Florence Griffith-Joyner

Das Vermächtnis der Diva: Viele Antworten fehlen auch noch 22 Jahre nach ihrem Tod

Florence Griffith-Joyner nach dem 100-Meter-Final an den Olympischen Spielen 1988.

Florence Griffith-Joyner nach dem 100-Meter-Final an den Olympischen Spielen 1988.

Florence Griffith-Joyner hat mit Weltrekorden die Leichtathletik aufgemischt. Die Verwunderung war gross, die Skepsis und die Zweifel noch grösser

Von 10,76 auf 10,49 Sekunden über 100 Meter. Von 21,71 über 21,56 auf 21,34 Sekunden über 200 Meter. Vor 32 Jahren hatte im Frauen-Sprint eine neue Zeitrechnung begonnen. Nicht mehr der Hundertstel war die Einheit, die den Unterschied machte, sondern der Zehntel. Florence Griffith-Joyner oder Flo-Jo, wie sie auch genannt wurde, stiess in Sphären vor, die für Frauen unerreichbar schienen.

Die Amerikanerin, die zuvor vor allem durch ihre überlangen bunten Fingernägel, den hautengen Anzug und ihre wehende Mähne aufgefallen war, überzeugte mit einer Qualität fern jeder Vorstellungskraft. Griffith-­Joyner, die bis dahin zu wenig gut für Siege war, war ihrer Konkurrenz überlegen. Aus dem Sternchen, das mit seiner Extravaganz einen Hauch von Hollywood auf die Tartanbahn brachte, war eine Athletin von einem anderen Stern geworden. Aus dem Nichts heraus. Ansatzlos.

Kein Beweis und viele Hinweise

Den Weltrekord über 100 Meter stellte Griffith-Joyner am 16. Juli 1988 in Indianapolis bei den amerikanischen Ausscheidungswettkämpfen für die Olympischen Spiele in Seoul auf. Im Zwischenlauf drückte sie die Bestmarke, die ihre Landsfrau Evelyn Ashford fast vier Jahre zuvor in Zürich aufgestellt hatte, um 27 Hundertstel. Über 200 Meter lieferte sie die grosse Show auf der grösstmöglichen Bühne, unter dem Banner mit den fünf Ringen. In Südkoreas Hauptstadt lief sie drei Monate später innert weniger Stunden im Halbfinal 21,56 und im Final 21,34. Die Liste mit den weltweit Besten führt sie seither mit 37 Hundertsteln Vorsprung vor den DDR-Sprinterinnen Heike Drechsler und Marita Koch an.

Die Verwunderung war gross, die Skepsis und die Zweifel noch grösser. Wer Leistungen in nicht für möglich gehaltenen Dimensionen erbringt, gerät zwangsläufig ins Zwielicht. Der Verdacht des Dopingmissbrauchs lag auf der Hand. Leistungsdiagnostiker, Trainer und Sportmediziner waren sich einig, dass solche Quantensprünge auf dem gängigen Weg nicht machbar sind. Griffith-Joyner konnten aber nie unerlaubte Mittel nachgewiesen werden. Vermutungen über vertuschte Kontrollen verhallten als Gerüchte.

Hinweise gab es gleichwohl genug. Da waren die körperlichen Veränderungen. Aus der leichtfüssigen, grazilen Athletin war eine muskelbepackte Läuferin mit dunkler Stimme geworden. Da war aber vor allem ihre rasante sportliche Entwicklung. Innerhalb eines Jahres steigerte sie sich über 100 Meter um fünf und über die halbe Bahnrunde um sechs Zehntel und schaffte Werte, mit denen sie selbst Marion Jones, eine weitere Landsfrau und eine geständige Dopingsünderin, deutlich in den Schatten stellte.

Wer wie ein Mann laufen will, muss wie ein Mann trainieren

Griffith-Joyner bestritt selbstverständlich alle Vorwürfe. «Ich habe nie gedopt. Es ist traurig für den Sport, dass Athleten glauben, verbotene Mittel nehmen zu müssen, um Sieger zu werden», sagte sie einmal. Die Erklärung für ihre Wandlung lieferte sie gleich mit. «Ich war es leid, immer Zweite zu sein. Wenn man wie ein Mann laufen will, muss man auch wie ein Mann trainieren.»

So schnell sie sich in die Rekordbücher katapultiert hatte, so schnell beendete Griffith-Joyner nach ihren Grosstaten ihre Karriere. Fünf Monate nach den Spielen in Seoul erklärte sie den Rücktritt – und nährte damit ein weiteres Mal die Mutmassungen. Sie stand im Alter von 29 Jahren im Zenit ihres Schaffens, sie hätte ihre drei olympischen Goldmedaillen zu sehr viel Geld machen können. Ihr Marktwert wurde auf rund 50 Millionen Dollar geschätzt.

Skeptiker sahen in ihrem Abgang die Flucht vor weiteren Nachforschungen und anhaltenden kritischen Fragen. Die Angst, dereinst doch noch entlarvt zu werden, soll die Kalifornierin zu ihrem Entscheid getrieben haben. Florence Griffith-Joyner wurde nicht ganz 39 Jahre alt. Ihr frühes Lebensende stiess die Diskussionen über Folgeschäden des Konsums unlauterer Mittel an. Die Meinung, die schnellste Frau der Welt habe für ihren Nimbus mit dem Tod bezahlt, war nicht unbegründet. Der Grat, auf dem sich Athleten bewegen, die zu häufig in den Arzneimittelkasten greifen, kann jedenfalls sehr schmal sein.

Die Obduktion förderte allerdings keine neuen Erkenntnisse zu Tage – oder sie wurden auf Geheiss von wem auch immer unter Verschluss gehalten. Die Ärzte schlossen Dopingmissbrauch aus. Die Gerichtsmediziner stellten eine angeborene Anomalie des Gehirns fest, als Todesursache nannten sie einen Schlaganfall.

Die Wahrheit über die Todesursache wird nie ans Licht kommen. Flo-Jo hat sie mit ins Grab genommen. Ihr Vermächtnis wird Bestand haben. Die Zeitrechnung im Frauen-Sprint ist noch immer die gleiche. (sda)

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