Wimbledon
Déjà-vu für Federer vor dem Viertelfinal gegen Marin Cilic

Roger Federer trifft heute im Wimbledon-Viertelfinal (14 Uhr/SRF2) auf Marin Cilic.

Michael Wehrle, Wimbledon
Merken
Drucken
Teilen
Vermasselt erneut Marin Cilic Federers möglichen 18. Major-Titel?

Vermasselt erneut Marin Cilic Federers möglichen 18. Major-Titel?

Keystone

Die Zeit zur Revanche ist gekommen, heute in Wimbledon: Vor knapp zwei Jahren schien der Weg für Roger Federer zum 18. Grand-Slam-Titel offen. Der Japaner Kei Nishikori hatte beim US-Open Novak Djokovic aus dem Weg geräumt. Zwischen Federer und dem Triumph standen nur noch der Kroate Marin Cilic im Halbfinal und Nishikori.

Alle fünf Matches zuvor hatte Federer gegen Cilic gewonnen. Und Cilic, Juniorensieger 2005 des French Open, hatte bei den Grand-Slam-Turnieren auch noch keine grossen Stricke zerrissen. Nach Australien 2010 stand er als Nummer 16 der Welt erst zum zweiten Mal im Halbfinal eines der Majorturniere. Was sollte da für den Schweizer schon schiefgehen?

Doch alles ging schief. «Dann macht es bumm», trällerte einst Gerd Müller, Deutschlands Bomber der Nation. Singen konnte der Stürmer der Münchner Bayern nicht. Dafür schoss er die Bälle aus allen Lagen ins Netz. 68 Tore erzielte er in 62 Länderspielen. 365 Tore in 427 Bundesligaspielen.

Nachdem Marin Cilic Roger Federer aus dem Weg geräumt hatte, traf er im Final auf Kei Nishikori vom US-Open.

Nachdem Marin Cilic Roger Federer aus dem Weg geräumt hatte, traf er im Final auf Kei Nishikori vom US-Open.

Keystone

Wie ein Torhüter gegen Müller muss sich Federer vorgekommen sein. Cilic fegte ihn in drei Sätzen vom Platz. «Jeder Ball, den er schlug, flog rein», erinnert sich Federer und beschreibt: «Ich bekam eine Chance, es machte bumm, ich hatte eine weitere Chance, bumm.» Er habe nicht mal schlecht gespielt. «Aber noch selten bin ich so vom Platz geschossen worden», sagt er. Nie habe er sich in diesem Match frei gefühlt, das sei allerdings das Verdienst seines Gegners gewesen, der ihn dermassen unter Druck gesetzt habe.

Eindrucksvolle Schlussphase

Unglaublich eindrucksvoll habe Cilic in der Schlussphase des Turniers gespielt. Zunächst Tomas Berdych, dann ihn und am Ende Nishikori in drei Sätzen geschlagen. Drei Wochen bevor er 26 Jahre alt wurde, feierte Cilic den grössten Sieg seiner Karriere. Inspiriert auch von Stan Wawrinka, der im selben Jahr das Australian Open gewonnen und damit die vierjährige Siegesserie von Federer, Djokovic, Rafael Nadal und Andy Murray beendet hatte. «Stan hat uns allen klargemacht, dass auch wir anderen solche Turniere gewinnen können», sagte Cilic damals.

Ein Jahr zuvor geriet er bereits in die Schlagzeilen. Er war bei einer Dopingprobe in München hängen geblieben. Ein atem- und kreislaufstimulierendes Mittel war nachgewiesen worden. Weil er das Mittel unwissentlich über eine gekaufte Tablette eingenommen hatte und deshalb keine leistungssteigernde Absicht vorlag, sperrte ihn der Internationale Tennisverband für neun Monate. Der Sportgerichtshof in Lausanne reduzierte die Strafe auf vier Monate.

Bisher knüpfte Cilic noch nicht an seinen New Yorker Triumph an. Zu Beginn des Jahres 2015 stoppte ihn eine Schulterverletzung, in diesem Jahr verpasste er im Frühling die grossen Sandplatzturniere von Monte Carlo, Madrid und Rom wegen einer Knieverletzung. «Ich hatte in den vergangenen 18 Monaten einige Hochs und Tiefs», sagt Cilic.

Kann er auch am nächsten Sonntag lachen? Roger Federers Siegchancen in Wimbledon sind nach dem Ausscheiden von Novak Djokovic gestiegen.

Kann er auch am nächsten Sonntag lachen? Roger Federers Siegchancen in Wimbledon sind nach dem Ausscheiden von Novak Djokovic gestiegen.

KEYSTONE/AP/BEN CURTIS

Ein bisschen Pech mit den Verletzungen sei dabei gewesen. Dann sei es nicht einfach, wieder zurückzukommen. «Das Wichtigste ist, dass du selbst und dein Team an dich glauben», betont er. Die jetzige Situation sei kaum mit 2014 zu vergleichen. Dabei ist Djokovic wieder weg. Und Cilic gibt zu: «Ich bin schon etwas erleichtert, dass ich nicht mehr auf Djokovic treffen kann.» Der hätte im Halbfinal gewartet.

Federer dagegen hat den Nimbus des Unschlagbaren verloren. «Ich spiele hier wirklich gut, schlage stark auf und treffe den Ball», sagt Cilic. Sehr aggressiv sei er damals in New York gewesen: «So konnte Federer das Spiel kaum kontrollieren, das ist der Schlüssel gegen die besten Gegner.»

Der Aufschlag ist noch besser

Federer weiss, was ihn heute erwartet: «Ich habe mit ihm trainiert – 1-2 Aufschlag bumm, Vorhand – Aufschlag bumm, Rückhand.» Cilic habe seinen Aufschlag seit dem US-Open nochmals verbessert.

«Ich habe ihn noch nie so konstant so gut servieren gesehen», sagt er. Goran Ivanisevic leiste als Trainer sehr gute Arbeit, habe Cilic auf ein höheres Niveau gebracht. Er müsse sich darauf einstellen, dass Cilic noch einmal so auftrumpfe wie in New York. «Aber ich glaube es nicht», gibt sich Federer zuversichtlich: «Ich erwarte, dass ich mir Chancen erarbeiten kann.» Ein paar Ideen für den Return habe er.

«Zunächst aber muss ich mich auf meinen Service konzentrieren, ihn damit bei seinem eigenen Aufschlag unter Druck setzen», sagt Federer. Beide stehen in dieser Statistik ganz weit oben. Federer hat 97 Prozent seiner Aufschlagspiele gewonnen, zwei Breaks kassiert. Cilic kommt auf 95 Prozent, bei drei Breaks. Beim ersten Aufschlag hat er 90 Prozent der Punkte gewonnen.

Geheimnisse gibt es heute keine. Federer und Cilic kennen sich gut, mögen sich. «Wir haben im Dezember im gleichen Team in der Liga in Indien gespielt, zusammen sogar Doppel», erzählt Federer. Zum Team gehörte auch Ivanisevic. «Und ich habe jeden Moment mit ihnen genossen.»