Formel 1
Den Schweizer Piloten fehlt die richtige Formel

Schweizer haben im Cockpit der Formel-1-Boliden nichts verloren. Selbst der Schweizer Rennstall Sauber setzt mit Marcus Ericsson und Felipe Nasr auf einen Schweden und einen Brasilianer.

Konstantin Furrer
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Schweizer Piloten müssen beim Spektakel in der Formel 1 zuschauen.

Schweizer Piloten müssen beim Spektakel in der Formel 1 zuschauen.

Keystone

Dem war aber nicht immer so. Unvergessen sind die Kämpfe des Tessiners Clay Regazzoni mit Ferrari in den 70er-Jahren gegen die Überflieger aus England aus dem Team Lotus. 28 Podestplätze und 5 Siege schauten für Regazzoni in 132 Rennen in der Formel 1 heraus – eine bessere Bilanz kann bisher kein Schweizer ausweisen.

Oder Jo Siffert, der sich über den Motorsport aus der beissenden Armut seiner Kindheit befreite und die Schweizer Zuschauer mit seinem risikofreudigen Fahrstil in seinen Bann zog. Zweimal gewann er in der Formel 1: 1968 auf dem Brands Hatch Circuit in Grossbritannien und 1971 auf dem Österreichring in Spielberg. 70 Tage nach seinem zweiten Sieg in der Formel 1 verstarb der erst 35-Jährige bei einem Formel-1-Rennen ohne Weltmeisterschaftsstatus. Sifferts immense Popularität spiegelte sich im kilometerlangen Trauerzug durch Freiburg. 50 000 Personen gaben dem Rennfahrer das letzte Geleit.

Das wohl spektakulärste Formel-1-Team der Jahre 1974 bis 1976: Der Schweizer Clay Regazzoni und der legendäre Niki Lauda im Ferrari-Stall.

Das wohl spektakulärste Formel-1-Team der Jahre 1974 bis 1976: Der Schweizer Clay Regazzoni und der legendäre Niki Lauda im Ferrari-Stall.

Keystone

Ein Schattendasein seit 1985

In den 80er-Jahren war es dann Marc Surer, der die Schweizer Fahne in der Formel 1 hochhielt. Er blieb aber weniger erfolgreich als seine Vorgänger Siffert und Regazzoni. Sein bestes Ergebnis war 1985 der vierte Platz am GP von Italien, knapp hinter Ayrton Senna.
Seither fristen Schweizer Rennfahrer in der Formel 1 ein Schattendasein. «Vor zwanzig Jahren, nach Marc Surer, war es in Sachen Nachwuchs eher ruhig. Nur wenige kamen international weit», bestätigt Marcel Fässler. Er gehört zu den erfolgreichsten Rennfahrern der Schweiz. Schon dreimal konnte er mit Audi das legendäre 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewinnen. In diesem Sommer strebt er den vierten Sieg an.

Trotz des beträchtlichen Talents gelang auch ihm den Sprung in die Formel 1 nie. 2001 lud ihn McLaren-Mercedes zu einem eintägigen F1-Test ein. Dabei blieb es. «Ich war am richtigen Ort zur falschen Zeit. Damals waren die Stammfahrer Mikka Häkkinen und David Coulthard und Alexander Wurz als Testfahrer. Es gab schlicht keinen Platz im Team.» Unzufrieden ist Fässler deswegen aber nicht, im Gegenteil: «Ich bin sehr glücklich mit der Situation, in der ich jetzt bin. Ich trauere der Formel 1 nicht nach.»

Fabio Leimer Fabio Leimer gewann 2013 die GP2-Serie. Bei Manor war er 2015 die Nummer drei, jetzt ist er draussen.

Fabio Leimer Fabio Leimer gewann 2013 die GP2-Serie. Bei Manor war er 2015 die Nummer drei, jetzt ist er draussen.

Keystone

Für einen neuerlichen Schweizer Lichtblick in der Formel 1 sorgte 2009 Sébastien Buemi. Nach einem sechsten Platz in der Meisterschaftswertung der GP2 ein Jahr zuvor erhielt Buemi einen Platz im Cockpit der Scuderia Toro Rosso. Er wurde damit der erste Schweizer Rennfahrer in der Formel 1 seit Jean-Denis Delétraz 1995. Drei Jahre lang blieb Buemi Stammfahrer und sammelte als solcher 29 WM-Punkte. «Es war immer mein Traum, in der Formel 1 zu fahren. Diesen Traum habe ich mir erfüllt», sagt er zurückblickend.

