Kolumne
Daumendrücken für den Sport und die Welt

Steffi Buchli war «MySports»-Programmleiterin sowie für SRF bei Olympia und anderen Grossanlässen dabei. Sie schreibt als Kolumnistin über Themen aus der Welt des Sports. 2021 wird sie Sportchefin der Blick-Gruppe.

Steffi Buchli
Steffi Buchli
Merken
Drucken
Teilen
Auf unabsehbare Zeit wird es in den Profiligen wieder zu Geisterspielen kommen.

Auf unabsehbare Zeit wird es in den Profiligen wieder zu Geisterspielen kommen.

Urs Lindt/freshfocus

Diese Woche kam es knüppeldick. Der Bundesrat musste aufgrund der stark ansteigenden Coronazahlen reagieren. Er hat einschneidende Massnahmen getroffen, die meiner Meinung nach unausweichlich und sinnvoll sind, die aber den Profisport in seiner Existenz bedrohen. Mit dem Wegfall der Zuschauer werden die Klubs ihrer grössten Einkommensquelle beraubt: Ticket- und Gastroeinnahmen fallen weg, während die Kostenseite nicht entlastet wird. Die Situation ist dramatisch. Die Schweizer Profiligen Fussball und Eishockey rufen dieser Tage lauthals um Hilfe.

Das ist aus ihrer Optik völlig verständlich, stösst aber mancherorts auf taube Ohren: «Die Fussballer, die so viel verdienen, die müssen sich jetzt sicher nicht beklagen!» Internationalen Superstars, die mit dem Louis-Vuitton-Necessaire unter dem Arm von Gold-Steaks schwärmen sei Dank – eine Stammtisch-Meinung, die nicht die Realität spiegelt. Die Saläre in der Schweizer Fussball-Super-League haben wohl eine grosse Bandbreite, die Topverdiener sind aber deutlich in der Minderheit.

Ein wenig anders sieht die Situation im Eishockey aus. Dort ist das Salär-Niveau in der Tat hoch (die meines Erachtens zu hohen Löhne werden sich in oder nach dieser Krise korrigieren, das liegt in der Natur der Sache). Rechtfertigt dies aber die Grundhaltung «die sollen doch jetzt nicht so tun»?

Ich meine: nein! Denn ein Profi-Sportklub besteht nicht nur aus 20 Spielern. Da sind der Mann vom Ticketing, die Masseurin, der Juniorentrainer, die Sekretariatsmitarbeiter und die Leute im Service des Stadion-Restaurants. Profiklubs sind KMU, die nun am Rande des Ruins stehen. Der Sport ist ein relevantes Ökosystem mit einer ebenso relevanten Wertschöpfung.

Hinzu kommt aber noch seine gesellschaftliche Bedeutung: Sport ist wie Kunst und Kultur identitätsstiftend – quasi Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält – und hiermit ein Sonderfall. Wie sehr soll der Sport nun auch ein volkswirtschaftlicher Sonderfall sein? Das ist die heikle Frage, die der Bund unter Hochdruck wird beantworten müssen. Zinslose Darlehen bieten einen Krückstock. Ob dieser das Hinfallen der Profiklubs verhindern kann, wage ich zu bezweifeln. Die Wiedereinführung einer speziellen Kurzarbeitsregelung wäre ein Segen für die Klubs.

Bis auf weiteres läuft der Betrieb im Fussball und im Eishockey. Immer wieder landen ganze Mannschaften in Quarantäne, der Spielplan gleicht einem Flickenteppich. Sport auf Geisterspiel-Sparflamme – kein Ticket wird verkauft und kein Bier fliesst aus dem Zapfhahn, aber immerhin fliesst so noch das TV-Geld.

Sie erlauben mir die ketzerische Frage: Macht das alles noch Sinn? Sport ist Entertainment. Die magische Dramaturgie eines Wettkampfs, die wir so lieben, ist in der momentanen Situation zum absoluten Nebenschauplatz geworden. Nicht Hattricks, Flops und Helden, sondern Kosten-Nutzen-Rechnungen, offene Briefe und der drohende Untergang dominieren die Schlagzeilen – Sportberichterstattung mal anders. Es ist die sehr partikuläre Betrachtung eines viel grösseren Elends.

Die Welt steckt in einer beispiellosen Krise. Wir sind so weit, dass Menschen in Zürich (sic!) bei Essensausgaben Schlange stehen, weil sie sich keine Mahlzeit mehr leisten können. Ganze Wirtschaftszweige, z.B. die Reise- oder die Gastrobranche sind am Boden. Mein ungefragt erteilter Ratschlag an die Klubs und die Ligen: Wir lieben den Sport, wir haben verstanden, wir leiden mit euch. Aber ich glaube, dass öffentlich nun genug gejammert wurde.

Nun gilt es, demütig und mit diplomatischem Geschick auf politischer Ebene zu retten, was zu retten ist und derweil im stillen Kämmerlein an der eigenen Wiederauferstehung zu arbeiten. Eine Welt ohne Profisport wird es nie geben, davon bin ich überzeugt. Aber das über Jahrtausende bewährte wie simple Geschäftsmodell «Brot und Spiele» wird es so nie mehr geben. Auf den Sport kommt eine einschneidende Phase der Erneuerung zu. Wir drücken ihm einen Daumen, den anderen brauchen wir für den Rest der Welt.