EM Gruppe d
Debakel bei der EM: Russlands Fussball ist zur Unzeit am Boden

Zwei Jahre vor der Heim-WM steht der Verband vor einem Scherbenhaufen. Trainer Slutzki hat seinen Posten engeboten.

Christoph Stukenbrock
Merken
Drucken
Teilen
Der russische Torhüter Igor Akinfeev stellt sich nach dem blamablen Auftritt gegen Wales (0:3) den wütenden Fans. keystone

Der russische Torhüter Igor Akinfeev stellt sich nach dem blamablen Auftritt gegen Wales (0:3) den wütenden Fans. keystone

KEYSTONE

Hooligan-Terror, klägliches EM-Aus und keinen Plan für die Zukunft: Zwei Jahre vor der Heim-WM liegt der russische Fussball am Boden. Selbst Trainer Leonid Sluzki hat nach den desaströsen Auftritten in Frankreich keine Lust mehr auf die Sbornaja. Er stellte sein Amt nach der Schmach gegen EM-Neuling Wales (0:3) zur Verfügung.

«Nach so einem Turnier wie diesem braucht man einen anderen Trainer. Es ist sehr wichtig, dass man den russischen Fussball mit Blick auf die Heim-WM 2018 entwickelt», sagte Sluzki. Es liege nun am Verband, wie es weitergehe. Doch der Trainer, der die Mannschaft mit einem starken Quali-Endspurt erst zur EM geführt hatte, ist noch das kleinste Problem im russischen Fussball.

Ohne Sieg und mit nur einem Punkt aus drei Spielen schied der kommende WM-Gastgeber als Letzter der Vorrundengruppe B aus. «Ich kann mich nur bei den Fans entschuldigen. Wir waren in allen Bereichen schlecht. Es war mein Fehler», sagte Sluzki.

Der Trainer, der parallel auch den russischen Spitzenklub ZSKA Moskau betreut, hatte das Amt vor einem Jahr nach der Entlassung von Fabio Capello übernommen. Doch auch Sluzki konnte das dritte Vorrunden-Aus bei einem grossen Turnier hintereinander nicht verhindern.

«Wir haben wieder versagt», schrieb «Sport Express» nach dem nächsten Schock für die gebeutelte Sportnation Russland. Das russische Team sei in Frankreich «zerquetscht, zerstört, erniedrigt und beleidigt» worden. «Kommersant» schrieb von der «nächsten Fussball-Katastrophe» für das Riesenreich.

«Wir müssen etwas verändern»

International abgehängt, planlos, perspektivlos: Der russische Fussballverband RFS steht nach den Ausschreitungen seiner Fans in Frankreich nun auch sportlich vor einer gewaltigen Aufgabe. Die Situation erinnert ein wenig an die des deutschen Teams nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000. In Deutschland wurde damals die Talentförderung grundlegend reformiert.

In Russland ist von einer ähnlichen Philosophie bislang nichts zu erkennen. «Wir müssen aus dem Turnier unsere Schlüsse ziehen und hart arbeiten», sagte der russische Sportminister Witali Mutko mit ziemlich gleichgültigem Gesichtsausdruck. Einen genauen Plan oder konkrete Massnahmen blieb der Verbandspräsident aber schuldig. Die nationale Liga müsse wachsen, neue Spieler ausgebildet werden, sagte er nur.

Doch dies allein wird kaum helfen. Bis auf den bei der EM enttäuschenden Roman Neustädter stehen sämtliche Spieler bei russischen Klubs unter Vertrag. Selbst gegen Wales, 26. der Fussball-Welt, war die russische Mannschaft heillos überfordert.

«Wir müssen etwas verändern», sagte Verteidiger Wasilij Beresuzki. Der 34-Jährige, der mit der Halbfinal-Teilnahme bei der EM 2008 noch das letzte Hurra des russischen Fussballs miterlebte, fordert tiefgreifende Reformen: «Wir müssen junge Spieler entwickeln und uns verbessern.» Denn, so lautete Beresuzkis traurige Erkenntnis: «Wir haben keine besseren Spieler, die Besten waren bei der EM dabei.»