«Ich werde die meiste Zeit im Simulator verbringen»

Buemi besitzt immer noch einen Vertrag in der Formel 1. Nicht mehr bei Toro Rosso und nicht mehr als Stammfahrer, sondern bei Red Bull Racing, dem zweiten Rennstall von Red Bull, als Test- und Reservefahrer. «Ich werde die meiste Zeit im Simulator verbringen und so dem Team helfen, das Auto weiterzuentwickeln», sagt Buemi. Neben seiner Tätigkeit in der Formel 1 wird er weiter in der Formel E und der Langstrecken-Weltmeisterschaft teilnehmen. An der Formel E schätze er, dass die Fähigkeiten des Fahrers im Vordergrund stehen und nicht die Leistung des Autos. «Der Kampf mit den anderen Fahrern ist sehr viel ausgeglichener als in der Formel 1.»

Marcel Fässler Dreimal gewann Marcel Fässler die 24 Stunden von Le Mans. Einen Testtag fuhr er in der Formel 1.

Marcel Fässler Dreimal gewann Marcel Fässler die 24 Stunden von Le Mans. Einen Testtag fuhr er in der Formel 1.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

In jüngster Zeit am nächsten dran an einem Platz in einem Formel-1-Cockpit war Fabio Leimer. Nach seinem Sieg in der GP2-Serie 2013 verpflichtete ihn Manor Racing als Ersatzfahrer für die Saison 2015. Daneben fuhr er in der Formel E, wo er aber nur bei zwei Rennen zum Einsatz kam. Für die kommende Saison wurde Leimer bei Manor Racing durch den Briten Jordan King als Ersatzfahrer ersetzt.

Woher rührt dieser Mangel an Schweizer Rennfahrern in der Formel 1? «An Talent in der Schweiz mangelt es sicher nicht», sagt Fässler. Er gibt aber zu bedenken, dass es in der Schweiz an fehlenden Investoren mangelt. «Talent allein nützt nichts mehr, man muss auch Sponsoren mitbringen können.» Viele der Fahrer in der Formel 1 heute sind Bezahlfahrer, das heisst sie bringen Geld über einen Sponsor in den Rennstall mit. «Solche Sponsoren haben wir in der Schweiz leider nicht», sagt Fässler.

«Je länger man weg ist, umso schwieriger wird es»

Auch das Rennstreckenverbot mache die Situation nicht einfacher. «Man muss ins Ausland gehen, wenn man den Sport ausüben will.» Buemi ortet die Probleme in der Kleinheit der Schweiz: «In einem so kleinen Land wie der Schweiz ist es verständlich, dass wir nicht über die gleiche Anzahl an Talenten verfügen wie anderswo.»

Sebastien Buemi Sebastien Buemi fuhr 55 Formel-1-Rennen. 2015 wurde er WM-Zweiter in der Formel E.

Sebastien Buemi Sebastien Buemi fuhr 55 Formel-1-Rennen. 2015 wurde er WM-Zweiter in der Formel E.

KEYSTONE/EPA/WU HONG

Wird die Schweiz also auch in Zukunft in der Formel 1 unterbesetzt bleiben? Für Fabio Leimer scheint eine Rückkehr in die Formel 1 wenig wahrscheinlich. Zu wichtig ist das Mitbringen von Geld oder Sponsoren geworden, und in der Schweiz gibt es schlicht keine Unternehmen, die Interesse daran haben. Auch bei Buemi gestaltet sich die Lage schwierig. «Je länger man weg ist, umso schwieriger wird es, wieder Tritt zu fassen». Er versucht mit seinen Leistungen, in der Formel E seine Fähigkeiten ins Licht zu rücken. Trotzdem bleibt er optimistisch: «Es ist noch alles möglich.»

Was die Zukunft angeht, so lohnt sich ein Blick in die Nachwuchs-Serien. Kevin Jörg sorgte dort in den vergangenen Jahren für viel Gesprächsstoff. Seine guten Leistungen blieben auch bei Renault nicht unbemerkt, und der französische Rennstall verpflichtete den jungen Schweizer im Februar für die eigene Nachwuchsakademie. Diese Saison wird er in der GP3 weiter an seinen fahrerischen Fähigkeiten schleifen. Ein weiteres Talent ist Louis Delétraz, der Sohn des früheren Schweizer F1-Fahrers Jean-Denis Delétraz. Auch er ein Zögling der Nachwuchsakademie von Renault, fährt er in dieser Saison mit Fortec Motorsport zum zweiten Mal in der Renault-World-Series.