Sport

Den zwölften Mann gibt es in der Schweiz nicht: Die Super-League-Teams spielen zu Hause stärker, wenn die Fans fehlen

Berner Fans feiern 2018 den Meistertitel der Young Boys.

Berner Fans feiern 2018 den Meistertitel der Young Boys.

Fans bringen in hiesigen Stadien sportlich keinen Vorteil. Dies zumindest legen die Zahlen der vergangenen Super-League-Saison nahe. Seit den Zuschauerbegrenzungen scheinen die Heimteams aufzublühen.

Fans schreien die Fussballer zum Sieg! Die Euphorie im Stadion beflügelt die Mannen auf dem Feld! In Einzelfällen mag dies zutreffen, die Zahlen aus der Super League der vergangenen Saison aber zeigen ein anderes Bild. Nachdem die Saison Ende Februar für drei Monate gestoppt und danach im Juni mit stark begrenzten Zuschauerzahlen weitergeführt wurde, hat sich die Heimstärke der meisten Teams interessanterweise zum Positiven verändert. Gewannen sie in den 23 Runden vor der Coronapause nur gerade 53 Prozent ihrer Punkte im eigenen Stadion, waren es in den restlichen 13 Runden ganze 65 Prozent.

Alle Teams ausser Zürich, Sion und Servette holten in fast leeren Stadien mehr Heimpunkte als zuvor. Bei Teams wie YB, Basel, Luzern oder St. Gallen, die oft von den Fans getragen zu werden scheinen, hätte man eher mit einem Rückgang der Heimstärke gerechnet. Das Gegenteil ist der Fall.

Natürlich könnte nun auch relativiert werden. Thuns plötzliche Heimstärke nach der Coronapause hat wohl eher mit neuer taktischer Ausrichtung zu tun als mit dem Fehlen der Fans. Und dass YB am Ende alle Heimspiele gewann, liegt ebenfalls eher am Erstarken des Teams als an den fehlenden Zuschauern. Die Tendenz ist dennoch erstaunlich - besonders, wenn man einen Blick in die Bundesliga wirft. Dort ist die Entwicklung genau umgekehrt. Der Heimvorteil ist ohne Zuschauer praktisch verschwunden.

Gut möglich also, dass in der Bundesliga, wo weit mehr Zuschauer in den Stadien Platz finden als in der Super League und wo die Energie im Rund deutlicher zu spüren ist, der Wegfall der Fans mehr ausmacht. Bereits im Vorfeld des Restarts zeigte unsere Datenanalyse an dieser Stelle, dass der Heimvorteil ganz grundsätzlich schwindet, in Deutschland aber noch stärker wirkt als in der Schweiz, wo er zuletzt förmlich im Sinkflug war.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, dass der Heimvorteil in der Schweiz mit dem Wegfall der Fans grösser geworden ist. Die Nervosität für die Spieler, im eigenen Stadion reüssieren zu müssen, ist weg - besonders für Teams mit jungen Spielern kein zu unterschätzender Faktor. Vielleicht war es im strapaziösen Corona-Terminkalender ja auch einfach ein noch entscheidender Faktor als zuvor, nicht zu einem Auswärtsspiel reisen zu müssen. Oder: Auswärtsteams gingen in fremden Stadien grössere Risiken ein, weil sie sich nicht mehr wie an einem Auswärtsspiel fühlten - und wurden prompt dafür bestraft.

Was sich nach der Coronapause ebenfalls gezeigt hat: Die Partien sind torreicher geworden. Dies wiederum dürfte vor allem am engen Zeitplan liegen. Wer alle drei Tage spielt, wird müde. Wer müde ist, macht Fehler. Und wo Fehler passieren, fallen Tore. Auch gefühlt waren die Spiele seit der Pause noch unberechenbarer, offensiver, wilder und torreicher. Die Zusammenstellung zeigt aber: Wiederum sind es besonders die Heimteams, die nach der Coronapause öfter getroffen haben.

Fast alle Heimteams steigerten in der letzten Saisonphase ihren Torschnitt.

Soll man die Fans also verbannen? Natürlich nicht. Sie fehlen im Rund. Und sie sind das Salz in der Suppe, die «Daseinsberechtigung für den Fussball», wie St. Gallens Sportchef Alain Sutter kürzlich sagte. Im finanziellen Sinn, aber eben auch im emotionalen.

Meistgesehen

Artboard 1