Simon Ammann
«Den richtigen Moment für einen Rücktritt gibt es ganz einfach nicht»

Ein Gespräch mit dem doppelten Doppel-Olympiasieger Simon Ammann über Emotionen, die richtigen Lottozahlen, die Telemark-Landung seines Sohns und wieso man bei ihm oft nur Bahnhof versteht.

Rainer Sommerhalder
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Simon Ammann hat schon vieles gewonnen. Zeit aufzuhören?

Simon Ammann hat schon vieles gewonnen. Zeit aufzuhören?

KEYSTONE/URS FLUEELER

Skispringer Simon Ammann – das ist der fliegende Harry Potter, ein einzigartiges Lachen und das propere Mundwerk mit herzerfrischenden Aussagen. Derzeit ist beim Toggenburger wenig von diesen Attributen zu spüren. Er befindet sich in einer Schaffenskrise. Dann wird der 35-Jährige zum Suchenden, was sich insbesondere in seiner Kommunikation ausdrückt.

Anstelle von kernigen Sprüchen rücken ausufernde Analysen. In diesen Momenten lebt Simon Ammann in seiner ganz eigenen Welt. Mit ihm auf Augenhöhe zu diskutieren, wird zum Ding der Unmöglichkeit. Wir haben es trotzdem versucht.

Simon Ammann, als Erstes müssen wir für das Gespräch eine Spielregel aufstellen!

Simon Ammann: Welche?

Sie sprechen nicht über technische Abläufe des Skispringens! Diese kapieren nur 50 Prozent der Anwesenden.

Ich werde es versuchen.

Simon Ammann

Geboren: 25. Juni 1981. – Wohnort: Schindellegi SZ. – Familie: Seit sieben Jahren verheiratet mit der Russin Yana, 2 Kinder (Théodore, 2 Jahre, Charlotte, 1 Monat)
Erfolge: Doppel-Olympiasieger 2002 in Salt Lake City und 2010 in Vancouver, Weltmeister 2007 in Sapporo, Skiflug-Weltmeister 2010 in Planica, Gesamtweltcup-
Sieger Saison 2009/10, insgesamt 23 Weltcupsiege, zuletzt am 29. 11. 2014 in
Ruka (Fi).

Viele Journalisten zittern vor Gesprächen mit Ihnen, weil sie Ihren Ausführungen nicht folgen können. Spüren Sie das?

Es war immer schon schwierig, die Qualität eines Sprungs zu erklären. Es laufen beim Skispringen nicht wie etwa bei der Formel 1 nebenbei zig Rechensysteme, welche den Beobachtern klar aufzeigen, was wann geschehen ist. Ich habe mich stets bemüht, Erklärungen zu liefern. Aber je mehr ich in die Details gehe, desto schwieriger sind diese für euch Journalisten zu verstehen.

Sie reden bei Erfolgen viel über Emotionen, bei Niederlagen hingegen über technische Aspekte. Wieso diese Diskrepanz? Eine Niederlage weckt doch auch Emotionen?

Wenn es gut läuft, ist vieles richtig, was du machst. Dann rückt dieses Thema automatisch in den Hintergrund. Wenn es nicht läuft, muss man bewusst an den Abläufen arbeiten. Auch, um sich von gewissen Emotionen nicht überrennen zu lassen. Man muss sich zwingen, bei den Fakten zu bleiben. Jeder Mensch hat Emotionen und grosse Träume. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit einem Traum allein nur ganz selten etwas gewinnt. Es geht im Sport darum, die Ausgangslage zum Erreichen eines Traums zu schaffen. In dieser Phase muss man sehr konzentriert arbeiten. Ich wüsste auch gar nicht, welche Emotionen ich in diesen Momenten mit den Leuten teilen sollte.

Nehmen wir den Heim-Weltcup in Engelberg. In Ihren Augen konnte man viele Emotionen ablesen, aber aus Ihrem Mund kam etwas ganz anderes.

Ich weiss, die Medien berichten viel lieber über Emotionen als über diese Details, welche die Leute sowieso nicht verstehen. Und sie suchen ständig danach. Das ist eure Aufgabe. Aber ich kann nicht viel damit anfangen, Emotionen zu liefern, die den Blick auf meine aktuelle Situation verfälschen.

Vor zehn Jahren haben Sie auf schlechte Sprünge noch deutlich emotionaler reagiert. Da kam auch mal ein Fluch über Ihre Lippen. Eine Frage des Alters?

Möchten Sie denn über fluchende Sportler schreiben?

Nicht unbedingt, aber einen Einblick in die Gefühlswelt von Simon Ammann erhalten, wenn er sportlich «leidet».

Wenn man älter wird, ist man schneller wieder gefasst, wenn etwas passiert. Und ich habe in meiner Karriere immer wieder Rückmeldungen erhalten, dass mich die Leute auch dann positiv wahrgenommen haben, wenn es mir nicht so lief. Unter dem Strich habe ich auf die Dauer viel mehr von diesem Image, als wenn ich mich unten an der Schanze ständig aufregen würde.

Man muss in einem solchen Prozess gewisse negative Aspekte rausfiltern können, sonst kommt man nicht mehr vorwärts. Und ich war im Verlauf meiner Karriere meistens dann erfolgreich, wenn ich die Sache möglichst emotionslos angegangen bin.

Aber für uns Journalisten ist es umgekehrt schwierig, wenn wir Rückmeldungen erhalten, mit denen wir nichts anfangen können.

Von jenen Dingen, an denen ich derzeit arbeite, versteht ihr tatsächlich kaum etwas. Das meiste davon ist nicht sichtbar. Man sieht nicht, wenn sich der Körper des Skispringers verkrampft und er fliegt wie ein Brett, anstatt wie ein schön, aerodynamisch, rund fliegender Mensch (lacht über seine Formulierung).

