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Dem Doping dank Insidern den Garaus machen – in der Schweiz entsteht die grösste Whistleblower-Hotline im Sport

Leichtathletin Julija Stepanowa riskierte ihr Leben, als sie 2012 als Whistleblowerin die russischen Dopingpraktiken auffliegen liess.

Leichtathletin Julija Stepanowa riskierte ihr Leben, als sie 2012 als Whistleblowerin die russischen Dopingpraktiken auffliegen liess.

Am 1. Januar lanciert die «International Testing Agency» von Lausanne aus mit «Reveal» eine weltweit tätige Whistleblower-Plattform. Es soll eine äusserst wirksame Waffe im Kampf gegen Doping werden.

Die grössten Erfolge im Kampf gegen Doping glücken dank Informationen von sogenannten Whistleblowern. Von Menschen, die eine betrügerische Struktur mit Hinweisen aus dem Innern dieses Systems auffliegen lassen. Ohne den beeindruckenden Mut der Leichtathletin Julija Stepanowa und ihres Ehemanns Witali Stepanow wäre etwa der russische Dopingskandal nicht ans Licht gekommen.

Allerdings zeigt der Fall Stepanowa auch die Tragweite von Whistleblowing. Sie wandte sich 2012 mit ihren brisanten Informationen zuerst an die in Montreal ansässige Welt-Antidoping-Agentur (Wada) und weil diese nichts tat – oder aus der Sichtweise der Wada damals die Instrumente nicht hatte, um etwas zu tun – ging sie mit Hilfe des deutschen Investigativ-Journalisten Hajo Seppelt an die Öffentlichkeit. Mit der Konsequenz, dass das Ehepaar Stepanow Hals über Kopf aus Russland flüchten musste und seither in den USA lebt.

Schweiz wird zum Zentrum für Whistleblowing

Heute ist die Wada für einen «Fall Stepanowa» bereit. Seit März 2018 unterhält sie mit «Speak Up!» die weltweit grösste Whistleblowing-Meldestelle im Sport. Mehr als 900 Untersuchungen entstanden seither durch Informationen über diese Plattform . Nun erhält «Speak Up!» gern gesehene Konkurrenz. Und zwar in der Schweiz.

Die seit 2018 von Lausanne aus operierende International Testing Agency (ITA), die inzwischen die Anti-Dopingarbeit von 45 internationalen Sportorganisationen koordiniert, lanciert am 1. Januar 2021 die Whistleblowing-Hotline «Reveal» – auf deutsch «Enthüllen». ITA-Direktor Benjamin Cohen spricht von einem bedeutenden Schritt in der Arbeit gegen Doping.

Neben einem Experten für den Umgang mit vertraulichen Informationen als Kontaktperson zu den Zeugen, kümmern sich neun Mitarbeiter aus der Ermittlungsabteilung der ITA um die Weiterverarbeitung der Aussagen. An Arbeit dürfte es dem Team nicht fehlen. Dieser Ansicht ist auch der Deutsche Kriminologe Günter Younger, der seit vier Jahren für die Wada den Bereich Ermittlung leitet.

Enge Zusammenarbeit mit den Ermittlern der Wada

83 Prozent der Fälle, welche die Ermittler der Wada bearbeiten, stammen aus der Quelle von Whistleblowern. Aus Kapazitätsgründen gibt die Wada derzeit rund 90 Prozent dieser Verdachtsfälle an nationale Antidoping-Agenturen oder an unabhängige Abteilungen von Sportverbänden weiter. Im Jahr 2019 geschah dies 165 Mal.

Der Deutsche Kriminologe Günter Younger (rechts) arbeitete auch in der Kommission von Professor Richard McLaren zur Aufeckung des russischen Dopingskandals mit.

Der Deutsche Kriminologe Günter Younger (rechts) arbeitete auch in der Kommission von Professor Richard McLaren zur Aufeckung des russischen Dopingskandals mit.

Younger begrüsst die neue Konkurrenz ausdrücklich. Er kann sich einen engen Austausch mit der ITA auch im Bereich Whistleblowing gut vorstellen. Diese existiert bereits in vielerlei Hinsicht.

Zum Beispiel koordiniert die ITA aktuell die Dopingbekämpfung für den skandalumwitterten Verband der Gewichtheber, sie ist im Juli 2021 in Tokio erstmals für die Dopingtests bei Olympischen Spielen zuständig und sie leitet ab Januar die Nachkontrollen der Dopingproben von den Winterspielen 2014 in Sotschi. Insgesamt arbeiten inzwischen 65 Personen in Lausanne für die noch junge Organisation.

Nur wirksam, wenn Profis am Werk sind

Günter Younger sagt, dank der Verlinkung der ITA zu beinahe 50 Sportarten könne «Reveal» zu einer erfolgversprechenden Anlaufstelle für Whistleblower werden. «Aber nur, wenn es von Beginn weg von Experten betrieben wird und die internen Prozesse hoch professionell sind. Denn das Vertrauen eines Informanten gewinnt man nur, wenn dieser sieht, das auch etwas passiert.» Die Stepanows lassen grüssen.

Younger, der als Polizist in den Kampf gegen das organisierte Verbrechen involviert war, weiss, welches Risiko ein Whistleblower unter Umständen auf sich nimmt. «Deshalb ist das oberste Ziel die Geheimhaltung.» Der ITA empfiehlt er den Aufbau eines engen Kontakts mit staatlichen Ermittlern. Denn über die Whistleblowing-Plattform könnten auch Taten zur Sprache kommen, die zwingend an die Schweizer Strafverfolgungsbehörden gemeldet werden müssen.

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