Francesco Tottis «Arrivederci» wurde eigentlich bereits vor einem Jahr angekündigt. «Ultimo anno» (letztes Jahr), stand jedoch in der News zur abermaligen Vertragsverlängerung des bald 41-jährigen Captains auf der klubeigenen Homepage. Die nordamerikanischen Besitzer hätten ihr grösstes Aushängeschild lieber noch früher in Rente geschickt.

«Tottis Beine machen nicht mehr das, was ihnen der Kopf sagt», meinte Präsident James Pallotta bereits 2015. Für die Clubleitung taugte Totti nur noch als Markenbotschafter und Trikotverkäufer. Trainer Luciano Spalletti gewährte dem Altstar immer weniger Einsatzzeit. Eine Majestätsbeleidigung.

Ab und an blitzte Tottis immenses Talent in seinen alten Tagen aber immer noch auf. Dann entflammte sich der «Tifo» des Römer Olympiastadions, versetzte die Fans in kollektive Ekstase und löste bei gestandenen Männern Weinkrämpfe aus.

Das Riesenbaby

Noch in der letzten Saison halfen seine späten Tore im Meisterschaftsfinal der Roma zur Champions-League-Qualifikation. In diesem Wettbewerb hält Totti auch den Rekord als ältester Torschütze (38 Jahre und 59 Tage). Dass nach 25 Saisons und 785 Einsätzen mit insgesamt 307 Toren nun endgültig Schluss sein soll, wollen weder der Grossteil der «Romanisti» noch der Spieler selbst wahrhaben.

AS Roma würdigt ihren «capitano»:

«Er Pupone» (das Riesenbaby) ist einer von Tottis Spitznamen. Totti, der im September 41 Jahre alt wird, will weiterhin einfach Fussball spielen. Die Roma hat für seine Ikone einen über sechs Jahre laufenden Vertrag als rechte Hand des Sportdirektors bereit. Totti kann sich aber eine weitere Saison als Spieler vorstellen, beispielsweise in der nordamerikanischen MLS oder den Arabischen Emiraten.

Witzbuch und live-Hochzeit

Sicher ist einzig, dass am Sonntag das «Stadio Olimpico» mit 65 000 Zuschauern restlos ausverkauft sein wird. Der «Populus Romanus» will seinem König Tribut zollen. Es wird eine Hommage an einen der talentiertesten Spieler aller Zeiten, dem die Liebe zu seinem Klub über alle Titel ging. Dabei träumte Totti als Kind davon, «Benzinaio» (Tankwart) zu werden.

Stattdessen wurde der Blondschopf zur Identifikationsfigur einer ganzen Stadt und zur Personifikation des Römertums. Dazu gehört die Eigenschaft der Selbstironie. Belächelt wegen seines vernuschelten römischen Slangs, gab Totti drei Bücher mit Witzen über seine Person heraus, welche es alle in die italienischen Bestsellerlisten schafften.

Francesco Totti ist die Identifikationsfigur der AS Roma.

Francesco Totti ist die Identifikationsfigur der AS Roma.

Auf dem Rasen erinnerte er mit seiner Mähne an einen Gladiator aus der Antike, welcher das Olympiastadion mit der Arena des Kolosseums austauscht. Den echten «Gladiator», Russel Crowe, lud Totti mehrmals an Heimspiele ein. Mondän auch Tottis Hochzeit, welche landesweit live im TV ausgestrahlt wurde.

Angebote ausgeschlagen

Ein gewisser Vujadin Boškov hatte den damals 16-Jährigen am 28. März 1993 in der Serie-A debütieren lassen. Stupende Technik und ein aussergewöhnliches Auge für die Mitspieler, Freistossspezialist, Elfmeterschütze mit einer Schwäche für den Panenka-Heber, der dank Totti in Italien nun «Cucchiaio» (Löffel) heisst, wurden zu seinen Markenzeichen.

Unter Fabio Capello gewann er 2001 seinen einzigen Meistertitel. Bei der offiziellen Siegesfeier im antiken «Circo Massimo» stimmten über eine Million Römer mit dem einheimischen Barden Antonello Venditti die Vereinshymne «Grazie Roma» an.

Totti feierte zahlreiche Titel mit AS Roma: Hier 2007 den Cupsieg.

Totti feierte zahlreiche Titel mit AS Roma: Hier 2007 den Cupsieg.

Ausserhalb Roms hätte Totti mehr Trophäen gewonnen, noch mehr Gage erhalten, aber er wäre kein Volkstribun gewesen. Silvio Berlusconi persönlich versuchte mehrmals, Totti zur AC Milan zu lotsen. Real Madrid schickte ein Trikot mit der Nummer Zehn und einem Blankovertrag in die Ewige Stadt. «Ein Scudetto in Rom ist so viel wert wie zehn Titel anderswo», sagte Totti einmal.

Tribut vom Erzrivalen

58 Mal spielte er für die italienische Nationalmannschaft. EM-Finalist im Jahre 2000, wurde Totti mit der «Squadra Azzurra» 2006 in Berlin Weltmeister. Dies trotz eines vier Monate zuvor erlittenen Wadenbeinbruchs. Erst 30-jährig beendete Totti seine internationale Karriere, um anschliessend bei den «Giallorossi» mehrere Bestmarken aufzustellen.

Dass Totti seinem Club immer die Treue gehalten hatte, würdigten sogar die Ultras von Erzrivale Lazio Rom. «Die ewigen Feinde grüssen Francesco Totti», stand letzte Woche auf einem Spruchband. Es war wohl die grösste Anerkennung für den König von Rom, der diesen Sonntag zum letzten Tanz bittet.