 22 figurierend, muss unter den Top 24 sein. (tbu.)

Die Schweizer Rekordhaltern im Hammerwurf, Nicole Zihlmann, bei ihrem letzten Einsatz für die Nationalmannschaft bei den European Athletics Team Championships First League in Cluj.

Die Schweizer Rekordhaltern im Hammerwurf, Nicole Zihlmann, bei ihrem letzten Einsatz für die Nationalmannschaft bei den European Athletics Team Championships First League in Cluj.

Bild: Ulf Schiller/Keystone (Cluj, 20. Juni 2021)

Resultate:

Männer. 100 m:
1. Akani Simbine (SA) 10,11. 2. Thando Dlodlo (SA) 10,20. 3. Alex Wilson (Sui) 10,38.
110-m-Hürden: 1. Gabriel Constantino (Bra) 13,60, Petr Svoboda (Tsch) 13,60. 3. Martin Vogel (De) 13,62.
200 m: 1. Alex Wilson (Sui) 20,64. 2. Thando Dlodlo (SA) 20,74. 3. Jorge Vides (Bra) 20,75.
400 m: 1. Wayde van Niekerk (SA), 44,87. 2. Christopher O’Donnell (Irl) 45,55. 3. Vernon Norwood (USA) 45,56.
400-m-Hürden: 1. Thomas Barr (Irl) 49,12. 2. Quincy Downing (USA) 49,42. 3. Nick Smidt (Hol) 49,73.
1500 m: 1. Robert Farken (De) 3:36,80. 2. Charles Grethen (Lux) 3:38,62. 3. John Rogestedt (Swe) 3:38,72.
5000 m: 1. Jakob Kiplimo (Uga) 12:55,60. 2. Daniel Simiyu (Ken) 12:55,88. 3. Boniface Kibiwott (Ken) 13:06,26.
Speer: 1. Johannes Vetter (De) 92,14. 2. Keshorn Walcott (Tri) 85,16. 3. Julian Weber (Deu) 85,95. – B-Serie: 1. Tom Meier (De) 77,26.
Weit: 1. Ruswahl Samaii (SA) 8,06. 2. Emiliano Lasa (Uru) 7,90. 3. Lester Lescay (Kub) 7,83.
Kugel: 1. Silas Ristl (De) 18,91. 2. Stefan Wieland (Sui) 17,38.
Hammer: 1. Tristan Schwandke (De) 74,66. 2. Christos Frantzeskakis (Grie) 74,47. 3. Chris Bennett (GBR) 74,05.
400-m-Rollstuhl: 1. Lukas Willimann (Sui) 59,22.
2. Matiwos Russom (Sui) 60,39. 3. Beat Bösch (Sui) 69,05.

Frauen. 100 m: 1. Marie-Josée Ta Lou (Elf) 11,09.
2. Mujinga Kambundji (Sui) 11,24. 3. Kayla White (USA) 11,31. 4. Dafne Schippers (Hol) 11,41. – B-Serie: 1. Orlan Ombissa-Dzangue (Fra) 11,56.
100-m-Hürden: Ditaj Kambundji (Sui) 13,11. 2. Sarah Lavin (Irl), 13,16. 3. Zoé Sedney (Hol) 13,22.
200 m: 1. Beatrice Masilingi (Nam) 22,67. 2. Alexandra Burghardt (De) 23,16. 3. Lisa Marie Kwayie (De) 23,28.
400-m-Hürden: 1. Carolina Krafzik (De) 55,55. 2. Tia-Adana Belle (Bar) 56,00. 3.Taylon Bieldt (SA) 56,81.
800 m: 1. Christina Hering (De) 2:00,04. 2. Lore Hoffmann (Sui) 2:00,38. 3.Katharina Trost (De) 2:00,92.
3000-m-Steeple: 1. Chiara Scherrer (TG Hütten) 9:40,30 (PB). 2. Eilish Flanagan (Irl) 9:42,71. 3. Sanaa
Schretzmair (De) 9:54,80.
Stabhoch: 1. Robeilys Peinado (Ven) 4,61. 2. Lisa Gunnarson (Swe) 4,41. 3. Lene Onsrud Retzius (Nor) 4,31.
Speer: 1. Christin Hussong (De) 64,02. 2.Tatsiana Khaladovich (WRuss) 60,31. 3. Jo Ann Van Dyk (SA) 57,81.
Kugel: 1. Valerie Adams (NZL) 18,91. 2. Alina Kenzel (De) 17,87. 3. Miryam Manzenauer (Sui) 15,21.
Hammer: 1. Samantha Borutta (De) 69,38. 2. Vanessa Sterckendries (Bel) 68,78. 3. Carolin Paesler (De) 67,34. 5. Nicole Zihlmann (LC Luzern) 65,63.
400-m-Rollstuhl: 1. Merle Menje (Sui), 59,69. 2. Licia Mussinelli (Sui) 65,40. 3. Lisa Schultis (Sui) 69,64.