Wir kennen, salopp gesagt, im Sport drei Varianten des Rücktrittes. Erstens den Rücktritt auf dem Höhepunkt einer Karriere. Also zum richtigen Zeitpunkt. Wie Rudolf Hunsperger, der mit 28 nach dem dritten Königstitel aus der Arena schritt. Oder wie Rocky Marciano, der 1956 unbesiegt als Schwergewichtsweltmeister mit 33 den Ring verliess. Zweitens den Rücktritt, erzwungen durch äussere Umstände wie Verletzungen. Gibt es ab und zu. Und drittens den verspäteten Rücktritt. Die häufigste Variante. So wie bei Roger Federer.

Ein trüber Karriereherbst wartet
Wird der grösste Schweizer Sportler aller Zeiten den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt tatsächlich verpassen? Ja, das wird er. Er hat unmissverständlich erklärt, er werde nach der vorzeitig abgebrochenen Saison 2016 wieder antreten. Es wird sportlich ein trüber Karriereherbst. Wenn er im Januar 2017 im australischen Hochsommer auf die Courts zurückkehrt, wird er in der Weltrangliste noch unter den «Top 20» sein.

Die Gefahr ist erheblich, dass er dann in wenigen Wochen aus den «Top 30» fliegt und fortan schon in der ersten Runde eines Turniers gegen die Titanen antreten muss. Tennistechnisch ist Roger Federer kaum gealtert – aber er wird keine «Dogfights» über «Best of Five» mehr gewinnen. Und da ist noch etwas: Roger Federer war bisher nie schwer verletzt. Er hat ein unerschütterliches Vertrauen in seinen Körper. Das ist ein Teil seiner spielerischen Leichtigkeit. Wird er dieses Vertrauen noch haben, wenn er nach der längsten Pause seiner Karriere zurückkehrt? Wahrscheinlich nicht mehr.

Aber halt, war Ken Rosewall mit dem hölzernen Schläger nicht schon über 30, als er der beste Spieler der Welt war und schliesslich noch im Alter von 43 Jahren Turniere gewann? Ja, richtig. Aber das war in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren – da war der Turnierkalender bei weitem nicht so dicht und das Tennisleben so beschaulich, dass noch eine Reise per Schiff nach Amerika möglich war. Heute hat ein Tennisprofi mit 28 mehr Kilometer auf dem Tacho als Ken Rosewall mit 40.

Die Leidenschaft ist entscheidend

Warum verpassen selbst ganz grosse Sportler den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt? Selbst dann, wenn sie so viel Geld verdient haben, dass sie es in 100 Jahren nicht mehr ausgeben können? Weil der Sport ihre Leidenschaft ist. Deshalb sind sie grosse Sportler geworden. Niemand gibt seine Leidenschaft, die Intensität eines Lebens auf den Bühnen der Welt, freiwillig auf.

Wir sehen also: Den richtigen Zeitpunkt für den Rücktritt hat Roger Federer verpasst. Unsere Hockey-Nationalmannschaft steht näher am nächsten WM-Final als der Baselbieter am nächsten, 18. Grand-Slam-Triumph. Nur spielt das für ihn überhaupt keine Rolle. Ja, wir können uns bei ihm die Diskussion über den richtigen Zeitpunkt ersparen. Sie ist eine Beleidigung für Roger Federer.

Das Publikum verzeiht ihm alles
Für Roger Federer gibt es die Notwendigkeit des richtigen Zeitpunktes zum Rücktritt nämlich nicht mehr. Er kann noch drei Jahre Jahre lang jedes zweite Spiel verlieren und das Publikum wird ihm verzeihen. Gewiss: Noch lieber als den Aufstieg zu höchstem Ruhm mag das Publikum den Sturz der Helden. Und dieses Publikum kann gnadenlos sein.
Aber wer es schafft, zu Aktivzeiten in den Adelsstand der Legende aufzusteigen, braucht sich um den Rücktritt nicht mehr zu kümmern. Er setzt das ewige Gesetz des Sportes ausser Kraft, das besagt, dass es immer die Leistung sei, die bestimme, wer zur Elite gehöre.

Der kürzlich verstorbene Muhammad Ali gilt als grösster Sportler aller Zeiten. Er verpasste den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt mehrmals. Seine letzten zwei Kämpfe gegen seinen einstigen Sparringpartner Larry Holmes (1980) und Trevor Berbick (1981) endeten mit schmählichen Niederlagen. Er war am Ende seiner Karriere in einer Verfassung, dass er sich nicht einmal mehr ohne Risiko an einer Barprügelei hätte beteiligen können.
Doch das hat seinen Ruhm nie geschmälert. Er ist der Grösste aller Zeiten geblieben. Ferdi Kübler war in seinen zwei letzten Jahren (1956/57) weit davon entfernt, auch nur eine Etappe der Tour de Suisse gewinnen zu können – und ist doch zum helvetischen Sportler des 20. Jahrhunderts gewählt worden.

Oder erinnern Sie sich noch an das letzte Rennen von Bernhard Russi? Der Weltmeister (1970) und Olympiasieger (1972) erklärte seinen Rücktritt nach dem kläglichen 14. Platz bei der WM 1978. Auch er hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst und trotzdem eine grandiose Karriere nach dem Sport hingelegt. Weil auch er ein Grosser ist. Wie Muhammad Ali. Wie Ferdi Kübler. Wie Roger Federer. Der grösste Tennisspieler aller Zeiten kann sich sagen: Den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt verpasst? Na und?