Es ist der Tag nach dem schönen 5:2 gegen Ungarn. Der Sieg ist schon weit weg. Jetzt zählt nur noch Portugal. In Lissabon wärmt die Sonne die Schweizer Herzen weiter auf. Das Licht schlängelt sich wunderbar durch die Gassen der Stadt mit den steilen Hügeln. Die Touristen drängen sich in die Trams, bestehend aus jeweils einem einzigen Waggon, damit sie nicht wieder rückwärts den Berg runterrollen.

Im Bairro Alto, mitten in der Altstadt, serviert Kellner Luis Fischsuppe und Oliven. Er verspricht: «Portugal wird am Dienstag gegen die Schweiz gewinnen. Aber es wird ein harter Kampf. Was die Schweiz bis anhin geleistet hat, ist aussergewöhnlich. Respekt ist ihnen gewiss.»

Respekt? Ja. Aber echte Sorgen, Portugal würde gegen die Schweiz nicht gewinnen? Nein. Zu gross ist das Vertrauen in Cristiano Ronaldo.

«Ich hätte wohl gedacht: Okay, dann sind wir schon vor dem letzten Spiel für die WM qualifiziert.»

Der Goalie antwortet auf die Frage, wie er reagiert hätte, wenn ihm jemand vor der WM-Qualifikation gesagt hätte, die Schweiz gewinnt ihre ersten neun Spiele alle.

«Ich hätte wohl gedacht: Okay, dann sind wir schon vor dem letzten Spiel für die WM qualifiziert.»

Immer wieder Ronaldo. CR7 ist seit Tagen das dominierende Thema. Wie ist er zu stoppen? Was macht ihn aus? Captain Stephan Lichtsteiner sagt: «Es gibt kein Rezept gegen ihn, sonst würde er nicht seit Jahren so viele Tore erzielen.»

Valon Behrami sagt: «Wir müssen ähnlich agieren wie gegen Argentinien und Messi an der WM 2014. Damals hatten wir ihn lange im Griff.» 118 von 120 Minuten. Es hat Messi dann doch gereicht, um in der Verlängerung zum entscheidenden Sprint anzusetzen. «Aber das Spiel in Lissabon dauert ja nur 90 Minuten», sagt Nationaltrainer Vladimir Petkovic mit einem breiten Lächeln.

Tore gegen den Makel

Die Frage ist, ob die Schweizer bereit sind für die grösste Herausforderung seit der EM im Sommer 2016. Zehn Siege hintereinander stehen mittlerweile zu Buche. Die Spieler bauen die Rekordserie munter aus. Alle neun Spiele der WM-Qualifikation hat dieses Team gewonnen. Kein Sieg war dabei überzeugender als jener am Samstag gegen Ungarn.

Das 5:2 darf als perfekte Vorbereitung auf den Showdown gegen Portugal gelten. Zum einen natürlich wegen der fünf Tore. Sie schärfen die Überzeugung, effizient sein zu können. Auch wenn es am Ende sieben oder acht Treffer hätten sein können.

Auch wenn manchmal der ungarische Torhüter tatkräftig mithalf. Jedes Tor tut gut. Gerade weil diese unzureichende Fähigkeit, die Tore zu schiessen, trotz aller Siege immer irgendwie als Makel haften blieb.

Die Schweiz war immer dominant. Immer überzeugt von den eigenen Stärken. Immer aktiv.

«Das wird ein langer und harter Abend vor dem TV.»

Wegen einer Verletzung am Samstag beim Sieg gegen Ungarn nur als moralische Unterstützung dabei. Nun muss er zu seinem Verein Udinese zurück. Und darum am Dienstagabend am TV zuschauen, ob sich die Schweiz für die WM qualifiziert.

«Das wird ein langer und harter Abend vor dem TV.»

Sie liess dem Gegner erst Luft zu atmen, als das Spiel längst entschieden war. Aber vielleicht ist es ja gut, hat sie noch zwei Gegentore einstecken müssen. Das verleitet nicht zu allzu grossen mentalen Höhenflügen. Es schärft eher das Bewusstsein, dass es mehr braucht für das perfekte Spiel als 60 Minuten konzentrierten Fussball. «Wir sollten in Portugal schon einiges besser machen», sagte Granit Xhaka. Das perfekte Spiel soll erst noch folgen.

Die Mannschaft will mehr

Als die Schweizer ihren Sieg gegen Ungarn aufarbeiteten, taten sie das ausnahmslos nüchtern. Und mit dem Sinn für die Realität. Torhüter Yann Sommer sagt: «Unsere neun Siege sind ab sofort vergessen.» Captain Lichtsteiner antwortet auf die Frage, welche Leistung in den bisherigen Quali-Spielen denn die beste war: «Ich hoffe, es wird jene im zehnten.» Behrami, der verletzte Vorkämpfer, der zu seinem Klub Udinese zurückmuss und die Nati darum nicht weiter moralisch unterstützen kann, sagt: «Es war ein starkes Signal in Richtung Portugal.»

Portugal also. Ein Unentschieden reicht zur WM-Qualifikation. Aber reicht das auch dieser Schweizer Mannschaft? Der Eindruck sagt: Nein! Diese Mannschaft will mehr. Sie will auch in Portugal den Sieg.

«Es gibt kein Rezept gegen Ronaldo. Wenn es das gäbe, würde er nicht Jahr für Jahr so viele Tore erzielen.»

Der Captain stellt klar, dass Ronaldo nicht per Knopfdruck auszuschalten ist. Es bedarf einer Team-Leistung – genau das hat die Schweiz zuletzt ausgezeichnet.

«Es gibt kein Rezept gegen Ronaldo. Wenn es das gäbe, würde er nicht Jahr für Jahr so viele Tore erzielen.»

Wenn man das nun so ohne weitere Erklärungen liest und spürt, könnte schnell der Verdacht aufkommen, die Schweizer wären übermütig geworden oder gar arrogant. Weil sie im Überschwang der Siege das Gefühl hätten, sie könnten den Europameister einfach mal schnell entzaubern.

Doch man sollte sich lösen von diesem Verdacht. Denn der Wille zum Sieg hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Er ist schlicht ein Zeichen für den Glauben in die eigene Stärke. Es ist zudem kaum etwas falsch daran, nach vielen guten Auftritten seine Gewohnheiten zu behalten. Die Schweizer ahnen: Wenn sie nun plötzlich spielen, um nicht zu verlieren, dann könnte vieles schiefgehen. Warum sich also erdrücken lassen?

Nein, das will niemand. Lieber soll der Europameister im «Estadio da Luz», im Licht von Lissabon, ein bisschen staunen.