Wenn Sie nach Hause kommen, diskutieren Sie mit Ihrer Frau auch über Rotationsbewegungen und den falschen Absprungwinkel?

Nein, sicher nicht.

Und sie liegen nicht nächtelange wach im Bett, um nach Lösungen zu suchen?

Nein, das nicht. Ich habe seit längerem immer wieder mal eine Wachphase in der Nacht. Es sind körperliche Spannungen, die von den Sprüngen her rühren. Sie machen sich primär im Rücken bemerkbar.

Und was machen Sie dagegen?

Warten, bis ich wieder müde genug bin, um weiterzuschlafen.

Ihr zweijähriger Sohn Théodore wird sich bald dafür interessieren, was sein Vater den ganzen Tag so macht. Was sagen Sie ihm: Ich fliege durch die Luft?

Zurzeit springt vor allem er – vom Sofa herunter. Da muss ich ihm jetzt gar nichts erklären. Ich finde es schön, wenn Kinder aktiv sind. Und wenn Théodore vom Sofa springen will, dann soll er das tun. Solange er den Telemark nicht beherrscht, lassen wir ihn nicht auf die Schanze (lacht).

Es gelingt Ihnen also, das zu Hause zu parkieren, was Sie sportlich belastet?

Es ist meine Aufgabe, das so zu handhaben. Aber man darf nicht vergessen, dass gerade bei uns Skispringern, wo die körperliche Erholung ein zentrales Thema ist, du rund um die Uhr als Sportler denkst und handelst. Das muss man immer wieder gut mit dem Privatleben koordinieren. Es ist klar: Das bleibt eine ständige Herausforderung.

Eine Herausforderung ist umgekehrt doch auch, die brennenden Themen der Familie gedanklich nicht mit in den Sport hineinzutragen?

Diese Fragen werden mir jetzt etwas zu privat! Ich verstehe aber, dass Sie sie stellen. Ich kann es nur so beschreiben: Man muss immer wieder Lösungsansätze suchen, um Familie und Spitzensport unter einen Hut zu bringen. Was ich dazu noch sagen kann: Wenn du im Umgang mit Kindern selber nicht mehr kreativ genug bist, um eine Lösung zu finden, welche das Kind befriedigt, dann ist es ein deutliches Zeichen von Müdigkeit. Es ist ein Signal dafür, dass du Erholung nötig hast. Dies zu realisieren, war für mich ein interessanter neuer Aspekt.

Simon Ammann: «Je mehr ich in die Details gehe, desto schwieriger sind diese für euch Journalisten zu verstehen.»

Simon Ammann: «Je mehr ich in die Details gehe, desto schwieriger sind diese für euch Journalisten zu verstehen.»

KEYSTONE/AP/LEE JIN-MAN

Sie wurden vor einem Monat Vater einer Tochter. Verdoppelt sich mit dem zweiten Kind die Verantwortung?

Es ist in erster Linie ein schönes Gefühl. Wenn die eigene Familie grösser wird, dann nimmt sie mehr Platz im Leben ein. Ich habe mir das auch so gewünscht.

Sie sind noch immer ein Sprenzel. Aber ist es mit 35 Jahren schwieriger, das Idealgewicht eines Skispringers zu halten?

Ich habe alles erlebt. Ich hatte Phasen, in denen es mir leicht fiel. Es gab auch Phasen, wo ich viele Verpflichtungen hatte, aber sportlich nicht so viel lief. Dann war es eine Herausforderung, das Gewicht zu halten. Es gab auch Zeiten, in denen ich darauf schauen musste, dass das Gewicht nicht zu tief ist. Ich war aber nie ein grosser Schoggi-Esser, deshalb hielt sich alles im überschaubaren Rahmen.

Wenn Ihnen Mike Shiva im Frühling diesen Saisonverlauf vorausgesagt hätte, wären Sie heute noch Skispringer?

Ja gut, Mike Shiva glaubt man sowieso nichts. Ich ziehe nie zurück, das mache ich auch jetzt nicht. Als Sportler denkt man immer, man gelangt direkt ans Ziel. Aber es gibt halt ab und zu einige Kurven auf dem Weg. Man muss trotzdem versuchen, für sich einen möglichst geraden Weg zu finden.

Eine WM-Medaille ist ausser Reichweite

Simon Ammann startet diese Woche in Lahti zum neunten Mal an Nordischen Ski-Weltmeisterschaften. Aufgrund der enttäuschenden Saison ist nicht zu erwarten, dass er um die vorderen Ränge mitspringen wird. Solches kann man auch von den weiteren Schweizer Skispringern nicht erwarten.

Das Team befindet sich in einer veritablen Krise. Für Medaillengelüste sorgt in der Schweizer Delegation vor allem einer: Langläufer Dario Cologna. Doch auch der 30-jährige Bündner wartet in diesem Winter noch auf seinen ersten Sieg. Dennoch sagt Cologna vor der WM: «Medaillen sind für mich ein realistisches Ziel.» (rs)

Aber nerven Sie die Kommentare und Diskussionen, ob Sie den richtigen Moment des Rücktritts verpasst haben?

Den richtigen Moment gibt es ganz einfach nicht. Wer mir diesen mitteilen kann, der soll mir auch die Lottozahlen des nächsten Wochenendes verraten und wir teilen den Gewinn.

Dann stimmt es also für Sie trotz Krise noch immer?

So ist der Spitzensport. Er beinhaltet alle möglichen Wendungen. Das ist auch ein Grund, wieso ich ihn nach wie vor ausübe. Ich spüre es immer wieder, welche Herausforderungen das Skispringen bietet. Man muss aber bereit sein, extrem hart dafür zu arbeiten.

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